Pirmasens
Ab in den Süden
„Picobello“ überschreibt Britta Lenk ihre sechs Arbeiten. Picobello, das umgangssprachliche Adjektiv für prima, sauber, tipptopp oder sogar meisterlich. Auch das weist gen Süden, denn bello ist italienisch und heißt schön, mit pico (niederdeutsch pük=piekfein) tadellos.
Das Überraschende jedoch ist, dass die vormalige Boutique für kleidsame Übergrößen ebenso hieß. Außerdem erwähnenswert: Die gebürtige Mannheimerin (studierte Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, seit 1997 freischaffend, seit 2014 Gründerin und Kuratorin des „artQ13 Kunstraums“ mit Carlo Caloro) lebt und arbeitet in Köln und Rom. So rückt – ob ungewollt oder absichtsvoll – Hintergründiges ins Visier, und es lassen sich Sichtweisen auf den Kopf stellen.
Lenks Stichwort heißt Wahrnehmung. Und zwar weniger anhand bewertender Standardreden als vielmehr in Fragen nach Ambivalenzen, Auswirkungen, Assoziationen, Erinnerungen. Britta Lenk widerspricht und widersteht, was sie für Klischees, Stereotypen, Phrasen und Worthülsen hält. Sie erprobt das Denken als Teil eines Ganzen sowie als Bündel von Bezügen. Der Vollständigkeit halber, sagt sie. Nichts existiert ohne davor, woher und wohin. Nichts ohne eigenen Raum im Raum, ob rational oder emotional.
So betrachtet kann metallenes Gelb, winklig geformt quer im „Kunst-Raum“, direkt gen sonnigen Süden weisen. Da es dabei durch wechselnde Landschafts- und Klimazonen gehen könnte, ergänzen Samen in Metallrinnen, eine eingeschmolzene Wespe oder jene Haube des Falkners, die wie ein Überbleibsel auf einem der stehenden Teile (Kompassnadel) ruht.
Doch für Britta Lenk ist das nicht nur die physische Ambivalenz von Natur und Kultur. Sie fragt unter anderem nach dem gegenseitigen Aushalten jeweils individueller Räume, nach eindeutigen Positionen im Hier und Jetzt. Trotz stetigen Wandels.
Ein Begriff fällt immer wieder: eingefroren. Da Lenk keinem Werk einen Titel gibt, wundert es kaum, dass weniger Schönheit oder Bildlichkeit Betrachteraugen fesseln als eher Material, Form und Farbe. Etwa die bereits erwähnte Installation. Sie nimmt allein durch die Ausmaße den Raum für sich ein. Dann fasziniert das Gelb. Der Verlauf der modularen Einzelteile erinnert an Wege, Pfade, Reiserouten. Ob es so gemeint ist? Wer weiß das schon? Hauptsache, es gibt jenen „Sehraum“ möglicher Andersdenkender.
Wie etwa für den anwesenden Gerichtszeichner, der, so Britta Lenk, wesentlich authentischer als Fotografen zu dokumentieren versteht. Die Zeichnungen des Neustadters Martin Burkhardt werden die Ausstellung ergänzen. Sie stehen ebenfalls dafür, dass emotionales Begreifen nicht nur sehen, sondern auch intensiver erleben und somit verstehen lässt.
Eine der spannendsten Arbeiten zu diesem Aspekt stellt das monochrom blaue Rechteck an der Wand dar. Ein Webband wiederholt den Satz: „Es gibt keine Linie zwischen Meer und Himmel“. Damit führt Lenk den Horizont als Grenze ad absurdum. Wiederum ein Gedanke, der weiter gedacht und überlegt werden kann. Beispielsweise: Was wird wohl aus unserer Sehnsucht nach Meer, angesichts der Toten in Schlepperbooten? Was sehen wir? Was jedoch ist da wirklich?
Eine weitere Arbeit ist von außen am Schaufenster zu sehen. Bedeckt mit einer lichtbrechenden Folie, zitiert eine Textzeile: „Ohne Denken hätten Gefühle keinen Sinn. Ohne Gefühle hätte Denken keine Richtung.“ Fazit: Dieser Artikel kann nur Weniges andeuten. Um ein Vielfaches mehr regt Britta Lenk an. Und noch viel mehr kann jede(r) für sich selbst entdecken, erkennen, folgern.
Ausstellung
Bis 7. September geöffnet, immer samstags von 11 bis 13 Uhr, im „Kunst-Raum Westpfalz“ in der Pirmasenser Straße 6, Kaiserslautern.