Neustadt Zuhören, was die Pfeifen sagen

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Kirrweiler. „Musikalische Marienverehrung aus Europa“ lautet der Titel des (allerdings schon weitgehend ausverkauften) Einweihungskonzertes, bei dem die historische Seuffert-Orgel in der Kirrweilerer Marienkapelle morgen erstmals nach der aufwendigen Restaurierung durch den elsässischen Orgelbauer Rémy Mahler wieder zum Klingen gebracht werden soll. Beim Besuch am Donnerstag stellten sich allerdings noch gewisse Zweifel ein, ob der Termin wirklich zu halten ist – Nachtschichten waren angesagt.

Noch herrscht an diesem Tag ein mehr oder weniger geordnetes Chaos in der 1765 bis 1769 erbauten barocken Kapelle am Kirrweilerer Friedhof. Ausgebaute und ausgediente Ventile reihen sich an Pfeifenreihen. Holzblöcke, deren Bestimmung auf Anhieb nicht erkennbar ist, liegen neben Spezialwerkzeugen und Kleinkram. Am Orgelgehäuse stecken einige Taubenfedern, allerdings nicht zur Zierde. „Die braucht man, um Pfeifen stumm zu machen, man steckt sie hinein und stoppt die Luftzufuhr“, erklärt Orgelbauer Rémy Mahler aus Pfaffenhoffen in der Nähe von Haguenau. So könne man die restlichen Pfeifen auf deren Klang hin ausprobieren. Die Taubenfedern musste Mahler nicht extra suchen: Sie fanden sich im Orgelgehäuse selbst, denn über ein Loch in der Decke regnete es wohl über viele Jahre immer wieder Dreck in das Instrument. „Bis zum Konzert am Sonntag muss alles fertig sein“, weiß der Fachmann, auch wenn er und seine Helfer dafür Nachtschichten einlegen müssen. „Es ist meine letzte große Arbeit als Orgelbauer“, erklärt der Elsässer, der hier ein Zeugnis seiner Kunstfertigkeit hinterlassen möchte, ehe er sich zurückzieht. In seiner Laufbahn als Orgel-Handwerker, wie er sich selbst versteht, hat er eine ganze Reihe historischer Instrumente in Frankreich und Deutschland restauriert. In Kirrweiler habe er viel Herzblut hineingesteckt, was sich in barer Münze nicht auszahlen lasse. „Das ist mein Geschenk zum Abschluss meiner Orgelbauertätigkeit“, sagt Mahler. „Das kleine Budget der katholischen Pfarrei, vor allem durch Spendenaktionen zur Verfügung gestellt, hätte normalerweise für den Aufwand, den die Instandsetzung erforderte, nicht gereicht“, betont auch Kantorin Maria Liesiecki. Neben Mahlers Liebe zum Detail sei für ihn ganz wichtig, dass das Instrument so beschaffen sei und klinge, wie es zur Entstehungszeit vorgesehen war, so Liesicki. Die Orgel wurde von der in Kirrweiler ansässigen Orgelbaudynastie Seuffert ursprünglich für die Pfarrkirche erbaut und später in die kleine Kapelle versetzt, als für das Gotteshaus 1809 ein größeres Instrument konstruiert wurde. Um die historische Authentizität des seit einigen Jahren kaum mehr spielbaren Instrumentes in der Kapelle wieder herzustellen, baute Mahler es fast komplett auseinander. „Ehe man nicht reingeschaut hat, kennt man eine Orgel nicht“, so Mahler. Er entdeckt, dass Pfeifenreihen durch unsensible Arbeit komplett ausgeschaltet waren beziehungsweise ganze Pfeifenregister fehlten. Ventile waren nicht mit Leim geklebt, sondern mit grob eingeschlagenen Nägeln gehalten. „Auch auf den Schleifen hat man man Anfang oder Mitte des 20. Jahrhunderts eine fragwürdige Abdichtung angebracht. Den ganzen Quatsch habe ich entfernt.“ Jetzt sei alles wieder Holz auf Holz zusammengefügt, die Ventile funktionierten wie im 18. Jahrhundert, mit Leder verlängert. „Ich habe mir bei der Restaurierung sehr viele Freiheiten erlaubt“, betont Mahler, der immer kreative Lösungen findet, um Historisches zu erhalten. Während der Arbeiten, begonnen im Januar diesen Jahres, hat er das Instrument und sein Innenleben gründlich untersucht. „Die Windlade ist in einem erstaunlich guten Zustand, die hat so lange gehalten, weil die Kapelle nicht geheizt wird und sie deshalb keinen ständigen Temperaturschwankungen ausgesetzt ist.“ Nach dem Entfernen der teils „dilettantischen Änderungen aus jüngerer Zeit“ stellte Rémy Mahler aufgrund der originalen Bohrungen in der hölzernen Windlade fest, welche Pfeifenregister ursprünglich angebracht waren, in der Erforschungsphase einem Puzzlespiel gleich. Bei der Versetzung in die Kapelle habe man damals die Prospektpfeifen einfach kaltgestellt, sie seien nur noch Zierde gewesen. Das gleiche Schicksal hätten andere Pfeifenreihen erlitten, oder sie seien nicht mehr aufgestellt worden und heute verschollen, so der Orgelbauer. Nun aber dürfen die Principale wieder erklingen. Die beiden fehlenden Reihen der Quint-Principale hat Mahler aus seinem eigenen Pfeifenfundus gestiftet, so dass das Instrument jetzt mit acht statt der reduzierten sechs Register gespielt werden kann. Es besteht auch die Möglichkeit, zwei weitere Register einzubauen, falls das irgendwann gewünscht werden sollte. Auch die Arbeiten am Spieltisch und seiner Mechanik haben sich gelohnt, wie Christoph Keggenhoff vom Referat Orgelbau der Diözese Speyer beim Besuch in Kirrweiler feststellt. Dank der von Mahler selbst entworfenen Wippenhebel für die Manuale gehen die Tasten nicht mehr so schwerfällig wie zuvor. „Sie sprechen sofort an, das passt auch zur Musik aus der Erbauungszeit dieses Instrumentes, die leicht und kunstvoll verziert erklingt“, so der Orgelsachverständige. Gemeinsam mit Mahler erkundet Keggenhoff vor Ort die Stimmung der Register und gibt Tipps zur „Temperierung“, wie es in der Fachsprache heißt. „Eine historisch angelehnte Stimmung der Pfeifen orientiert sich an Tonarten mit wenigen Vorzeichen, Modulation in andere Tonarten erzeugt eine gewisse Dramaturgie, ein stilistisches Mittel der damaligen Zeit.“ Dies erkläre sich aus physikalischen Gründen, da man wichtige Tonarten in sich selbst rein stimmte ohne Ausgleich zu den Nebentonarten, so Keggenhoff beim ersten klanglichen Check und ergänzt: „Es fehlen historische Unterlagen, also muss man alles am Instrument selbst ablesen. Wir hören einfach zu, was die Pfeifen sagen.“

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