Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wie im Mittelalter in Neustadt gebaut wurde

In Guédelon in Burgund wird seit 1997 eine Burg originalgetreu wieder aufgebaut. Viele der Materialien und Techniken, die dort z
In Guédelon in Burgund wird seit 1997 eine Burg originalgetreu wieder aufgebaut. Viele der Materialien und Techniken, die dort zum Einsatz kommen, begegnen einem auch in den Neustadter Stadtrechnungen.

Betrachtet man heute die Kathedralen und Burgen des Mittelalters, kann man nur staunen, wie solche Monumente mit vergleichsweise primitiven Mitteln errichtet werden konnten. Die Neustadter Stadtrechnungen verraten sehr viel über die Geräte und Werkzeuge, die die Menschen damals zum Bauen verwendeten. Doch es bleiben auch einige Rätsel.

Ein beträchtlicher Teil der Ausgaben der Stadt Neustadt im Mittelalter floss in bauliche Maßnahmen, „Ußgabe so verbuwet ist“, wie es in den Stadtrechnungen formuliert ist. Im Hoch- wie im Tiefbau fielen stets Arbeiten an. Für diese Bautätigkeit der Stadt („zu der stat buwe“) mussten natürlich immer wieder Materialien beschafft, Handwerker entlohnt werden. Die Informationen, die uns die Stadtrechnungen dazu liefern, sind so vielfältig, dass sich ihnen zwei Beiträge dieser Serie widmen sollen. Der erste wird sich mit Geräten und Werkzeugen, die auf den Baustellen zum Einsatz kamen, sowie mit dem Werkstoff Metall befassen.

Vieles kommt Handwerkern von heute sicher bekannt vor

Gemauert wurde, wie bereits bei früherer Gelegenheit erwähnt, besonders häufig an den Verteidigungsanlagen der Stadt. Dazu mussten beispielsweise Steine bearbeitet werden. Als im Jahr 1482 die Mauer am neuen Stadtgraben errichtet wurde, kam dabei eine Steinaxt zum Einsatz, ein beilförmiges Gerät mit zwei glatten oder auch gezähnten Schneiden. Ein weiteres Werkzeug für die Steinbearbeitung, das genannt wird, war der „schelhammer“, ein schwerer Hammer, mit dem man Steine zerschlug.

Auch heute noch unter diesen Bezeichnungen bekannte Gerätschaften auf dem Bau waren Bickel und Schaufel. Einmal angeschafft, mussten diese Werkzeuge von Zeit zu Zeit repariert werden. So nennt die Stadtrechnung von 1494/95 Ausgaben für einen neuen Bickel, für das Schweißen zweier Bickel und das Herrichten („gerwen“) eines alten Bickels. Im Jahr 1502 waren gleich 16 Bickel zu schärfen („spitzen“). Ein Wagner fertigte die Stiele für zwei Bickel. Schaufeln wurden teils in größerer Zahl beschafft. So verbucht die Stadtrechnung von 1413/14 eine Ausgabe von fünf Schilling Pfennig für 21 Schaufeln. Die Schaufeln wurden beschlagen, waren also aus Metall gefertigt. Es ist aber auch die Rede von Schaufeln aus Holz. Im Jahr 1528 wurden derer drei erworben („drey hultzen schuffell zum buwe gebrucht“).

Um Steine oder Platten exakt zu verlegen, benötigte man Setzwaagen. Deren Anfertigung war Aufgabe des Schreiners. Im Jahr 1485 erhielt der Schreiner Sigmond zweieinhalb Schilling für ein solches Gerät, 1473 stattete der Schreiner Linhart für 20 Pfennig den Wegemacher mit einer Waage aus. Beim Wegebau benutzten die Pflasterer einen Stößer („stosser“) für das Festklopfen des Pflasterwerks. Auch zwei Schemel, die in der Rechnung von 1484/85 erscheinen, waren für die Wegemacher bestimmt.

