Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn der Strom wegbleibt: Neustadt probt den Ernstfall mit Notstrom und Evakuierungsplänen

Blick in das Lagezentrum.
Blick in das Lagezentrum.

In Neustadt fällt der Strom aus – zum Glück nur als Übung. Getestet werden Notstrom, Klinikbetrieb und Notrufstellen.

Man denkt nichts Böses an diesem Donnerstag. Früher Abend, die Luft ist angenehm. Nichts zu spüren von einer Katastrophe, die in der Luft läge. In der Hauptfeuerwache in der Lindenstraße hat Thomas Nett die Seinen um sich geschart. In einem engen Raum sitzen rund zwei Dutzend Einsatzkräfte, weit mehr Männer als Frauen, Schulter an Schulter vor ihren Bildschirmen. Sie wissen, was jetzt kommt.

An diesem Abend wird in vielen Gesprächen klar, dass seit der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 die Welt des Katastrophenschutzes in Rheinland-Pfalz eine andere ist. Alles, was damals passierte, ist in den Köpfen, es ist der Maßstab bei all den vielen tausend Dingen, die in einem Katastrophenfall zu leisten sind. „Damals im Ahrtal“, diese Redewendung ist sehr oft zu hören an diesem Abend in Neustadt. Und dann war da ja auch noch der Blackout von Berlin, Anfang Januar, bei dem 100.000 Menschen tagelang ohne Strom waren.

„Bis zu drei Tage Stromausfall“

Um 18.30 Uhr verkündet Thomas Nett, Technischer Einsatzleiter, dass seit 18.10 Uhr ganz Neustadt „plötzlich und vollständig ohne Strom“ sei. „Ursache war ein Hackerangriff“, sagt Nett. Wie lange es dauern werde, bis der Strom zurückkomme, sei vorläufig unklar.

Etwa eine Stunde später wird Markus Schuler, Fachbereichsleiter bei den Stadtwerken, von Schäden an einem Umspannwerk sprechen und verkünden, es sei mit „bis zu drei Tagen Stromausfall“ zu rechnen.

Aber: Es ist „nur“ eine Übung an diesem Donnerstag, nicht die erste ihrer Art. Seit der Flutkatastrophe im Ahrtal wurden die gesetzlichen Regelungen, wie oft und wie intensiv Katastrophenschutz zu üben sei, verschärft. Es gibt reichlich Not- und Einsatzpläne, in der Lindenstraße, und nicht nur dort. Selbstredend sind Krankenrettungsdienste, Polizei, THW und andere Hilfseinrichtungen unmittelbar an Bord oder in Bereitschaft. Naturgemäß auch die 2025 gegründete SEG, die Schnelleinsatzgruppe der Stadt.

Realistische Drehbücher

Mit am Tisch im Lagezentrum ist auch ein Oberstleutnant der Bundeswehr. Rund 200 unmittelbar Beteiligte werden bei dieser Übung im Einsatz sein. Die Bürger werden wenig mitbekommen an diesem lauen Aprilabend. Der Zeitpunkt und die Art und Weise, wie und über welche Medien man sie unterrichten würde, wenn es tatsächlich ernst würde, etwa via KATWARN – auch das ist akribisch festgelegt und vorbereitet.

An das, was alles an einem längeren Stromausfall „hängt“, was alles wie aus dem Nichts heraus nicht mehr geht und mit welchen Konsequenzen, denkt man als Neustadter Bürger um 18.30 Uhr im April mutmaßlich erst mal nicht. Anders die Berliner Bürger im Januar, als es um 18.30 Uhr schon stockdunkel war und noch dunkler wurde und bei Minusgraden eiskalt in der Wohnung, soweit die Wärmeversorgung mit Strom zu tun hatte.

Einsatzleiter Nett, professionell, ruhig und oft in Blickkontakt mit Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Stefan Klein, vermittelt den ersten Erkenntnisstand zur Lage, wie sie vorgegeben ist; es sind Drehbücher, aber absolut realistisch. Hochsensibel: die „kritische Infrastruktur“, insbesondere Betreuungseinrichtungen und das Krankenhaus. Aber nicht nur die. „Aufzüge stehen still, der Betrieb an den Tankstellen kommt zum Erliegen, in den Supermärkten funktionieren die Lebensmittelkühlungen nur noch eingeschränkt, Telefonfestnetz und Internet sind tot, ebenso Straßenbeleuchtungen und Ampeln, trotzdem verläuft der Verkehr halbwegs geordnet – noch.“

Zauberwort Notstromaggregate

Im Saalbau sei eine Veranstaltung abgebrochen, das Gebäude „kontrolliert geräumt“ worden. Im Hetzelstift hat das Umschalten auf die dort vorhandene eigene Notstromversorgung zunächst gut geklappt. Doch dann: Computertomografie (CT) sei nicht mehr möglich. Patienten, die akut eine CT brauchten, müssten möglicherweise evakuiert und woanders versorgt werden. Die Klinik habe gemeldet, man habe dort 30 Intensivpatienten und 69 hilfebedürftige Personen zu versorgen.

