75 Jahre Pirmasenser Rundschau RHEINPFALZ Plus Artikel Bundeswehr in der Südwestpfalz: Als Panzer noch im Vorgarten standen

Ganze Schulklassen besuchten 1971 die Ausstellung „Unser Heer“ auf dem Messegelände.
Ganze Schulklassen besuchten 1971 die Ausstellung »Unser Heer« auf dem Messegelände.

Durch den Sparkurs der vergangenen 20 Jahre ist die Bundeswehr geschrumpft und mehr und mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. In den 70er und 80er Jahren war sie dagegen in der Südwestpfalz noch vielfach präsent, sei es bei regelmäßigen Ausstellungen oder den zahlreichen Manövern.

Panzer, die nicht funktionieren, Kampfflieger, die nicht abheben, Fregatten, die nicht auslaufen. Funktioniert die Bundeswehr noch? Nach den Berichten der Wehrbeauftragten bestehen daran schon seit Jahren erhebliche Zweifel. Wenn irgendwo der Rotstift angesetzt wurde, dann gerne bei der Bundeswehr. Reform, hieß das Zauberwort, doch statt Verbesserungen zu erreichen, wie es eigentlich der Sinn von Reformen sein sollte, wurde die Bundeswehr zur desolaten Truppe gespart. Auch aus den Aussagen von Heeresinspekteur Alfons Mais nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine spricht Frust: Die Bundeswehr stehe „mehr oder weniger blank da“. Die Bundeswehr sei, so Mais, jahrelang vernachlässigt worden und habe nur begrenzte Optionen gegenüber Russland.

Das sah vor allem in den 70er und 80er Jahren ganz anders aus: Allein der materielle und personelle Beitrag der Bundeswehr zu den Landstreitkräften und zur Luftverteidigung der Nato in Mitteleuropa betrug rund 50 Prozent. Damit stellte die Bundeswehr im Kalten Krieg nach den US-Streitkräften in Europa die größten westeuropäischen Streitkräfte.

Modernisierungsschub

Hervorstechend war dabei der Modernisierungsschub, den die Bundeswehr ab Ende der 1970er Jahre erlebte: Der Kampfpanzer Leopard 2, neue LKW und der Jagdbomber Tornado wurden eingeführt. Und die Bundeswehr verfügte zeitweilig über fast 495.000 Soldaten. Im Krieg wären es durch die Einberufung von Reservisten rund 1,3 Millionen Soldaten gewesen.

Und die Bundeswehr war nah bei den Menschen. Es gab die Wehrpflicht und aufgrund des hohen Personalstandes auch viele Kasernen. So auch in der Westpfalz. Bundeswehrsoldaten – „Staatsbürger in Uniform“ – gehörten ins Straßenbild. Und sie war um Akzeptanz bemüht, gerade in der Zeit des Kalten Krieges und eines immer größer werdenden Unbehagens junger Männer, den Dienst an der Waffe zu versehen.

Pirmasens war eine Stadt inmitten eines riesigen Heerlagers, zu dem neben deutschen Soldaten auch Amerikaner, Franzosen und von 1953 bis 1969 in Zweibrücken auch Kanadier gehörten. Und die Pirmasenser waren laut einer Überschrift der RHEINPFALZ vom 1. Juni 1971 „erstaunlich interessiert am Heer“. So besuchten damals über 20.000 Pirmasenser auf dem Messegelände die Ausstellung „Unser Heer“, um sich über die neueste Waffentechnik zu informieren. Gezeigt wurde Gerät, wie Leopard oder Marder, das heute immer wieder im Zusammenhang mit Waffenlieferungen an die Ukraine erwähnt wird. Rund 800 Schüler kamen zur Ausstellung, 27 Klassen waren sogar geschlossen da. Und, auch das vermerkte der Chronist der RHEINPFALZ: „Es demonstrierten keine Kriegsdienstverweigerer oder fingen sogar Schlägereien an, wie das in Bad Kreuznach der Fall war.“

Bürgermeisteramt besetzt

Auch bei Manövern war die Bundeswehr in der Südwestpfalz aktiv – von der Bevölkerung stets willkommen geheißen, selbst wenn mal ein Panzer in der eigenen Hofeinfahrt geparkt wurde. So zum Beispiel im Mai 1977 bei der Übung „Schneller Umschlag“, als die Zweibrücker Pipelinepioniere das Bürgermeisteramt in Großsteinhausen besetzt hatten. Und ganz in der Sprache der Zeit, berichtete die RHEINPFALZ, dass „der Star im Team ein kleiner farbiger Amerikaner“ war. „Seine Erbsensuppe fand vom Landser bis zum Offizier höchste Anerkennung.“

Apropos Amerikaner: Im Oktober 1975 errichtete eine US Infanterieeinheit im Wald zwischen Beckenhof und Ruppertsweiler ein großes Feldlager mit zahlreichen Kettenfahrzeugen. Es war Teil des größten Manövers dieser Jahre: „Reforger 75“. Daran nahmen insgesamt 57.000 Soldaten teil. Erst in den Jahren nach dem Nato-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 waren mehr Soldaten an den „Reforger“-Manövern beteiligt.

