Dahn RHEINPFALZ Plus Artikel Der Besucher entscheidet, was er sieht

„Abendmahl“ nennt der Künstler Karl Geistlich dieses metergroße Gemälde. Er selbst ist gleich zweimal hinten in der Bildmitte de
»Abendmahl« nennt der Künstler Karl Geistlich dieses metergroße Gemälde. Er selbst ist gleich zweimal hinten in der Bildmitte des Gemäldes zu sehen.

Der Ausstellungstitel „Missbrauch, Obsession und Gebirge“ lässt in der Dahner Kreisgalerie eine verwirrende Bilderschau von Karl Geistlich erwarten. Der Zusammenhang zwischen Landschaften, Klettern und sexuellen Obsessionen erschließt sich auch nicht auf Anhieb. Der Schlüssel liegt aber näher als gedacht.

Zu seinem 60. Geburtstag hat der Landkreis Südwestpfalz dem lange Jahre in Hauenstein lebenden Künstler die Ausstellung in der Kreisgalerie geschenkt und Geistlich revanchierte sich mit zwei großformatigen Gemälden, die nun dem Kreis Südwestpfalz gehören. Vielleicht findet sich ja ein Plätzchen in der Kreisverwaltung für die Gemälde.

Die Ausstellung des 1960 in Pirmasens geborenen und im südpfälzischen Offenbach lebenden Künstlers wirkt auf den Betrachter zunächst recht zusammenhanglos, was aber bei Geistlich nicht verwundert. Der detailreich malende Künstler liebt es, den Betrachter zu verwirren. Obwohl er es kann, verweigert sich Geistlich der allzu perfekten Ölmalerei und lässt immer das Künstliche der von ihm geschaffenen Bildwelten durch eine flächigere Malweise stehen.

Ein Gemälde von Karl Geistlich zeigt auf den ersten Blick eine klare Aussage, wirkt manchmal sogar oberflächlich und platt. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sich jedoch die wahren Hintergründe. Ein Blutstropfen oder ein seltsamer Blick stören und leiten auf die richtige Fährte. So auch in der aktuellen Ausstellung in der Dahner Kreisgalerie, die einen weiten Bogen spannt.

Zu sehen sind Narren mit Königskrone und Könige mit Narrenkappe. „Kronen machen Leute“, könnte der Titel der beiden Bilder sein. Geistlich liebt es auch, immer ganz aktuelle Themen aufzugreifen und so verwundert es nicht, dass er ein mehrdeutiges Gemälde zum Coronavirus gemalt hat. Vor der mehrfachen Aufforderung „Abstand halten“ in verschiedenen Sprachen sind zwei mit Ketten gefesselte Hände zu sehen. Wie bei Geistlich üblich, verweigert der Künstler auch in diesem Bild die plakative, klare Aussage und überlässt es dem Betrachter zu entscheiden, ob er sich mit dem Bild als Kritiker der Coronamaßnahmen geoutet hat oder das Virus selbst als Kette für die Freiheit der Menschheit ansieht.

Eine klarere Position ergibt sich hingegen bei dem Gemälde „Kardinal“. Ein katholischer Würdenträger ist mit einem kleinen Kind an der Hand von hinten zu sehen. Die Anspielung auf den massenhaften sexuellen Missbrauch nicht nur in der katholischen Kirche ist unverkennbar. Verwirrend sind aber die anderen Bilder in der Nachbarschaft in diesem Kontext, die Frauengestalten mit begehrendem Gesichtsausdruck zeigen. Der Künstler liebt es, Abgründe auf den Leinwänden zu öffnen, und das ist dann auch die Brücke zu den Gemälden mit Panoramen im Hochgebirge. Karl Geistlich scheint die Kletterei und das Bergwandern zu schätzen. Wie im Menschen, so öffnen sich aber auch in fantastischen Gebirgslandschaften überall Abgründe, die den dort Wandernden zu verschlingen drohen.

„Frei“ ist der Titel eines anderen Bildes, das einen Krähenvogel zeigt, der sich vor einer Bergkette in die Lüfte schwingt. Der Künstler, der sich mit seinen Farben und Leinwänden zu Höhenflügen aufschwingt, dabei aber immer auch die Sicherung im Blick hält. So wie auf dem Gemälde „Die Wand“, auf dem Seil und Karabinerhaken über einen gemalten Bilderrahmen aus der Leinwand herauszuhängen scheinen. Wenn Geistlich will, kann er auch die Illusion so malen, dass sie perfekt wirkt. Er will nur nicht rein illusionistisch malen.

Die politische Aussage findet sich in dieser Ausstellung im Flur der Kreisgalerie. Dort hat der Pirmasenser eine Installation vorbereitet, die viele Fischdosen auf einem Regal mit viel Plastik in verschiedener Form zusammenbringt. „Unsere Ozeane“ ist der Titel des Werks, und die Anspielung auf die Verschmutzung und Überfischung der Weltmeere ist hier überdeutlich. Manchmal muss auch ein Künstler wie Karl Geistlich ganz deutlich werden, damit es auch jeder versteht.

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