Wachenheim
Wenn Engel erklingen und Saxophone singen: Windsbacher Knabenchor mit Raschèr Quartet
Erwartungsgemäß durfte sich der rührige Förderverein für den Erhalt der protestantischen Georgskirche beim Benefiz-Konzert am Samstagabend über ein dicht besetztes Gotteshaus freuen. Denn mit dem Windsbacher Knabenchor und dem Raschèr Saxophone Quartet waren gleich zwei höchst prominente Ensembles unter der Leitung von Ludwig Böhme am Start. Was in dieser Kombination zunächst ungewöhnlich erscheinen mochte. Aber von diesem Verdikt verabschiedete man sich ganz rasch, bereits nach kurzer akustischer Bekanntschaft mit dem wunderbar warmen Klang der Saxophone.
Ludwig Böhme, der nicht mehr so ganz „Neue“ am Pult des renommierten Knabenchors aus Franken – der lange schon etablierten Institution mit Gymnasium und Internat, ist ja einer, der als ehemaliger Leipziger „Thomaner“ mit der Szene von Kindesbeinen an vertraut ist, ihre Strukturen, ihren Alltag kennt. Und jetzt quasi auf der anderen, der pädagogischen, der leitenden Seite steht. Und zwischen dem Damals, das irgendwie zur Lebensleitlinie wurde, und dem Jetzt stand über Jahrzehnte das „Calmus Ensemble“, die von ihm gegründete Solisten-Formation, die internationale Wertschätzung bescherte, aber auch die quasi globale Verankerung im vokalen Literaturspektrum und mehr noch: der Lust, auch andere Genres per Bearbeitung für Singstimmen urbar zu machen.
Das darf man sich ruhig vor Augen führen beim Blick auf das Programm, dessen Motto „Hört der Engel helle Lieder“ ganz „extempore“ operierte, dazu mit Werken aus fünf Jahrhunderten und aller Herren Länder barrierefrei ins Weite blickte. In dreigeteilter Struktur – „Advent“, „In die Welt“ und „An der Krippe“ verankerte Ludwig Böhme inhaltliche Schwerpunkte, die ihre Ausflüge zwischen klassischem Repertoire und Moderne in einer überaus stimmigen Melange servierten – nicht zuletzt dem schillernden Laufsteg herrlicher Arrangements geschuldet.
Einfühlsam und uneitel
Dass dabei der Schulterschluss zwischen Vokalem und Instrumentalem so nahtlos klappte, ist gewiss teilweise auf der klanglichen Ebene anzusiedeln – das weiche, sonore „Singen“ des Saxophons kommt dem der menschlichen Stimme doch sehr nahe. Aber es war vor allem dieses konsequent einfühlsame, uneitle Musizieren, mit dem das Star-Ensemble – Christine Rall (Sopransax), Morgan Webster (Altsax), Andreas van Zoelen (Tenorsax), Oskar Trompenaars (Baritonsax) – sich ebenso souverän wie geschmeidig in den vokalen Kontext einfügte, äußerst aufmerksam und diszipliniert den markanten Vorgaben vom Pult folgte.
Solistisch brillierte das Raschèr Saxophone Quartet zur Eröffnung der Blöcke II und III, einmal mit einer Auswahl der durch ländliche Volksweisen inspirierten „Rumänischen Weihnachtsliedern“ von Bela Bartók und dann einer eigenen Bearbeitung der Motette „Verleih uns Frieden gnädiglich“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das war kammermusikalische Ensemblekunst der Extraklasse, zum Niederknien dicht und ausgefeilt, vor allem aber nahezu hypnotisch verbindlich.
Und die Knaben auf dem Podest? Zuweilen auch verteilt im Kirchenschiff oder zu Flügelbreite um den Altar gezogen? Die präsentierten sich getreu ihrem hohen Status als Klangkörper im olympischen Segment der Chorkultur. Schon das eingangs musizierte „De Profundis“ von Arvo Pärt, das erst einmal nur die Männerstimmen in einem steten Ostinato aus der Tiefe und im bedachten Schreiten allmählich zu klanglicher Eruption und danach wieder in die Stille zurückführt, vermittelte ein Hörerlebnis von außergewöhnlicher Dichte und nachdrücklicher Diktion. Ein klanglicher Kosmos, behutsam fundamentiert, zuweilen konterkariert von den Saxophonen, den Böhme mit klarem Schlag disziplinierte und zu frappanter Wirkung entfaltete. Und Pärt war noch einmal eindrucksvoll vertreten mit seinem kurzen, aber populären Marien-Hymne „Bogoróditse Djévo“.
Vielfach schöpfte das Programm aus dem reichen Fundus der Kirchenmusik quer durch Europa und angefangen bei Johann Eccard, Johann Hermann Schein über Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Felix Mendelssohn bis Max Reger und dem einen oder anderen Weihnachtslied aus britischem, französischem oder schwedischem Honigtopf. Selbst an argentinischen Rhythmen fehlte es nicht und beim Spiritual „Rise Up, Shepherd, and Follow“ schien die ohnehin bewegungsfreudigen Knaben sichtlich in Drive zu geraten.
Diese artenreiche musikalische Menagerie nun hatte Ludwig Böhme zu wohl aufeinander abgestimmte Arrangements gebündelt; kleinen Kantaten sozusagen, die sich etwa aus unterschiedlichen Sätzen zum gleichen Choral speisten; oder auch mal einer Arie aus dem „Messias“ in einem chorischen Arrangement zu ganz unerhörter Geltung verhalfen („The People That Walked in Darkness).
Das eigentlich Spektakuläre
Und dabei erlebte man einen Knabenchor von hinreißender Gesangskultur; einem alabasterklaren Klangbild, absolut rein bis in äußerte Diskantbereiche, trotz ihrer Jugendlichkeit gut geerdeten Tiefenregistern und leuchtenden Mittellagen. Einsätze und Schlussphasen ereigneten sich „geräuschfrei“, jede Phrasierung beatmete die Aura der Komposition. Böhme pochte unangestrengt, aber nachdrücklich auf äußerste Präzision in Rhythmus und Tongebung. Die bis auf minimalste Schwebungen reduzierten Pianos waren zu sensationell. Das eigentlich Spektakuläre des Auftritts aber lag im charismatischen Erscheinungsbild, in der bei aller technischen Perfektion sichtlich lustvollen Hingabe der Protagonisten an ihre Aufgabe. Und das übermittelten die komplexen harmonischen Gespinste bei Arvo Pärt und die virtuose Koloraturengeflecht bei Händel ebenso nachdrücklich wie das schlichte, zu Herzen gehende „In dulci jubilo“, das nach frenetischem Beifall als Zugabe gereicht wurde.