Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Dörr-Kartonagen: Keine Kartons mehr aus Pirmasens

Bernhard Buech ist froh, wenn die Hallen und Maschinen noch verkauft werden.
Bernhard Buech ist froh, wenn die Hallen und Maschinen noch verkauft werden.

Nach 118 Jahren ist Schluss. Dörr-Kartonagen hat im April die Produktion eingestellt. Die ausufernde Bürokratie ist einer der Gründe für das Ende des Traditionsunternehmens.

„Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, sagt Geschäftsführer Bernhard Buech. Im Dezember sei allen 19 Mitarbeitern von Dörr-Kartonagen zum 30. April gekündigt worden. Zu den besten Zeiten seien es 42 gewesen. Momentan sind nur noch er selbst und sein Prokurist vor Ort, um das Unternehmen abzuwickeln. Buech hat sich für eine Liquidation entschieden. Mit einer Insolvenz machten es sich Unternehmer viel zu einfach und wälzten die Kosten auf die Allgemeinheit ab, so seine Meinung. Mit seinen Mitarbeitern habe er sich ohne böses Blut getrennt.

Gründe für das Ende des Unternehmens gibt es laut Buech viele. Den Anfang habe die Corona-Krise gemacht. „Die Schuhbranche hat unter Corona gelitten, wie kaum eine andere“, so seine Einschätzung. Ein Großteil des Umsatzes der Firma machten Schuhkartons aus und da die Geschäfte keine Schuhe verkauften oder verkaufen durften, waren auch keine Kartons nötig. Zudem sei dem Mittelstand das Geld ausgegangen. Die Kundschaft kaufe nicht mehr so viele Schuhe.

Zeitfresser Bürokratie

2022 habe es begonnen, dass Kunden ihre Zahlungsziele immer mehr streckten. Später wurden auch diese nicht mehr eingehalten. „Wir haben untereinander versucht, das so hinzukriegen, dass es weitergeht“, schildert Buech die Bemühungen des Netzwerks aus Schuhherstellern und Zulieferern. Es reichte nicht. Die Insolvenz von Semler habe ihn im Entschluss für die Abwicklung seiner Firma bestätigt. Ein zweiter gewichtiger Grund seien die aus dem Ruder gelaufenen Personalnebenkosten. Jeden Monat habe er ein Mehrfaches dessen, was er seinen Mitarbeitern gerne gezahlt habe, an Finanzamt, Krankenkasse, Arbeitsagentur und andere Nutznießer des Faktors Arbeit zahlen müssen. „Da stimmt was nicht im System“, findet der Unternehmer.

Er kritisiert die „ausufernde Bürokratie“ stark: „Wir haben uns tot reguliert.“ Als Beispiel nennt Buech die Daten, die er an das Statistische Bundesamt übermitteln müsse: etwa den Wasserverbrauch, also was die Mitarbeiter trinken und wie viel sie für Händewaschen benötigen. Oder die Dokumentation, dass bei ihm keine Kinder beschäftigt sind. „Das wird doch schon von mehreren anderen geprüft“, sagt Buech und kann nicht nachvollziehen, wieso jede Behörde alles nochmal wissen wolle. Die Behörden sollten lieber die Strafen erhöhen, wenn einer erwischt wird, der sich nicht an Arbeitsgesetze hält. Stattdessen seien die Ordner in seinen Aktenschränken immer dicker geworden, mit denen er jede noch so mickrige Kleinigkeit dokumentiert habe.

Materialkosten steigen massiv an

Mit den Schuhkartons habe es in der Branche schon länger geschwächelt. Buech, der sich persönlich für Displaybau und aufwendige Verkaufskartons begeistern kann, versuchte es mit neuen Maschinen und einer Erweiterung des Sortiments auf komplexe Faltobjekte. Vor zwei Jahren habe er 600.000 Euro in neue Maschinen gesteckt. Buech selbst habe sich als Autodidakt in den Displaybau eingearbeitet und im Betrieb mit Begeisterung an Lösungen für spannende Produktpräsentationen gearbeitet.

Als Display bezeichnet die Branche Kartonregale und Werbeträger, die meist in Supermärkten im Gang stehen und Produkte ganz besonders in den Blick des Kunden rücken sollen. Der Umsatz mit solchen Produkten habe jedoch nicht gereicht, um die Umsatzrückgänge aus den Schuhkartons auszugleichen. Zumal die Materialkosten massiv gestiegen seien. Vor Corona habe er für eine Tonne Karton 500 Euro gezahlt. Jetzt seien es 1200 Euro.

Gebäude und Maschinen stehen zum Verkauf

Momentan läuft die Abwicklung des Unternehmens. Einige der Maschinen seien schon abgeholt worden. Kunden würden zu anderen Unternehmen weitergeleitet, von denen sie wüssten, dass die das Gewünschte leisten können. „Jede Woche ruft ein potenzieller neuer Kunde an. Wir hatten in Pirmasens keine Konkurrenz“, erzählt Buech. Stanzformen und Druckdaten würden gleich mitgeliefert. Gebäude und die restlichen Maschinen stünden zum Verkauf. Für die Hallen gebe es zwei ernsthafte Interessenten. Von seinen Mitarbeitern wisse er, dass alle wieder eine neue Arbeit gefunden hätten. Was er selbst machen wird, sei noch offen. „Ich will wieder ein normales Leben führen“, betont er und meint damit ein Angestelltenverhältnis, wie er es vor der Übernahme der Firma Dörr hatte.

Dörr Kartonagen wurde 1907 von Karl Friedrich Dörr als Fabrikation von Schuhkartons und Hinterkappen gegründet. Produziert wurde damals in der Teichstraße, wo heute der Parkplatz des Bauamtes ist. Der Betrieb ging mehrfach innerhalb der Familie Dörr auf andere Besitzer über. 1969 wurde das heute noch stehende Werk am Naturheil gegründet. 2004 beendete Dörr die Herstellung von Hinterkappen. Hans-Joachim Dörr, der letzte Dörr in der Geschäftsführung, verkaufte den Betrieb schließlich 2018 an Bernhard Buech, der aus dem Saarland stammt und von Pirmasens ganz begeistert ist. „Das Netzwerk und die Wirtschaftsförderung hier sind saugut“, lobt er und wird ein bisschen sentimental: „Ich finde es einfach nur noch todtraurig.“

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