Neustadt Zaun und Netz gegen borstige Traubendiebe
Die Rieslingtrauben sind ihnen noch zu sauer. Doch gerne räubern sie andere, besonders frühe Sorten, wie Weißburgunder, Gewürztraminer und Rotweine, die schon jetzt süß schmecken. Wildschweine kommen gerne aus dem Wald oder den Bruchwiesen an den „gedeckten Tisch“ in Weinbergen oder Gärten im Deidesheim und Umgebung.
„Bei uns kommen sie öfters nachts auf den Hof und pflügen den Rasen um“, berichtet Andreas Wenser, Vorstandsvorsitzender des Forster Winzervereines, der sein Anwesen zwischen Forst und Deidesheim im Außenbereich hat. Seine Schwiegermutter Ortrud Groß habe kürzlich um vier Uhr morgens eine Rotte grunzen hören, sei aufgestanden und habe sie mit Händeklatschen verjagen können. Laut Wenser richten die Tiere auch im Wingert „immense Schäden“ an, doch „40 Parzellen einzuzäunen“, sei schwierig und kostenintensiv. Auch Christine Lucas vom Forster Lucashof beklagt „Riesenschäden“. Da bleibe nur Selbsthilfe, sie haben einige Weinberge mit wertvollen Sorten durch Elektrozäune geschützt. Stefan Müller vom Forster Weingut Eugen Müller, stellvertretender Vorsitzender der Bauern- und Winzerschaft Forst, beklagt ebenfalls Fraßschäden. Die Problematik habe sich in diesem Jahr zugespitzt. Er schütze Teile seiner Reben mit Netzen. Die Bauern- und Winzerschaft beschäftige sich schon länger mit dem Gedanken, die Weinberge am Haardtrand mithilfe eines Wildzaunes vom Wald her abzugrenzen. Die Genehmigung von der Kreisverwaltung für solch einen langen Zaun vom Pfalzblick in Deidesheim bis zum Pechsteinkopf in Forst zu bekommen, sei hoffnungslos, informiert Franz Arnold, Vorsitzender der Bauern- und Winzerschaft Deidesheim. Dennoch sei dieser Zaun „weiterhin erwünscht“. Die Materialkosten von 30.000 Euro würden unter den Winzern aufgeteilt und der Rest in Eigenarbeit geleistet. Früher habe es einen Wildzaun gegeben, dessen Tore abends von Freiwilligen geschlossen wurden. Sinnvoll wäre laut Arnold ein Zaun, der stückweise geöffnet wäre, damit die Jäger die Durchgänge beobachten und schießen könnten. So würden die Wildschweine in den Wald zurückgejagt. Das Projekt befinde sich insgesamt in der Schwebe. In Deidesheim halten sich seines Wissens die Fraßschäden noch in Grenzen, die Tiere zerstören aber die begrünten Böden zwischen den Rebzeilen. Einige Deidesheimer Winzer hätten Elektrozäune gezogen, die teils von erbosten Hundebesitzern, deren freilaufende Hunde Stromschläge bekommen hätten, zerschnitten oder abgebaut worden seien. Arnold informiert darüber, dass es in Absprache mit dem Deidesheimer Bürgermeister Manfred Dörr keine Schussapparate in der Gemarkung gebe, mit Rücksicht auf den Tourismus. Die Starenabwehr zur Lesezeit übernehmen Freiwillige. Auch in der Südpfalz klagen Winzer über Fraßschäden in den Weinbergen. Beispielsweise sind ganze Rotten offenbar über waldnahe Wingerte bei Göcklingen hergefallen und haben massenhaft Trauben der frühreifen Siegerrebe verputzt. Stefan Julier aus Eschbach befürchtet das Schlimmste, sobald die Trauben genießbar sind. „Die Wildschweine machen wahnsinnig viel Schaden. Und wenn man frisch einsät, sieht es einen Tag später aus wie auf einem Bombenacker.“ Eine weitere Klage: Weil die Wildsäue den Boden aufwühlen und tiefe Kuhlen hinterlassen, können die Winzer mit ihren kleinen Traktoren kaum noch durch die Zeilen fahren. Gerhard Hoffmann aus Göcklingen schätzt, dass er in drei seiner Weinberge, in denen mit den frühen Sorten, einen Verlust von etwa 1500 Litern hat. „Die Arbeit eines ganzen Jahres – umsonst.“ Draht- oder Elektrozäune könnten die Schweine nicht aufhalten. Eine Lösung wäre dagegen, wenn die Jäger mit ihrer Flinte mal ordentlich aufräumen würden unter den Traubenräubern. Aber das sei gar nicht so einfach, gesteht Gerhard Hoffmann. Denn die Wildschweine seien alles andere als „dumme Säue“ und versteckten sich geschickt zwischen den Wingertzeilen. Und in der Dunkelheit seien sie ohne Nachtsichtgeräte ohnehin kaum zu erjagen. Der Biowinzer möchte deswegen die Landesregierung zu einer Änderung des Landesjagdgesetzes aufrufen. Er schlägt vor, dass das bestehende Verbot von Nachtsichtgeräten aufgehoben wird. (piw/rire)