Pirmasens
Bald keine günstigen Räder mehr: Weshalb der Fahrradselbsthilfewerkstatt das Aus droht
„Wir wollten wissen, ob wir noch gebraucht werden“, erläutert Michael Sester, warum die auf der Husterhöhe heimische Fahrradwerkstatt eine Zweigstelle in der Fußgängerzone wollte. Ein eindeutiges Ja sei die Antwort. Bedürftige Menschen bräuchten nach wie vor gespendete Räder. Besonders Kinder- und Jugendräder seien gefragt und Spenden immer willkommen. „Anfangs wurden wir regelrecht überrannt“, erzählt Sester. Der Bedarf sei riesig gewesen und die Anzahl der Kunden gewachsen. Immer noch kämen freitags bis zu zehn Kunden, die Kinderschar nicht mitgerechnet, der die Gruppe regelmäßig helfe.
Doch was der Werkstatt fehlt, sei ein verlässlicher Schirmherr, der die Miete übernimmt. Der bisherige Schnuppermietvertrag in der Hauptstraße 70 wandele sich ab Januar in einen normalen Mitvertrag um, den die Fahrradwerkstatt nicht tragen könne, sagt Sester. Sonst müsse man die Preise drastisch erhöhen, womit das Angebot für einkommensschwache Mitbürger nicht mehr attraktiv wäre. „Unsere Klientel kann nur mitziehen, wenn wir nicht höhere Kosten haben“, erklärt Sester.
Aufwendige Reparaturen schon jetzt kaum zu stemmen
Deswegen gehen in der Fahrradselbsthilfewerkstatt wohl Ende Dezember die Lichter aus. Schweren Herzens hat sich das Team laut Sester entschlossen, sich auf das Hauptquartier auf der Husterhöhe zu beschränken. Das Ziel sei eben nicht, die Werkstatt lukrativ aufzubauen, um einen Second-Hand-Fahrradladen zu betreiben. Das gehe zu Lasten der bedürftigen Kunden und sei nicht gewollt.
Neben dem steigenden Mietpreis sei auch Personalmangel ein Problem. Wenn ein Tretlager kaputt und komplett auseinanderzunehmen ist oder eine Gangschaltung defekt ist, könne er das nicht machen, bedauert Sester. Das nehme mindestens eine Stunde in Anspruch, und das gehe bei laufendem Publikumsverkehr nicht. Außerdem stünden das Mitmachen und Erklären im Vordergrund.
Platz reichte schon früh nicht mehr
Die Werkstatt erfährt zwar weiterhin Unterstützung von der Diakonie: Manfred Hoffmann packt 28 Stunden die Woche tatkräftig mit an, und Nicole Senft-Bossert, die beim „Mittendrin“ die Suppenküche mitbetreut, schmeißt das Büro, damit die Kollegen überhaupt zum Schrauben und Bedienen kommen. Trotzdem ist momentan nur freitags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.
Die im April eröffnete Werkstatt in der Fußgängerzone musste um zwei Räume erweitert werden, denn sie platzte schnell aus allen Nähten: Fahrräder, die bereits repariert waren, standen im Weg. Für Fahrräder, die gebracht wurden, war kein Platz. Die wurden zur Reparatur zum Hauptlager in die Delware Avenue transportiert. Fahrräder, die wiederum zum Verkauf standen, gingen in der Menge unter, erzählt Günther Andreas. Dabei sollten kleine Reparaturen wie Schlauch wechseln, Ständer anschrauben und Licht prüfen in der Fußgängerzone gemacht werden, sagt Andreas, einer der Mitbegründer.
Ein Rad kostet 15 bis 35 Euro
Anfangs gab es die Fahrräder in der Werkstatt für Bedürftige umsonst. Inzwischen verlangen die Ehrenamtlichen etwa 15 bis 35 Euro pro Rad. „Wegen der Wertschätzung“, erklärt Michael Sester. „Aber auch, um das Material für Reparaturen kaufen zu können.“ Auch habe sich die Zielgruppe schnell geändert. War das Angebot anfangs nur für Geflüchtete gedacht, wurden die Räder schnell für alle Bedürftigen in Pirmasens und Umgebung hergerichtet. „Wir hatten vor, junge Menschen anzulernen und den Staffelstab irgendwann weiterzureichen“, sagt Sester. Das funktionierte nicht. Letztlich blieb nur einer der Helfer da.
Eine Alternative zum jetzigen Standort wäre, dass die Ehrenamtlichen ihr Angebot ohne festen Laden in den Quartiersbüros wie dem P11 im Winzler Viertel, dem „Mittendrin“ in der Fußgängerzone oder im Horeb-Treff weiterführen. Auch sei angedacht, in Kindergärten und Schulen das Wissen zu vermitteln, erklärt Sester. Und doch ist er zuversichtlich, dass sich für den Standort in der Fußgängerzone eine Lösung findet. Immerhin seien vor der Bundestagswahl viele Politiker vorbeigekommen, die jetzt bei der Suche nach der passenden Finanzierung behilflich sein könnten, merkt er an.
Kontakt: fahrradwerkstatt.pirmasens@gmail.com