Interview Christina Roterberg spricht über Händels Oratorium „Messias“ in Pirmasens

Die Sopranistin Christina Roterberg ist am Sonntag Solistin in Händels „Messias“.
Die Sopranistin Christina Roterberg ist am Sonntag Solistin in Händels »Messias«. Foto: Van der vegt

Sie sind schon wiederholt in Pirmasens aufgetreten. Ich nehme also an, Sie kommen gerne hier her. Warum eigentlich?
Ich komme gern wegen der Menschen nach Pirmasens. Es ist immer ein herzliches Willkommen. Beinahe so vertraut wie ein Stück Familie.

Was schätzen Sie am Oratorienchor, mit dem Sie am Sonntag auftreten?
An den Singenden im Oratorienchor schätze ich ihre Begeisterungsfähigkeit und ihren Enthusiasmus, Freude und Stolz.

Sie geben weltweit Liederabende – worin unterscheidet sich da das Publikum zum Beispiel in Deutschland von dem in Japan?
In Japan singt man oft vor Tausenden. Das sind ganz andere Dimensionen mit gigantischen Konzertsälen. Oder sollte ich lieber Konzerthallen sagen? Und die sonst so diszipliniert konditionierten Asiaten rasten bei klassischer Musik so lautstark im Applaus aus, als wäre eine weltberühmte Rockband aufgetreten.

Sie sind musikalisch in den unterschiedlichsten Genres vertreten. Wie weit reicht da Ihre Bandbreite und was bevorzugen Sie?
Nun ja, ich liebe alles, was ich tue, und ich empfinde meine Verbindung zur Musik, zur Kunst überhaupt als existenziell und grenzenlos. Wenn ich singe, dann fühle ich mich unsterblich. Neben meiner Konzerttätigkeit singe ich immer wieder Opern. So dieses Jahr in Bayreuth und München die Pamina in Mozarts „Zauberflöte“. Auch arbeite ich mit Leidenschaft als Schauspielerin und Sprecherin. Und mit Erfolg führe ich immer wieder mein selbst geschriebenes Theaterstück „ChristinaWasa“ über die legendäre Schwedenkönigin mit dem Barockduo „La Porta Musicale“ auf. Einige Jahre sang ich auch in einer Rockband in Berlin. Das macht auch großen Spaß, wenn die Leute tanzen und feiern zur eigenen Musik in coolen Clubs.

Was würden Sie gerne einmal singen, woran Sie sich aber noch nicht gewagt haben?
Antonin Dvorak ist einer meiner Lieblingskomponisten. Schon seit Kindertagen träume ich davon, in seiner Oper „Rusalka“ die Partie der Wassernixe Rusalka zu singen. Das ist eine große, romantische Partie. Ein Märchen. Traurig und schön. Über die Liebe natürlich.

In Pirmasens singen Sie im „Messias“. Was schätzen Sie an diesem Oratorium?
Am „Messias“ schätze ich vor allem die wunderbaren Chorstücke. Vielgestaltig, reich an der Zahl, mal majestätisch, mal innig, mal dramatisch, mal einfach nur triumphierend wie das weltberühmte „Halleluja“. Ich glaube, dieses Stück kennt jeder, der im Publikum sitzen wird.

Kennen Sie Lampenfieber?
Lampenfieber ist mir fremd. Ich spüre stets eine positive Anspannung und Fokussierung. Vor jeder Vorstellung und vor jedem Konzert gehe ich in mich. Konzentriere mich auf das, was ich tue, richte meinen Blick nach innen. Und dann, wenn ich singe, spanne ich meine Flügel weit auf und fliege.

Können Sie finanziell allein von den Konzerten leben?
Ja, ich kann finanziell von meinem Beruf leben und mich und meine Söhne ernähren. Beruf ist das falsche Wort. Es ist meine Berufung und meine Leidenschaft.

Haben Sie es schon einmal bereut, diesen Beruf ergriffen, dieser Berufung gefolgt zu sein zu haben?
Bereuen kenne ich nicht. Ich folge stets meinem Herzen und lebe meine Wahrheit mit Herzblut und Begeisterung. So auch im Singen.

Reicht es, als Sängerin gut zu sein – oder muss man gut vernetzt sein, die richtige Agentur haben oder vielleicht auch nur gut auszusehen?
Ich persönlich habe weder Agentur noch Vernetzung. Ich halte wenig vom Vorsingwahnsinn. Alles kommt, wie es kommen soll. Wichtig sind Authentizität und echte Begeisterung und Überzeugung. Dass Stimme und Können auf höchstem Niveau vorhanden sind, setze ich voraus.

