Neustadt
Von der Hoffnung, dass Taubenschläge gegen die Plage helfen
Tauben. Es gibt nur wenige Tiere, die so viele – meist negative – Emotionen hervorrufen wie diese Vögel. Viele Menschen betrachten sie als Ärgernis, bezeichnen sie als „Ratten der Lüfte“. Dabei habe die Taube zu Unrecht einen schlechten Ruf, sagt Verona Zöller. Seit drei Jahren beschäftigt sie sich mit der Vogelart und ist Mitglied im Verein Stadttaubenprojekt Rhein-Neckar, das in mehreren Städten in der Region aktiv ist.
Mit den Vorurteilen will die Neustadterin auch direkt aufräumen. Dazu wagt sie einen Blick zurück: Die Stadttaube sei einst aus der Felsentaube hervorgegangen, die der Mensch eingefangen und fortan gezüchtet habe, um an Eier und Fleisch zu kommen. „Sie wurde so gezüchtet, dass sie sechs bis acht Mal im Jahr brütet. Andere Vögel tun das nur zwei bis drei Mal“, weiß Zöller. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Tauben dann mehr oder weniger sich selbst überlassen worden. Doch der angezüchtete Brutzwang habe nie aufgehört. „Selbst wenn die Tiere halbverhungert sind, brüten sie noch, um ihre Art zu erhalten“, sagt die Neustadterin.
Eier durch Attrappen ersetzt
Viele Küken überlebten erst gar nicht, weil es in der Stadt kein Angebot an Körnern gebe. Die Überlebenden würden oft durch die Nahrung krank, die sie auf dem Boden finden. Jedoch seien die Vögel nicht per se Krankheitsüberträger. „Für die Vogelgrippe sind sie gar nicht anfällig. Wenn sie etwas übertragen, dann die gleichen Krankheiten wie bei Amseln oder Spatzen und für den Menschen ungefährlich.“
Den Brutzwang könne man den Tauben zwar nicht austreiben. Jedoch könne man die Population eindämmen. „Wir tauschen die Eier dort durch Gipsattrappen aus, wo wir an sie herankommen“, erklärt Zöller. Dazu müsse man aber wissen, wo die Tauben sich tummeln. Ein Taubenschlag oder ein Taubenturm, den es einmal am Hauptbahnhof gegeben hat, sei die ideale Lösung: „Die Erfahrung zeigt, dass 80 Prozent der Tiere sich in betreuten Taubenschlägen aufhalten, also wären weniger Tauben im Stadtgebiet. Dort füttern wir sie artgerecht, sodass ihr Kot nicht mehr so aggressiv ist. Wir reinigen regelmäßig und überwachen die Population, da sie dort brüten.“ Auch von Taubenzüchtern ausgesetzte Tiere könnten Zuflucht finden.
Taubenturm schwierig
Ein Taubenturm sei eher schwierig, Stichwort Reinigung oder Vandalismus. Grundsätzlich sei es sinnvoll, Tauben zu vergrämen, „aber dann muss man ihnen auch eine Alternative bieten“, so Zöller. Und es dürfe nicht so schiefgehen wie bei einer Vergrämung aus dem Ibag-Tunnel, wo 40 bis 60 tote Tiere gefunden worden seien.
Zöllers Engagement für die Tauben begann 2018, als ihr innerhalb weniger Tage gleich mehrere Taubenküken „in die Arme gefallen sind“, erinnert sie sich. Sie wandte sich an die Tiernotinsel in Neidenfels und fand in Tanja Gehring eine Mitstreiterin. Mittlerweile ist Zöller verantwortlich für die Stadttaubenprojekt-Außenstelle in Neustadt.
Stadt und Tierschützer suchen Standort
Noch sei die Neustadter Gruppe mit fünf Personen recht klein. „Wir wollten aber auch noch keinen Aufruf starten und um Helfer werben, wenn noch gar nicht feststeht, ob es einen Taubenschlag geben wird“, erklärt Zöller. Doch die Chancen dafür stünden nicht schlecht. Die Tauben waren am Dienstagabend erneut Thema im Stadtrat – dank der Idee von Zöller, die die CDU-Fraktion im Mai aufgegriffen und zum Prüfauftrag an die Stadtverwaltung formuliert hatte. „Wir vom Verein hatten schon länger vor, uns an die Stadtpolitik zu wenden. Wegen Corona entfielen die Einnahmen aus Flohmärkten und Kuchenverkäufen, die Kosten aber blieben bestehen. Deshalb erhoffen wir uns nun Unterstützung.“ Schließlich sei eine Lösung des „Stadttauben-Problems“ in der Innenstadt sowohl für die Bürger als auch für die Tiere von Vorteil.
Das sieht wohl auch die Stadt so: Für Samstag steht laut Zöller eine Begehung von Vertretern der Verwaltung, Mitgliedern des Stadttaubenprojekts sowie des Vereins Waldschatten an, um die Tiere zu zählen und mögliche Standorte für einen Taubenschlag zu finden. „Ideal wären Dachstühle in Gebäuden, wo man ein paar Regale stellen kann“, so Zöller. Unabhängig davon, ob es einen Taubenschlag geben wird oder nicht: Die Mitglieder des Stadttaubenprojekts werden weiter bei Kontrollgängen durch die Stadt verletzte oder kranke Tiere einsammeln und pflegen. Um sie dann wieder freizulassen oder einen Platz für sie in einer Voliere zu finden.
Das sagt die Stadt
Die CDU-Fraktion hat die Stadt beauftragt zu prüfen, ob ehemalige Taubenschläge reaktiviert oder neue eingerichtet werden können. Und ob das Problem mit brütenden Tauben im Ibag-Tunnel über ein Netz behoben werden kann. Bürgermeister Stefan Ulrich berichtete im Stadtrat am Dienstag, mit dem Verein Stadttaubenprojekt gesprochen zu haben. Da die Vögel einen Taubenschlag oder -turm im Umkreis von 300 bis 400 Metern annehmen würden, werde ein entsprechender Standort in der Nähe gesucht.
Ein Einsatz von Falknern komme nicht in Frage. Greifvögel könnten die Tauben zwar vergrämen, seien aber störungsempfindlich, was eine Ansiedlung in der Innenstadt unwahrscheinlich mache. Zum Thema Bahntunnel sagte Ulrich, dass die Bahn nochmals Tauben vergrämt und „umfassendere Taubenschutzmaßnahmen durchgeführt“ habe. Die Situation habe sich wesentlich gebessert, die Verschmutzung deutlich reduziert.
