Neustadt
Warum Neustadt von Gießen lernen möchte
Seit Dienstagabend ist es fix: Neustadt bekommt eine Baumfördersatzung. Der Stadtrat hat mit großer Mehrheit (drei Enthaltungen und eine Gegenstimme) zugestimmt und damit einem Prüfauftrag der Grünen aus dem Jahr 2019 zum Erfolg verholfen. Den Bäumen in Neustadt soll es damit künftig besser gehen. Vor allem Privatleute sollen Hilfe bekommen. „Wir wollen beraten und unterstützen“, sagt Umweltdezernentin Waltraud Blarr (Grüne).
Dass sich damit beachtliche Erfolge erzielen lassen, hat Hinrich Lüttmann dem Stadtrat am Dienstagabend geschildert. Er ist bei der Stadtverwaltung Gießen federführend für die „Förderung der Stadtökologie durch Bäume“ zuständig, wie es auf der Homepage der hessischen Stadt heißt. In Gießen gibt es seit vier Jahren eine Baumfördersatzung. Man habe 350 Bäume von 140 Bürgern ins Kataster und damit die Routinekontrollen aufgenommen. Außerdem wurden über entsprechende Regelungen im Baurecht „650 fachgerechte Baumpflanzungen erwirkt“, erläutert Lüttmann.
Zwei Anfragen pro Woche
Das Gießener Konzept stoße auf große Resonanz: „Wir haben jede Woche Anfragen von zwei Kommunen.“ Inzwischen sei so viel los, dass er Anfragen nur noch per Telefon oder Videositzung beantworten könne. Aber in Neustadt habe er schon sehr früh zugesagt gehabt. Lüttmann nutzt die Gelegenheit, um die rund 50 Zuhörer im Saalbau von seinen Ansätzen zu überzeugen. Privatbäume sollen dabei geschützt werden, weil sie mit Blick auf Stadtbild und die Funktion fürs Klima und die Artenvielfalt auch eine „wichtige öffentliche Funktion erfüllen“. Die Bürger müssten die Kontrollen der Stadt beantragen, weil nur dann die Versicherungsfragen geklärt seien. „Wir helfen beim Baumerhalt“, betont Lüttmann. Auf die Stadt Gießen seien seither keine höheren Kosten zugekommen, und mit weitergehenden Regelungen ziele man auch auf die entsprechende Gestaltung von Baugebieten mit Bäumen ab.
Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG) dankt Lüttmann „für das gute Anschauungsbeispiel, wie wir auch in Neustadt vorgehen können“. Pascal Bender (SPD) ist zwar einverstanden, möchte aber „keinen Blankoscheck“ ausstellen. Blarr sichert daher zu: „Wir werden regelmäßig über die Erfolge mit der Satzung berichten.“
Und noch ein Grünen-Antrag
Also ist der Stadtrat voll auf Baumschutz und neue Regelungen? Nicht ganz. Das müssen die Grünen kurz darauf erfahren. Sie scheitern mit einem umfassenden Prüfauftrag zum besseren Schutz auch der städtischen Bäume. Ausgerechnet die Grünen-Dezernentin Blarr nimmt dem Ansinnen den Wind aus den Segeln: „Wir haben das auf der Agenda für unsere nächste Sitzung im Arbeitskreis.“ Verbessern wolle sie vor allem den Baumschutz bei Baustellen und bei Vorgaben für Bauvorhaben.
Spätestens jetzt sind die anderen Redner „verwirrt“, wie Clemens Stahler (CDU) einräumt. Sie sehen keinen „fahrlässigen Umgang mit Bäumen“ (Matthias Frey/FDP) und wollen, dass Blarr die „vorhandenen Instrumente“ nutzt (Stahler) und „Leute sensibilisiert“ (Christoph Bachtler/FWG). SPD-Mann Bender warnt: „Wir sollten uns nicht zu Tode prüfen, sondern lieber machen.“ Jetzt ist Blarr am Zug.