Bitte nennen Sie drei Gründe, das Konzert in Pirmasens zu besuchen.
Im „Messias“ erleben Sie tolle Musiker in einem der berühmtesten Oratorien der Musikstücke in der schönsten Zeit des Jahres: dem Advent. Kommen Sie, hören Sie, staunen Sie und lassen Sie sich berühren und verzaubern.

Info

Karten gibt es zu Preisen zwischen 11 und 22 Euro (ermäßigt je die Hälfte) an der Abendkasse.

Zur Person

Christina Roterberg wurde in Dresden geboren. Ihre Sängerkarriere begann die Sopranistin nach Abschluss ihres Gesangsstudiums an der Musikhochschule Dresden beim Rias-Kammerchor, dem sie von 2005 bis 2013 angehörte. Darüber hinaus war sie freiberuflich, aber auch im Rahmen der Ensembletätigkeit häufig als Solistin zu hören. Ihr Repertoire reicht von den alten Meistern bis zur Moderne. Im Rahmen der Batzdorfer Barockfestspiele konnte man Christina Roterberg 2011 in der Hauptrolle der Produktion „Eines Schatten Traum“ auch auf der Opernbühne erleben. Darüber hinaus gibt sie Liederabende und arbeitet mit renommierten Ensembles sowie unter der Leitung namhafter Dirigenten wie Hans-Christoph Rademann, Rene Jacobs oder Rinaldo Alessandrini. In Pirmasens war sie schon wiederholt als Solistin mit dem Oratorienchor zu hören.

Die Mitwirkenden

Mitwirkende bei der Pirmasenser Aufführung sind die Solisten Christina Roterberg (Sopran), Angela Lösch (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Klaus Mertens (Bass), Maurice Croissant am Orgelpositiv, der Oratorienchor Pirmasens sowie Mitglieder der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern. Die Leitung hat Helfried Steckel.

Alle vier Gesangssolisten sind den Pirmasenser Musikfreunden durch die vorjährige Aufführung des Weihnachtsoratoriums und weitere Konzerte mit dem Oratorienchor bestens bekannt. Alle sind im internationalen Konzertbetrieb sehr gefragte und erfolgreiche Künstler.

Angela Lösch ist sozusagen Stammgast beim Oratorienchor, wo sie auch stimmbildnerisch tätig ist. Sie war Mitglied des Staatstheaters Saarbrücken und gibt Liederabende und Konzerte in Europa, Japan, Russland und Afrika.

Der Tenor Patrick Grahl, ehemals Mitglied des Thomanerchores Leipzig, gewann 2016 den 1. Preis beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig und ist 1. Preisträger des Förderpreises Alte Musik des SR und der Akademie für Alte Musik. Vor allem als Oratorien- und Konzertsänger arbeitet er mit Dirigenten wie Harmut Haenchen oder Sir John Eliot Gardiner. Klaus Mertens, international führender Bass-Bariton, ist Träger des Telemann-Preises 2016 und 2019 wurde ihm die Bach-Medaille der Stadt Leipzig verliehen.

Das Werk: Händels „Messias“

Eigentlich hatte sich der 56-jährige gichtkranke, von Misserfolgen frustrierte Georg Friedrich Händel vorgenommen, kein größeres Werk mehr zu komponieren. Doch dann kam 1741 aus Dublin der Auftrag, ein Oratorium für ein Benefizkonzert zugunsten dreier Wohltätigkeitsstiftungen zu schreiben. Innerhalb von nur 24 Tagen war das neue Oratorium fertig und wurde 1742 in der Dubliner Music Hall uraufgeführt. Nach sechs sensationell erfolgreichen Subskriptionskonzerten, die Händel bereits gegeben hatte, war der Ansturm so gewaltig, dass die Dubliner Zeitung den Damen eigens riet, keine modischen Reifröcke zu tragen, damit mehr Publikum in den Saal passte.

„Messiah“ ist ein Oratorium ohne Handlung. Die drei Teile – „Verheißung des Messias und Geburt Jesu“, „Passion und Auferstehung“ und „Erlösung“ – hatte Librettist Charles Jennens ausschließlich aus zumeist alttestamentarischen Bibelstellen ausgewählt, die das Geschehen eher reflektieren als darstellen: ein absolutes Novum. Das hinderte Händel nicht daran, in den Arien alle Register seiner Opernerfahrung zu ziehen und auch wirkungsvolle Chöre wie das berühmte „Halleluja“ zu komponieren. Der „Messias“ war bald das erfolgreichste und wohl berühmteste Oratorium der Musikgeschichte.

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