Lesetipp
Als Lokaljournalisten noch mit dem Hubschrauber zu Terminen flogen
„Die ehemalige Metropole der deutschen Schuhindustrie befand sich – wie die gesamte Westpfalz – auch damals schon im Abwärtstrend. Den zu dokumentieren und mit meinen bescheidenen Schreib-Mitteln womöglich ein wenig hinauszuzögern, war eine journalistische Herausforderung“, der sich der gebürtige Westerwälder Specht von 1975 bis 1986 als Lokalchef der RHEINPFALZ in Pirmasens gestellt hat. Zuvor war er Redakteur in Mannheim und von 1973 bis 1975 Lokalchef der RHEINPFALZ in Kusel
Und Gerhard Specht machte anschließend, wie so manch andere Kollegen aus der Pirmasenser Redaktion, Karriere: Er war Chef vom Dienst beim privaten Radiosender RPR in Ludwigshafen, in den 1980er Jahren mitverantwortlich in Berlin für den Aufbau des Fernsehkanals des Rundfunks im amerikanischen Sektor (Rias) und nach dem Fall der Mauer stellvertretender Chefredakteur beim Auslandsfernsehen der Deutschen Welle. Er beschloss seine Karriere als Dozent an einer Medienakademie. Heute lebt Gerhard Specht im Ruhestand als freier Autor in Berlin.
Auf 224 Seiten blickt Specht auf sein bewegtes und zuweilen auch bewegendes Berufsleben zurück. 51 Seiten davon handeln von seiner Zeit in Pirmasens, einer Zeit, die von drei großen Themenfeldern bestimmt war: Dem Ausbau der Autobahn durch den Pfälzerwald, dem Giftgas-Lager der US-Streitkräfte und der Schuhindustrie – „ein Dreiklang in Moll“, wie es Specht in seiner klaren Sprache beschreibt. Ein Dreiklang, bei dem er als Journalist selbst so manche Taste drückte. Auch wenn später die Einsicht reifte, sich dabei zuweilen im Ton vergriffen zu haben. Zum Beispiel beim geplanten Wasgausee, für den das Königsbruch geflutet werden sollte. Ein „Hirngespinst“, dem Specht eine ganze Weile folgte und sei es nur im Wunsch, dort wohnortnah segeln zu können. Hirngespinste gab es in Pirmasens so einige, nicht nur zu Spechts Zeit – Deutsches Schuhmuseum, Ausbau als Messestandort oder zuletzt die City-Mall. „Alles Geschichten ohne Happy End“, wie Specht schreibt.
Und Specht gibt Einblicke in den Alltag von Journalisten – zumindest wie er einst war, zu einer Zeit ohne Internet und Social Media, als zur Recherche noch ganz andere Wege beschritten werden mussten, eine in vielerlei Hinsicht analoge Zeit, die rückblickend in manchen Anekdoten Spechts auf den ersten Blick geradezu beschaulich daherkommt. Und doch war es eine Zeit, nicht frei von Stress. „Es gab kein Netz, es gab nur ein riesiges Loch. Weltweit und lokal“, so Specht. Gefüllt wurde es mit „analogen Recherche-Methoden ebenso aufwendig wie abenteuerlich“. Da landete schon mal ein Regierungs-Hubschrauber in Pirmasens und flog mit zwei Lokaljournalisten in die damalige Bundeshauptstadt Bonn, damit die Pressevertreter vom Wahlkreis-Abgeordneten Werner Marx über den Sachstand zum Weiterbau der Autobahn informiert wurden. „Ein eindrucksvolles Flugerlebnis“, wie sich Specht erinnert. Und aus heutiger Sicht ergänzt er selbstkritisch: „Was das den Steuerzahler gekostet hatte und wie die Umwelt belastet worden war – darüber schwiegen alle still. Auch die ansonsten so kritische Presse. Das war damals einfach noch kein Thema.“
Ja, Gerhard Specht hat sich wohl gefühlt in der Südwestpfalz, das ist aus all den Zeilen herauszulesen. Sie wurde zu seiner Heimat auf Zeit, der er bei all ihren Problemen immer wieder versuchte, auf die Sprünge zu helfen. Zum Beispiel durch eine groß angelegte Serie, die versuchen sollte, unter anderem Lösungen zum permanenten Verlust von Arbeitsplätzen in der Schuhindustrie aufzuzeigen. Ein Recherche-intensives Vorhaben, geradezu „tollkühn“, wie es Specht nennt, da die Redaktion damals nur vier, fünf Mitglieder hatte – heute sind es sieben – die täglich bis zu fünf Seiten füllen mussten und deshalb unter den damaligen Bedingungen für Recherche nicht sehr viel Zeit übrig blieb.
Wie wir heute wissen, hat auch all die Mühe der Redaktion nichts geholfen – die Arbeitsplätze in der Schuhindustrie sind weiter stark zurückgegangen. Viele Fabriken mussten schließen. Damit ergab sich andererseits aber die Chance, die industrielle Monokultur in Pirmasens aufzubrechen. Und so beherbergt der Rheinberger-Komplex, die einst größte deutsche Schuhfabrik, heute unter anderem die Redaktion der RHEINPFALZ in Pirmasens. Gerhard Specht wird es freuen, war er hier doch aus vollem Herzen Lokaljournalist.
Und wohl alle seine Nachfolger in den Redaktionsstuben teilen bis heute Spechts Begeisterung für den Lokaljournalismus, die der Autor in seinem Buch so beschreibt: „Das Schöne am Lokaljournalismus ist: Man kennt die meisten Akteure der Stadt, einige ihrer Netzwerke und kann sich darauf verlassen, dass man beinahe sofort erfährt, wer sich durch welche Zeitungsmeldung auf den Schlips getreten fühlt und welche Rachegedanken gerade gesponnen werden.“
Info
„Journalisten sind auch nur Menschen - Geschichten und Erkenntnisse aus einem langen Medien-Leben“, 224 Seiten, Taschenbuch, 15 Euro, Omnino-Verlag.