Kommunikation ist existenziell wichtig in so einer Lage. Handys gehen zwar noch. Aber wie verwundbar die Handytelefonie ist, habe sich gerade im Ahrtal gezeigt, ist an diesem Abend zu hören. Wie lange es gut geht, hängt von den Akkus der Geräte ab, und vor allem von den Mobilfunkmasten. Die brauchen eine kontinuierliche Stromversorgung, und wenn die ausfällt, können nur Batterien kurzzeitig aushelfen.

Das Zauberwort heißt: „Notstromaggregate“. Beispiel Hetzelstift: Dort solle eine massive Stromeinspeisung mit großen Aggregaten erfolgen, wird im Lagezentrum beschlossen. Die Herausforderung dabei: Notstromaggregate werden mit Kraftstoff betrieben, in der Regel mit Diesel. Da muss also ein gehöriger Vorrat angelegt sein – denn die Tankstellen funktionieren ja nicht, bei einem Blackout. Doch.

Eine soll funktionsfähig bleiben. Fahrt mit Patrick Seebacher vom Feuerwehr-Medienteam zur Globus-Tankstelle. Einsatzkräfte sind schon vor Ort, ebenso ein Notstromaggregat samt Dieselkanister. Also kann bei dieser Tankstelle im Ernstfall Strom eingespeist und damit der Tankbetrieb – auch für Bürger – in Betrieb gehalten werden. Lange Schlangen wären dann allerdings unausweichlich, ein waches Auge der Polizei notwendig. Für die Übung hat sich die Tankstelle, die in Wahrheit ja einsatzfähig ist, am Abend für ihre Kunden als „geschlossen“ deklariert.

Die Denkwege sind besonders in so einem Notfall: Diesel aus Kanistern treibt ein Notstromaggregat, das Strom in eine Tankstelle einspeist, damit dort gezapft werden kann. Das überragende Thema heißt: „Notstrom“. Um 19 Uhr verkündet Katastrophenschutzinspekteur Klein im Lagezentrum: „Das DRK braucht dringend ein Notstromaggregat.“ Dass ausreichend Geräte für den Ernstfall paratstehen – ein wichtiger Teil der Planung.

Hilferuf als Teil der Übung

Weiterfahrt mit Mediensprecher Seebacher Richtung Mußbach, Gedanken an den alten Spruch: „Wieso die Aufregung? Bei uns kommt der Strom doch aus der Steckdose!“ Seebacher verweist auf die Sinnhaftigkeit privater Batterievorräte, „Nicht zuletzt Batterie-Radios sind sehr zu empfehlen.“

Während der Fahrt kommt über Funk eine Meldung: Auch das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) melde dringenden Bedarf für ein Notstromaggregat; anderenfalls würden Messresultate verloren gehen – dann stünden Millionen Euro auf dem Spiel.

An diesem Abend ist dieser Hilferuf nur Teil der Übung. Aber dann ist zu erfahren: Es gab ihn auch in echt, vor einiger Zeit. Ohne Details auszubreiten, lässt die Einsatzleitung anklingen, dass die Hilfsorganisationen, insbesondere die Feuerwehr, über genügend stille Reserven bei Treibstoff und auch bei Aggregaten verfüge.

In Mußbach ist, wie in den anderen Stadtteilen, vor dem Feuerwehrgerätehaus eine Notrufmeldestelle eingerichtet. Hier können im Ernstfall Schadensmeldungen und Hilferufe „live“ entgegengenommen werden, wenn Festnetztelefone und Handys der Bürger tot sind.

Alles läuft nach Plan

Weiterfahrt nach Lachen-Speyerdorf zum Flugplatz. Es ist keineswegs so, dass die Übung ausschließlich online im Lagezentrum stattfindet. Die Kräfte sind, auch wenn die Übung nicht spektakulär nach außen getragen wird, gut unterwegs zu den Stellen, an denen es „wehtut“. Für Lachen-Speyerdorf sieht das Übungsdrehbuch vor, dass die Feuerwehr ein Areal absteckt und ausleuchtet – für die Landung zweier Hubschrauber, die in einem Ernstfall Kranke und Verletzte transportieren können. Alles läuft nach Plan.

Auf der Rückfahrt zum Lagezentrum fallen bei hereinbrechender Dunkelheit verstärkt Krankentransportfahrzeuge mit Blaulicht auf. Möglich, dass das eine oder andere nicht zur Übung gehört, sondern zu einem akuten echten Fall.

Für einen solchen – Feuer oder anderes Unglück – sind die Hilfsdienste trotz der Beanspruchung durch die Übung zu einhundert Prozent gerüstet, so lautet die Botschaft. Nach gut drei Stunden ist die Übung zu Ende. Erstes Urteil der Einsatzleitung: „Erfolgreich“. Wobei man im Detail immer weiter an Verbesserungen arbeiten werde.

2025 wurde die SEG gegründet, die Schnelleinsatzgruppe der Stadt.
2025 wurde die SEG gegründet, die Schnelleinsatzgruppe der Stadt.
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