Haßloch
„Zensiert von Die Anonyme Giddarischde“: AfD-Flyer sorgt für Ärger
„Unverschämt“, bringt eine Haßlocherin ihren Ärger auf den Punkt. In einer aufgebrachten E-Mail an die Redaktion schildert sie, was sie empört: Ein Flyer der AfD, der kürzlich in ihrem Briefkasten landete.
Darin ruft die Partei zu einer Unterschriftenaktion „gegen noch mehr Windindustrieanlagen“ auf. Doch nicht der politische Inhalt allein bringt die Frau in Rage, sondern ein kleines, rundes Detail in der linken oberen Ecke des Flugblatts.
Band wehrt sich gegen politische Vereinnahmung
Zu sehen ist dort ein Porträt des Haßlocher AfD-Bundestagsabgeordneten und Kreisvorsitzenden Thomas Stephan – ein Konterfei, kreisförmig eingefasst. So weit nichts Besonderes. Doch was den Ärger der Leserin weckt, ist der Satz, der das Bild umläuft: „Ich ess die Lewwerworschd so gern ...“
Unter dem Wort „ess“ schimmert schwach ein anderes Wort durch und legt die Vermutung nahe, dass hier nachträglich retuschiert wurde. Spätestens beim Kleingedruckten darunter wird der Hintergrund klar: „Zensiert von ,Die anonyme Giddarischde’“, steht da.
Ganz besonders ärgert sich die RHEINPFALZ-Leserin darüber, dass die AfD ausgerechnet diesen Spruch nutzt, obwohl sich die Pfälzer Band aus Frankenthal bereits Ende des vergangenen Jahres ausdrücklich gegen eine politische Vereinnahmung durch die AfD positioniert hatte.
Rückgriff auf bekannte Liedzeile
Damals hatte Stephan in den sozialen Medien ein Profilbild mit dem Satz „Ich riech die Lewwerworschd so gern“ veröffentlicht, eine bekannte Liedzeile der Musikgruppe. Für die Band war das eine klare Urheberrechtsverletzung.
In ihrer damaligen öffentlichen Erklärung stellten die Musiker klar, dass das Zitat ohne ihre Zustimmung verwendet worden sei, und dass sie sich „ausdrücklich von der AfD, ihren Methoden und Zielen“ distanzierten. Die Partei, so hieß es weiter, nutze die demokratischen Gremien, um eben diese Demokratie zu diskreditieren. Die Pfalz, betonten sie, sei eine „Völkermühle“, in der Vielfalt und Offenheit fest verankert seien, und gerade deshalb lasse man sich „nicht vor einen solchen Karren spannen“. Der öffentlichen Stellungnahme ließ die Band rechtliche Schritte folgen und forderte Stephan dazu auf, die Verwendung zu unterlassen.
„Zensierte“ Fassung veröffentlicht
„Weil das damals im Wahlkampf stattfand, haben wir sofort reagiert“, erinnert sich Frontsänger Thomas Merz, besser bekannt als „Edsel“. Stephan erhielt ein Ultimatum und reizte es, so Merz, „bis zur letzten Minute aus“. Schließlich erschien eine neue, „zensierte“ Version seines Motivs, versehen mit einem Hinweis auf die Band. „Das ist eine Frechheit, grenzüberschreitend und reine Provokation“, sagt Merz über Stephans Vorgehen.
Ein zweites Mal habe man sich bewusst gegen juristische Schritte entschieden. „Unser Rechtsbeistand meinte, wir hätten gute Chancen, auch die neue Version verbieten zu lassen“, so Merz. „Aber wir wollten uns nicht erneut provozieren lassen. Über dieses Stöckchen springen wir nicht.“
In einem Video, das Stephan nach Erhalt des Anwaltsschreibens in den sozialen Medien veröffentlichte, habe er sich als Opfer inszeniert, erinnert sich Merz. „Er hat dicke Arme gemacht – typisch.“ Dass Merz selbst SPD-Mitglied ist, betont er, will er unabhängig von der Kritik an Stephans Vorgehen verstanden wissen. Die Reaktion der Band, sagt er, habe ausschließlich mit Urheberrecht und Haltung zu tun – nicht mit Parteipolitik.
Leberwurst als Wahlkampfmotiv
Stephan hatte sich bereits im vergangenen Jahr gegenüber der RHEINPFALZ verteidigt: „Das steht einfach dafür, dass ich gerne Leberwurst esse.“ Mit der Band oder ihrem Lied habe das nichts zu tun. Er kenne den Song zwar, sehe aber keinen Zusammenhang. Entstanden sei das Motiv im Bundestagswahlkampf – Leberwurstdosen mit dem Spruch habe er als pfälzisches Geschenk verteilt. „Ich bin Pfälzer und Patriot, und die Leberwurst gehört einfach dazu.“ Die Aufregung finde er „an den Haaren herbeigezogen“.
Auf eine aktuelle Anfrage der RHEINPFALZ mit der Bitte um eine Stellungnahme reagierte Thomas Stephan nicht.

