Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Zyklusshow und Spezialagenten: So wird der Nachwuchs aufgeklärt

Lernen, was im Körper während der Pubertät und bei der Zeugung passiert: zehn- bis zwölfjährige Jungen im MFM-Workshop „Agenten
Lernen, was im Körper während der Pubertät und bei der Zeugung passiert: zehn- bis zwölfjährige Jungen im MFM-Workshop »Agenten auf dem Weg«.

Das laut Trägerverein größte sexualpädagogische Programm in Europa „My Fertility Matters “ soll Kindern und Jugendlichen helfen, einen positiven Bezug zu ihrem Körper zu entwickeln. Wie funktioniert der Ansatz?

Die junge Generation hat durch das Internet heute einen leichteren Zugang zu Information als jede Generation vor ihr. Doch was bedeutet das für ihre Aufklärung und sexuelle Entfaltung? Die Sexualpädagogin Alexandra Dellwo-Monzel ist als Leiterin der Zentrale von „My Fertility Matters“ (MFM, deutsch: Meine Fruchtbarkeit zählt) im Bistum Speyer nah dran an jungen Menschen von Speyer bis St. Ingbert im Saarland. Seit 16 Jahren geht sie als Referentin in Grund- und weiterführende Schulen, um mit Kindern und jungen Erwachsenen in speziellen MFM-Workshops über einen verantwortungsvollen Umgang mit Körper, Leben, Sexualität und Fruchtbarkeit zu sprechen. In Neustadt wurde das MFM-Programm zuletzt an der Berufsbildenden Schule und dem Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium vorgestellt, im Mai auch an der Grundschule in Maikammer.

Dellwo-Monzel hat den Eindruck, dass die Jugend heute besser aufgeklärt sei als früher. Dennoch bemerke sie im Austausch in den Klassen auch eine steigende Verunsicherung durch falsche Informationen zum Thema Sexualität und den Einfluss von Pornografie im Netz. „Pornos irritieren Kinder und Jugendliche, je jünger sie sind, desto mehr.“ Der Druck, einen Körper wie die Darsteller zu haben, sei heute viel höher. Nur kritisch sei das Internet in Sachen Aufklärung aber nicht zu sehen. „Die Wünsche von Frauen stehen immer stärker im Fokus, dadurch haben Jugendliche ein größeres Bewusstsein für den männlichen Blick in Pornos.“ Gleichzeitig erhalten der Pädagogin zufolge digitale Gegenbewegungen immer mehr Zulauf, die Körper zum Beispiel in den sozialen Medien ohne diese Ideale präsentieren (Stichwort: Body positivity).

Körper ist wertvoll

Eine positive Einstellung zum eigenen Körper ist eines der Ziele der nach Alter konzipierten MFM-Workshops an Schulen. Mit Viertklässlern gehen die Sexualpädagogen zunächst in die „Körperwunderwerkstatt“. Die Mädchen und Jungen erfahren – getrennt voneinander – in einem interaktiven Mitmachtheater, was sich in der Pubertät verändert. „Es ist wichtig, dass die Kinder früh genug Bescheid wissen, was in ihrem Körper passiert“, sagt Dellwo-Monzel. Die Geschlechtsorgane werden zum Beispiel als Bodenbild aus Stoffen so dargestellt, „dass die Mädchen und Jungen spüren, dass es sich um etwas Kostbares handelt“.

Alexandra Dellwo-Monzel
Alexandra Dellwo-Monzel

In der fünften und sechsten Klasse heißt der Workshop für Mädchen „Zyklusshow“ und dreht sich, wie der Name schon andeutet, um den weiblichen Menstruationszyklus. Außerdem wird erklärt, wie aus einer Spermie und einer Eizelle ein neues Leben entsteht und was Hormone in der Pubertät bewirken. „MFM stellt die Wertschätzung des eigenen Körpers in den Vordergrund“, betont Dellwo-Monzel. „Denn nur was ich schätze, kann ich auch schützen“ – das ist der Leitgedanke des MFM-Programms.

Jungs werden Spezialagenten

Die zehn- bis zwölfjährigen Jungs schlüpfen in „Agenten auf dem Weg“ während eines Stationenspiels als Spezialagenten in die Rolle der Spermien, um den männlichen Körper und seine Entwicklung zu erforschen. Der Referent dieses Workshops ist immer männlich, „das ist wichtig für den Austausch“, sagt Dellwo-Monzel. Aufgeklärt wird zudem über Zeugung und Zyklus, damit auch die Jungs diese Vorgänge kennen.

