Neustadt Wenn die Schwebfliege gegen die Blattlaus in den Kampf zieht

Wenn Obstbauern überleben wollen, brauchen sie gute Produkte, die beim Verbraucher ankommen.
Wenn Obstbauern überleben wollen, brauchen sie gute Produkte, die beim Verbraucher ankommen.

Pflanzenschutz im Einklang mit der Natur: Das ist das Ziel eines neuen Modellprojekts des Bundes. Mit im Boot ist das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Mußbach. Jetzt sind die Obstbauern in der Region gefragt.

Der Kreislauf ist so simpel wie einleuchtend: Erwachsene Schwebfliegen ernähren sich von Nektar und Pollen, ihre Larven aber brauchen Fleisch, gern in Form von Blattläusen. Blattläuse wiederum nerven Obstbauern, denen die Schwebfliegen-Larven folglich willkommen sein dürften. Der Fliege wiederum dürfte der Besuch leicht fallen, wenn eine Blühhecke an die Obstplantage grenzt. Denn dann kann sie sicher sein, dass der Tisch für ihren Nachwuchs auch noch reich gedeckt ist, wenn er erwachsen geworden ist.

Um solche Kreisläufe und mehr geht es bei einem neuen Modellvorhaben, für das das Bundeslandwirtschaftsministerium jetzt den Startschuss gegeben hat. Natürliche Gegenspieler von Schädlingen im Obstanbau sollen optimal eingesetzt werden können. Folglich lauten die Fragen, wo ist was möglich und was muss zusätzlich getan werden, um die Gegenspieler so richtig zu motivieren. Das Ziel ist ebenso klar: Wer solche „Dienstleistungen“ richtig nutzt, schützt seine Pflanzen auf natürliche Weise. Spritzmittel können reduziert werden, im besten Fall werden sie vielleicht sogar überflüssig.

Schreibtisch in NRW

Einer, der sich bestens mit diesen Themen auskennt, ist Jürgen Lorenz vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz im Neustadter Ortsteil Mußbach. Beim DLR-Kompetenzzentrum Gartenbau ist er unter anderem Spezialberater für Fruchtbarkeit und Biodiversität im Obstbau. Sein Schreibtisch steht damit allerdings am Campus Klein-Altendorf bei Rheinbach in Nordrhein-Westfalen.

Auch der Marienkäfer liebt Blattläuse.
Auch der Marienkäfer liebt Blattläuse.

Seit 2005 ist Lorenz in Sachen Biodiversität im Obstbau unterwegs. Seine Ansage ist klar: „Machen Sie sich von dem Gedanken frei, dass ein Obstfeld ein totes Revier ist.“ Bei einem Forschungsprojekt seien 132 Wildbienenarten in Anlagen gefunden worden. Lorenz’ Fazit: „Auch der Obstanbau bringt seine Leistung fürs Ökosystem, nicht nur die Streuobstwiese.“

Obstbau integrativ

Das nun gestartete neue Modellvorhaben schließt an ein sechsjähriges Bundesprojekt zur Biodiversität an. „Insgesamt“, sagt Lorenz, „läuft der Integrative Obstanbau bereits seit vielen Jahren.“ Aus Sicht des Experten ist also viel Wissen vorhanden, „das aber vielleicht wieder mehr in die Praxis gebracht und dann auch kommuniziert werden muss“.

Die Schwebfliege: Erwachsene Tiere brauchen Nektar und Pollen, ihre Larve aber frisst Fleisch.
Die Schwebfliege: Erwachsene Tiere brauchen Nektar und Pollen, ihre Larve aber frisst Fleisch.

Bei der Kommunikation hat er auch Privatleute im Blick. Schließlich sei im eigenen Garten noch mehr möglich als in der Plantage. Private Verbraucher seien nicht auf beste Qualität angewiesen: „Es kommt nicht so sehr darauf an, ob ein Apfel mal angestochen wird.“ Kunden von Obstbauern aber wollten meist ein perfektes Produkt, und der Bauer müsse davon auch leben können.

Jetzt geht’s los

Der Förderbescheid für das auf vier Jahre angelegte Modellvorhaben wurde vergangene Woche übergeben. „Jetzt geht es los“, freut sich Lorenz. Zunächst einmal sollen per Ausschreibung Betriebe gefunden werden, die als Modell- und Demonstrationsbetriebe mitmachen wollen. Sechs sollen es sein, gerne auch aus der Pfalz, aber wenn mehr Obstbauern Interesse haben sollten, kann sich Lorenz vorstellen, dass das Ministerium nicht Nein sagt, „sondern Lösungen sucht“.

Ausgestattet ist das Vorhaben insgesamt mit rund 2,2 Millionen Euro. Davon geht der größte Teil an das Julius-Kühn-Institut als Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg. Dieses übernimmt mit seinen drei Fachinstituten, zwei davon in Dossenheim, die Gesamtkoordination und wissenschaftliche Begleitforschung. Der Rest des Geldes wird auf vier Modellregionen verteilt, darunter die Modellregion West, die das Mußbacher DLR mit seinem Kompetenzzentrum Gartenbau koordiniert.

In der Pfalz kleinstrukturiert

Bei den vier Regionen handelt es sich um die vier Hauptobstanbaugebiete in Deutschland. Jede davon habe eine ganz eigene Zusammensetzung an Nützlingen und Biodiversität, beschreibt Lorenz die Lage. Daher seien auch ganz unterschiedliche Lösungen notwendig. Die Region West sei geprägt von eher kleinstrukturiertem Obstanbau, hohen Hecken, vielen Fahrwegen, hoher Biodiversität und maritimem Klima. Jene im Osten (Sachsen) haben riesige Plantagen, im Norden (Altes Land) sei sehr viel Wasser vorhanden, der Süden (Bodensee) sei von viel Regen und intensivem Obstbau geprägt.

Abgedeckte Erdbeerfelder bei Ebertsheim im Donnersbergkreis.
Abgedeckte Erdbeerfelder bei Ebertsheim im Donnersbergkreis.

Die Fördermittel werden laut Lorenz vor allem für eine neue Stelle eingesetzt, die das Projekt betreut. Für die teilnehmenden Betriebe soll alles kostenneutral sein. Aber auch wenn keine Kosten anfallen sollen, ist durchaus Einsatz gefragt. Der Betreiber müsse offen sein und auch bereit, mal anders zu denken, Lust haben, etwas auszuprobieren, formuliert es der Experte. Am Ende werde es auch darum gehen, den eigenen Handel und die eigenen Produkte zu kommunizieren und damit den Bezug des Kunden zur Landwirtschaft zu verbessern. Es sei eben nicht so, „dass alle Früchte vergiftet sind und die Bauern alles totspritzen“.

Info

Modell- und Demonstrationsvorhaben „Maßnahmen zur Stärkung der funktionellen Biodiversität für eine nachhaltige Produktion im Obstbau (FUBIOO)“, Kontakt juergen.lorenz@dlr.rlp.de, Info www.obstbau.rlp.de oder www.dlr-rheinpfalz.rlp.de

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