Schwimmen RHEINPFALZ Plus Artikel Weinstraßen-Wettkämpfe: Schiedsrichter üben mit Schwimmern

Zu Beginn der Wettkämpfe erklärt Schiedsrichter Sven Bundschuh den kleinsten Schwimmern, wie ein Start abläuft.
Zu Beginn der Wettkämpfe erklärt Schiedsrichter Sven Bundschuh den kleinsten Schwimmern, wie ein Start abläuft.

Auf den Weinstraßen-Wettkämpfen des SC Neustadt sind zwei Unparteiische plus 30 Kampfrichter im Einsatz. Sie geben sogar praxisnahen Unterricht, bevor es losgeht.

Die Aufregung ist den kleinen Mädchen anzusehen. Nervös wippen sie von einem Fuß auf den anderen, kreisen immer wieder die Arme. Gleich erfolgt der erste Start auf den 30. Weinstraßen-Schwimm-Wettkämpfen des SC Neustadt. 50 Meter Brust stehen auf dem Plan. Doch bevor es ins Wasser geht, tritt erst einmal Schiedsrichter Sven Bundschuh in Aktion.

Er hat schon einige Male das 50-Meter-Becken im Stadionbad zu Fuß umrundet, hat unterwegs zwei jugendliche und erfahrene Schwimmerinnen angesprochen. Diese beiden Mädels stehen jetzt vor den Startblöcken Nummer fünf und sechs. Und unterstützen nun Bundschuh in einem praxisnahen Anschauungsunterricht „für die, die heute ihren ersten Wettkampf haben“. Die beiden Jugendschwimmerinnen zeigen, wie die kleinen Schwimmerinnen anschließend starten sollen. „Wir starten mit einem kurzen Pfiff“, ruft Bundschuh. „Wir gehen an den Startblock.“ Er lässt einen langen Pfiff ertönen: „Geht hoch auf den hinteren Teil des Startblocks.“ Nun folgt das Kommando von Starterin Eva Gröne-Bentz (SC Wörth): „Auf die Plätze ...“ Ein kurzer Moment vergeht, und schon schallt ein lauter Ton durch die Halle. Das Startsignal aus der Startanlage.

Kurz zuvor aber ist ein kleines Mädchen plötzlich auf Bahn vier ebenfalls schnell auf den Startblock geklettert, offensichtlich im Glauben, dass es schon losgeht. „Holt sie zurück“, ruft Sven Bundschuh den Kampfrichtern zu – an jeder der zehn Bahnen im Stadionbad steht einer von ihnen nahe dem Startblock.

Akustisches und optisches Signal

Dann aber wird es tatsächlich ernst. Bundschuh nimmt seine Position auf der anderen Beckenseite gegenüber von Eva Gröne-Bentz ein. Nach Bundschuhs Pfiffen gibt sie das Kommando „auf die Plätze ...“ und drückt den Knopf an der Startanlage für das Startsignal. Das ist übrigens nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen – auf der roten Anlage leuchtet eine Lampe auf.

Eva Gröne-Bentz gibt das Startsignal, das zu hören und zu sehen ist.
Eva Gröne-Bentz gibt das Startsignal, das zu hören und zu sehen ist.

Das Lichtsignal sei das Zeichen für die Zeitnehmer, die Zeit zu stoppen, „denn Licht ist schneller als Schall“, betont die Wörtherin. Zudem sei das Licht für Gehörlose oder Hörgeschädigte wahrzunehmen. Eine hörgeschädigte Schwimmerin starte in Neustadt, weiß Gröne-Bentz. Auch eine angehende wie hörgeschädigte Kampfrichterin sei im Einsatz. Tatsächlich steht bald besagte Schwimmerin auf dem Startblock. Während ihre Konkurrentinnen den Kopf nach unten halten und auf das akustische Signal warten, hat sie den Kopf nach links gedreht: Sie schaut auf die Startanlage und springt ins Wasser, als die Lampe aufleuchtet.

Erfrischung für Starterin

In der schwülwarmen Traglufthalle darf sich Gröne-Bentz bei jedem Start über Erfrischungen freuen. Direkt neben dem Becken stehend, bekommt sie immer wieder Wasserspritzer beim Start ab. „Bei den Großen gleich ist es schlimmer“, sagt sie und lacht. Eva Gröne-Bentz achtet darauf, dass niemand zu früh startet. Bis das Startsignal ertöne, dürften die Schwimmer sich nicht bewegen, nicht zucken. „Wir haben die Ein-Start-Regel – bei einem Frühstart ist ein Schwimmer sofort disqualifiziert.“

Kampfrichter Torsten Stief beobachtet die Bewegungen der Schwimmer im Wasser. Unterläuft einem Sportler ein Fehler, beanstandet
Kampfrichter Torsten Stief beobachtet die Bewegungen der Schwimmer im Wasser. Unterläuft einem Sportler ein Fehler, beanstandet der Kampfrichter dies schriftlich.

Ein wachsames Auge hat auch Kampfrichter Torsten Stief, der in jedem Lauf neben dem Becken immer auf Höhe der Schwimmer geht und die Sportler beobachtet. Schon am Vormittag habe er mehrere eklatante Fehler gesehen, „ich musste die Schwimmer rausholen“. Soll heißen: Die Sportler sind disqualifiziert worden. Stief erzählt von zu vielen Delfinkicks nach dem 50-Meter-Brust-Start, vom Kraulbeinschlag, „obwohl Brust geschwommen wird“. Wenn so etwas bei den ganz Kleinen einmal passiere, schaue man als Kampfrichter darüber hinweg. Nicht aber, wenn es wiederholt passiere. „Man muss mit Maß arbeiten“, sagt er. Begeht ein Schwimmer einen Fehler, füllt der Kampfrichter ein kleines Formular aus, beschreibt den Fehler, schreibt auf, wer ihn in welchem Lauf begangen hat. Dann übergibt er den Zettel dem Schiedsrichter.

