Neustadt Wenn die große Welt auf der Matte ganz klein wird

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Neustadt. Die Judo-AG an der Heinz-Sielmann-Schule ist gelebte Integration. Denn viele Schüler sind Flüchtlinge. Doch egal ob die Kinder aus Deutschland oder aus Krisenregionen stammen, Spaß haben sie offenbar alle in der Übungsstunde, die dank der Judo- und Jiu-Jitsu-Vereinigung Neustadt möglich ist.

Ganz ruhig geht es in der Turnhalle der Heinz-Sielmann-Schule zu. Auf der Matte stehen zwölf Viertklässler und Judo-Meister Reinhard Kirsch. Der 66-jährige Haßlocher trägt den schwarzen Gürtel und übt seit 54 Jahren den asiatischen Kampfsport aus. Vor dem Beginn der Nachmittags-Arbeitsgemeinschaft (AG) begrüßen sich alle Teilnehmer respektvoll durch eine Verbeugung. Von den 180 Grundschülern der Heinz-Sielmann-Schule gehen 120 in die Ganztagsschule. Nach Mittagessen und Hausaufgaben können sie an verschiedenen Arbeitsgemeinschaften teilnehmen. Neben Judo stehen etwa Rope Skipping, Aerobic oder Ballspiele zur Auswahl. Die Judo-AG gibt es auch dank der Judo- und Jiu-Jitsu-Vereinigung Neustadt. Diese hat in der Turnhalle der Westschule ihren regulären Trainingsbetrieb. Daher lagern dort auch die kleinen, blauen quadratischen Matten, mit denen das Trainingsareal ausgelegt wird. Für Schulleiterin Ruth Raach war es daher schon länger ein Ziel, den Verein für eine AG zu gewinnen. Dass dies lange nicht klappte, hatte zeitliche Gründe. „Wir arbeiten tagsüber, die Trainingszeiten zwischen 14 und 16 Uhr in der Schule waren daher schwer abzudecken. Erst als Reinhard Kirsch in Rente ging, war dies möglich“, erzählt der Vorsitzende des Judo-Vereins, Markus Pappon. Kirsch erlebt nun, dass für manche Kinder, die mit ihren Familien aus Krisengebieten hierher gekommen sind, Deutschland eine große Umstellung bedeutet. „Sie haben einen ganz anderen Hintergrund und kommen aus dem Kosovo, aus Syrien, Afghanistan oder Libyen. Man merkt, dass sie eingeschüchtert sind. Ich habe das Gefühl, Welten prallen aufeinander“, erzählt Kirsch. So ist die Judo-AG auch Integration durch Sport. Schulleiterin Raach sagt: „Sport ist gelebte Integration. Rund ein Drittel der Schüler sind Flüchtlingskinder.“ Auf der Matte müssen dann alle Kinder lernen, richtig zu fallen. „Erst danach lernen sie werfen“, erzählt Kirsch. Er muss veranschaulichen, dass es beim Judo, wie auch bei den anderen asiatischen Kampfsportarten, um Werte wie Respekt und Bescheidenheit geht. Wenn die Schüler ihre weißen Kimonos anziehen, die der Förderverein der Heinz-Sielmann-Schule gesponsert hat, ist es, als schlüpfen sie in eine andere Haut. Sie wirken dann reifer, gelassener, ruhiger und selbstbewusster. Wie etwa der neunjährige Aman Roos. Er hat bereits den gelben Gürtel. Aus Aleppo kommt Achmed Abbas. Eigentlich wäre der Zehnjährige schon in der vierten Klasse, besucht in der Grundschule die zweite Klasse und kann, obwohl er erst seit 15 Monaten hier lebt, schon sehr gut Deutsch. Bevor Kirsch die Schüler zur Begrüßung zusammenruft, herrscht Unruhe in der Halle. Nun federn sie mit lautem Knall ihre Fallübungen ab. Dann zeigt ihnen Kirsch, wie man den Ansatz eines Hüftwurfes mit einer Sichel oder mit einer Drehung kontert – dafür muss man sehr konzentriert zu Werke gehen. „Wir machen jeweils nur ein, zwei verschiedene Würfe in einer Stunde. Die Kinder sagen oft, ja, wir haben es verstanden, aber wir wiederholen viel“, erklärt Kirsch. Schließlich müsse man bis zum schwarzen Gürtel sehr lange üben. Kirsch ist der ruhende Pol in der Halle. Er strahlt eine natürliche Autorität aus und schafft es so, dass die Unterschiede auf der Matte zwischen Neustadter Kindern und Kindern aus den Krisengebieten verschwinden. Einige sind auch schon dem Verein beigetreten und besuchen die Übungsstunden am Abend. Ihnen ist die Einheit in der Schule zu wenig. Info —Markus Pappon, Vorsitzender Judo- und Jiu-Jitsu Vereinigung Neustadt, Telefon 0160/98540062. Übungsstunden des Vereins in der Heinz-Sielmann-Turnhalle: montags: 18.30 bis 19.45 Uhr, mittwochs: 18 bis 19.30 Uhr, donnerstags: 18.45 bis 19.45 Uhr, freitags: 17 bis 18.30 Uhr.

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