Lkw zum Transport hatte man damals nicht, Kräne aber schon

Zahlreich waren die Gerätschaften zum Transport von Baumaterialien. Für Bauarbeiten am Hambacher Tor wurden im Jahr 1425 vier „berren“ angeschafft, das waren Traggestelle, die möglicherweise auch auf einem Karren befestigt waren. Ein Holzgestell zum Tragen von Lasten erscheint in der Stadtrechnung unter der Bezeichnung „esel“. Speziell zum Transport von Steinen gab es den „steynkarch“. Wenn Material in die Höhe gezogen werden musste, bediente man sich einer Haspel („hasspelt“), der frühesten Form der mittelalterlichen Aufzugswinden. Im Jahr 1410 wurde die „winde“ neu eingedeckt. Es handelte sich dabei um eine Krananlage, die durch eine Dachkonstruktion geschützt war. Mobil war das als „zug“ bezeichnete Ziehgerät, das - wie uns die Stadtrechnung von 1472/73 zeigt - von außerhalb in die Stadt gebracht und dort von einem Zimmermann aufgeschlagen wurde.

Nicht immer lassen sich die alten Begriffe für Gerätschaften und Einrichtungen sicher bestimmen. So finden sich in den spätmittelalterlichen Handschriften immer wieder Bezeichnungen, die nur in manchen Regionen gebräuchlich oder sogar ortsspezifisch waren. Um einen solchen Fall könnte es sich bei der Steinleiter („steynleyter“) handeln, die 1481/82 unter den Bauausgaben erwähnt wird. Diesen Begriff kennt das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch zwar, führt aber zur Bedeutung etwas vage an, dass es sich dabei möglicherweise um eine Leiter zum Hinauftragen von Steinen handelte.

Nägel und Schrauben – da unterschied man im Mittelalter nicht

Im Jahr 1493 mussten auf der Zugbrücke anscheinend Bauteile gesichert werden, denn es kamen zwei Eisenklammern („yserin klamern“) zum Einsatz. Ein Gerät zur Metallbearbeitung war der „schrubennebiger“, ein eiserner Bohrer für Schrauben. Nägel sind in den Stadtrechnungen an vielen Stellen genannt. Im Rechnungsjahr 1424/25 etwa wurden 200 für die Gerüste im Stadtgraben beim Hambacher Tor gekauft („IIc nagel zu den gerusten ym graben vor Haumbacher porten“). Auch beim Bau der Bollwerke im Jahr 1523 wurde eine große Menge verbraucht. In der damaligen Zeit wurde der Begriff Nagel allerdings auch für Schrauben verwendet. Beide konnten sowohl aus Metall als auch aus Holz gefertigt sein. Ein eiserner Nagel wurde auch als Stoß („stoße“) bezeichnet.

Metalle finden sich in den Stadtrechnungen in vielfältiger Form. Als Schiene („schyn“) wurde ein Stück Eisen bezeichnet. Eingesetzt wurden diese Eisenschienen etwa im Brückenbau oder für eine Rinne beim Rathaus. Hier fand auch Stahl („stahel“) Verwendung, wie sich der Stadtrechnung von 1424/25 entnehmen lässt. Eisenschienen und Stahl („III schyn ysens und V phunt stahels“) erwarb die Stadt im Rechnungsjahr 1410/11 von Conczel Kremers Ehefrau. Schmiedbares Eisen hat unter dem Namen Werkeisen („werckysen“) Eingang in die Stadtrechnungen gefunden. In der Stadtrechnung von 1494/95 ist der Kauf von Werkeisen verbucht, das für das Gitter über dem Gefängnis auf dem Weißen Turm gebraucht wurde. Für die Bickel fand „ein schyn halbysens“ Verwendung. Auch bei der Erklärung des Begriffs Halbeisen ist sich das zitierte Wörterbuch nicht sicher. Es sei wohl ein schmiedefähig gespaltener Eisenstab damit gemeint. Sicherheit herrscht wieder bei den in zwei Stadtrechnungen genannten „storce“. Der Sturz war eine dünnes Eisen oder eine Eisenscheibe. Benötigt wurden diese Metallteile an einer Brücke und an der Dachrinne des Rathauses.

Die Serie „Geld und Leben“

Mit den mittelalterlichen Neustadter Stadtrechnungen hat Johannes Weingart nach dem „Roten Buch“ 2020 nun in kurzer Folge den zweiten wichtigen Quellenbestand zur frühen Stadtgeschichte erschlossen. Sie vermitteln ein farbiges Bild der Lebens- und Arbeitsumstände der Menschen jener Zeit. In dieser kleinen Serie stellt Weingart in loser Folge interessante Aspekte daraus vor. Das Buch selbst ist für 44 Euro im Buchhandel oder über die „Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung“ in Neustadt zu beziehen.

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