Anspruchsvolles Brust- und Delfinschwimmen

Diesmal ist Tizian Kern (SC Wörth) der Schiedsrichter, der die Beanstandungen der Kampfrichter entgegennimmt. „Die Kampfrichter dürfen nur beanstanden“, sagt er. „Der Schiedsrichter entscheidet über die Disqualifikation.“ An diesem Vormittag seien Delfin-Beinschläge die häufigsten Vergehen der kleinen Schwimmer gewesen. Kern: „Man darf aber nur einen machen.“ Kampfrichter Torsten Stief ergänzt: „Brust und Delfin sind die anspruchsvollsten Schwimmdisziplinen – da passieren die meisten Fehler.“ Im Kraulen gebe es fast nichts zu beanstanden, stimmt Kern ihm zu. Im Rückenschwimmen drehten sich manche von den Kleinen zu sehr in Bauchlage um, „um vor der Wende die Wand zu sehen“. Kern: „Bei mehr als 90 Grad drehen ist man disqualifiziert.“ Bei einer speziellen Rollwende der Rückenschwimmer „müssen sie kontinuierlich den Armzug machen“.

Auch Kampfrichterin Tanja Bartscherer aus Bietigheim hat ein Auge auf die Aktionen der Schwimmer auf Bahn zwei, für die sie die Zeit stoppt. „Wenn die Unterwasserphase zu lang ist oder bei einem falschen Tauchzug“ füllt auch sie besagten Zettel mit Beanstandungen aus. Auf 200-Meter-Strecken „achte ich auf die Wende“.

Kaum Diskussionen

Diskussionen oder gar Rudelbildung wie oft in Fußballspielen zu sehen nach umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen gibt es im Schwimmsport kaum. „Der Respekt im Schwimmsport ist deutlich höher“, stellt Kern fest. Er habe noch nie eine Disqualifikation eines Sportlers zum Beispiel wegen einer Beleidigung erlebt. „Alles, was im Becken passiert, sind Tatsachenentscheidungen“, erklärt Sven Bundschuh, dass es zwar ab und an Diskussionen mit Eltern gebe. „Aber dies ist zurückgegangen.“ Denn seit etwa zehn, 15 Jahren gebe es keine Einsprüche mehr zu Tatsachenentscheidungen. Früher habe es die Drei-Start-Regel gegeben – erst nach dem dritten Fehlstart ist ein Schwimmer disqualifiziert worden. Bundschuh: „Da gab’s viele Psychospielchen, manche haben den Fehlstart provoziert.“ Das Ganze habe zudem viel Zeit gekostet.

Tizian Kern erinnert sich an eine Mutter eines wegen eines Frühstarts disqualifizierten Schwimmers. „Sie hatte alles gefilmt und kam zu mir – aber Videobeweise sind im Schwimmen nicht zulässig.“ Der Schiedsrichter hält es aber wie Kampfrichter Torsten Stief: „Wo ist bei den Kleinen der größere Lerneffekt? Schmeiße ich sie raus? Oder erkläre ich ihnen ihren Fehler mit dem Hinweis, dass sie mit einem solchen Fehler beim nächsten Mal disqualifiziert werden?“ Normalerweise, fügt Bundschuh hinzu, sähen die Trainer die Fehler ebenfalls, „und auch die Schwimmer wissen meist, was sie falsch gemacht haben“.

Eltern als Kampfrichter

Auf den Weinstraßen-Wettkämpfen sind diesmal 30 Kampfrichter plus Sprecher, Auswerter und Protokollführer im Einsatz. „Es sind fast alles Eltern, die die Ausbildung dafür absolviert haben“, informiert Bundschuh. Es sei schwer für die Clubs, dafür „genug Leute zu kriegen“. Es gebe sogar Vereine, die nicht mehr zu Wettkämpfen führen, weil sie zu wenige Kampfrichter hätten. Denn auf Meisterschaften koste es Geld, wenn ein Club nicht genügend Kampfrichter stelle. „Die Anzahl der Starts eine Vereins ergibt die Anzahl der Kampfrichter, die er stellen muss“, rechnet der Schiedsrichter vor.

Die Schwimmer des SC Neustadt schwören sich vor dem ersten Start lautstark auf den Wettkampf im Stadionbad ein.
Die Schwimmer des SC Neustadt schwören sich vor dem ersten Start lautstark auf den Wettkampf im Stadionbad ein.

Es sind übrigens nicht nur die Schwimmer, denen Fehler unterlaufen. „Ich gucke immer, was die Schiedsrichter falsch machen“, verrät Sven Bundschuh schmunzelnd. Er achte genau auf die Formulierungen, die die Kampfrichter auf die Zettel mit den Beanstandungen schrieben. „Er hat nicht gewendet“ habe er kürzlich gelesen. Der Kampfrichter hätte aber schreiben müssen „er hat beim Wenden die Wand nicht berührt“. Bundschuh: „Als der Kampfrichter mir seinen Text vorgelesen hat, hat er seinen Fehler aber selbst sofort gemerkt und sich korrigiert.“

Erfolgreicher SC Neustadt

Die Schwimmer des SC Neustadt haben offensichtlich viel richtig gemacht: In der Gesamtwertung belegen sie Platz zwei unter 26 Vereinen mit 47 Gold-, 49 Silber- und 41 Bronzemedaillen hinter Gesamtsieger SG Rhein-Mosel (52, 14, 18). In der offenen Wertung ist der SCN Achter (0, 4, 3), in der Jahrgangswertung siegt er (47, 45, 38).

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