Stichwort Nato-Doppelbeschluss. Die Nato kündigte darin die Aufstellung neuer, mit Atomsprengköpfen bestückter Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und Marschflugkörper in Westeuropa an. Sie begründete diesen Schritt als Modernisierung und Ausgleich einer Lücke in der atomaren Abschreckung, die die Stationierung der sowjetischen SS-20 bewirkt habe. Und die Nato verlangte bilaterale Verhandlungen der Supermächte über die Begrenzung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen in Europa. Dieser Doppelbeschluss und die atomare Hochrüstung bestimmten die politischen Debatten von 1979 bis 1983.

In Westeuropa und den USA entstand in kurzer Zeit eine breite Friedensbewegung. Sie veranstaltete die bis dahin größten Massendemonstrationen, darunter im Bonner Hofgarten 1981 (350.000 Teilnehmer), die Friedensdemonstration in Bonn 1982 (500.000) oder die Aktionstage im „Heißen Herbst“ 1983 (bundesweit 1,3 Millionen). Hinzu kamen Sitzblockaden an Raketenstandorten, etwa in der Mutlanger Heide. Und in Pirmasens – inmitten der Waffen strotzenden Westpfalz? Nichts. Nichts, was es in diesen Jahren wert gewesen wäre, in der Presse erwähnt zu werden. Wer sich mit den Gegnern des Doppelbeschlusses solidarisieren wollte, musste reisen.

30 Schulklassen kommen

Der Beliebtheit des Militärs in der Bevölkerung der Südwestpfalz hat der Nato-Doppelbeschluss nichts anhaben können. So gab es auch im August 1980 wieder eine Ausstellung „Unser Heer“, die über 30 Schulklassen besucht haben. Oder im Juli 1982, als die Bundeswehr in Schweix den Ernstfall probte. In der RHEINPFALZ stand dazu: „Es war das erste Mal, dass nach Kriegsende in Schweix eine solche Übung abgehalten wurde. Das Eintreffen der Kompanie erinnerte stark an die Zeit nach Kriegsende, wo zurückkommende Gruppen von der Bevölkerung lebhaft begrüßt wurden. Die Einwohner brachten der Übung großes Verständnis entgegen. Größtenteils konnten die Panzer und Einsatzfahrzeuge auf Privatgrundstücken abgestellt werden.“

Und welches Bild gibt die Bundeswehr heute ab: Im September 2022 leisten insgesamt 181.976 Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst bei der Bundeswehr. Und wie die Truppe personell eingedampft wurde, so ist auch die Ausrüstung dezimiert worden. Dazu schreibt das Verteidigungsministerin in einem Bericht aus dem Dezember, dass nur 77 Prozent der Hauptwaffensysteme einsatzbereit seien. Glaubt man anderen Berichten ist der Zustand noch Besorgnis erregender. So genügten nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland weniger als 30 Prozent der Kriegsschiffe den Ansprüchen. Bei der Luftwaffe waren im Sommer 2021 lediglich zehn der 30 Exemplare des Transportflugzeugs A440M einsatzbereit. Dabei ist der Truppentransporter noch ein recht neues System. Von den 109 Kampfjets der Bundeswehr konnten zuletzt bloß 42 starten. Von 350 Puma-Schützenpanzern sind nur 150 manövrierfähig und von 51 Kampfhubschraubern des Typs Tiger können gerade mal neun abheben.

Militärschauen sind vorbei

Und wieder der Blick in die Südwestpfalz: Große Militärschauen gibt es schon lange nicht mehr, Kasernen wie in Zweibrücken sind weitgehend verwaist, größere Manöver hat es in den letzten Jahren auch keine mehr gegeben. Und in den Springerstiefeln und Uniformjacken, die gelegentlich im Straßenbild auftauchen, stecken in den seltensten Fällen Soldaten.

Mitten in Schweix probte die Bundeswehr mit schwerem Gerät im Juli 1982 den Ernstfall.
Mitten in Schweix probte die Bundeswehr mit schwerem Gerät im Juli 1982 den Ernstfall.
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75 Jahre Lokalredaktion Pirmasens

Im Mai 1947 erschien erstmals ein Pirmasenser Lokalteil der RHEINPFALZ. Das war die Geburtsstunde der „Pirmasenser Rundschau“. Hier sehen Sie unsere Berichterstattung zum Jubiläum.

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