Die Fragen, die die Kinder und Jugendlichen in den Workshops stellen, seien sehr unterschiedlich. „Im Gymnasium sind die Schüler oft etwas behüteter, in den Realschulen kommen mehr Nachfragen“, sagt Dellwo-Monzel. Schamgefühle seien schnell verflogen. Manchmal werden laut der Sexualpädagogin schon im jungen Alter weitergehende Fragen gestellt, etwa: Was ist, wenn ich kein Baby möchte? „Das ist dann ein Balanceakt. Wir wollen die Kinder mit den Informationen nicht überfahren, aber gleichzeitig auf ihre Neugierde eingehen.“ So werde die Verwendung eines Kondoms auf Nachfrage kurz erklärt, gegebenenfalls auch in Einzelgesprächen. Gerade die Jungs in der Grundschule seien sehr aufgeregt, wollten beispielsweise wissen, wie genau Sex funktioniert. „Wir sprechen aber zuerst über die Veränderungen, die der Körper während der Pubertät durchläuft, und darüber, was beim ersten Samenerguss passiert.“ Das reiche in dem Alter.

Verantwortungsvoll verhüten

Um Fruchtbarkeit und Verhütungsmethoden, deren Wirkweise sowie Vor- und Nachteile geht es nämlich eigentlich erst bei „Waagemut“ ab der achten oder neunten Klasse. „Wir geben auf keinen Fall Empfehlungen, sondern informieren über verschiedene Optionen“, unterstreicht Dellwo-Monzel. Auch Thema im Workshop: sexuell übertragbare Krankheiten. „Das müssen die Jugendlichen unbedingt wissen.“ Wenngleich manche Teenager in dem Alter bereits sexuell aktiv seien, gebe es viel „Falschwissen“, wie die Sexualpädagogin es nennt. Zum Beispiel, dass Frau zu bestimmten Zeiten im Zyklus nicht schwanger werden könne, Stichwort Zyklusverschiebungen.

Blick auf Beziehungen

Zum Abschluss geht es in „Waagemut“ um Partnerschaft und Beziehung: Was wünsche ich mir vom Partner, was kann ich geben? Und wann sage ich das erste Mal „ich liebe dich“? „Wichtige Punkte für die Jugendlichen sind dabei neben der Körperlichkeit Vertrauen sowie der Wunsch nach Stabilität und Treue“, weiß Dellwo-Monzel. Die Botschaft in „Waagemut“: „Wenn du dich wohlfühlst, ist alles gut.“

Im Vorfeld der Workshops werden Elternabende angeboten und die Inhalte, Anschauungsmaterial sowie die verwendete Sprache vorgestellt. „So geben wir auch den Eltern Worte an die Hand, um mit dem Kind über Sexualität ins Gespräch zu kommen.“ Im Kontakt mit den MFM-Beratern können die Erwachsenen, die laut Dellwo-Monzel selbst manchmal noch Wissenslücken haben, ganz unbedarft Fragen stellen. „Es ist uns ein Herzensanliegen, dass die Eltern bei MFM mit im Boot sind.“

Christliche Grundwerte

Das MFM-Programm zur sexualpädagogischen Präventionsarbeit für Mädchen und Jungen in der Pubertät ins Leben gerufen hat die Ärztin Elisabeth Raith-Paula im Jahr 1999. 2011 erhielt die Autorin des Buchs „Was ist los in meinem Körper“ für ihre Aufklärungsarbeit das Bundesverdienstkreuz. Überregionaler Trägerverein ist der 2012 gegründete MFM Deutschland.

Die 13 regionale MFM-Zentralen befinden sich Trägerschaft von katholischen (Erz)-Bistümern. Dementsprechend beruft sich das Programm auf Grundwerte wie die Achtung vor der Schöpfung, die Anerkennung der Einmaligkeit eines Menschen und der Wertschätzung des Lebens von Anfang an. „Das MFM-Programm hat aber keine kirchlichen Inhalte“, betont Dellwo-Monzel. Es sei frei erstellt worden und werde von der Kirche wegen des wertschätzenden Ansatzes unterstützt, da es aus dem Wissen der Natürlichen Familienplanung nach Sensiplan (NFP) entstanden sei, „was von der katholischen Kirche empfohlen wird“. Bei der NFP beobachten Frauen täglich und intensiv zyklisch auftretende Veränderungen wie die Basaltemperatur, den Zervixschleim, den Muttermund, Schmerzen sowie individuelle Blutungsmuster, um so ihre fruchtbaren Tage zu berechnen.

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