Deidesheim
Von den Nazis ermordet: Was Julia Gilfert über ihren Großvater herausfand
Frau Gilfert, wie kamen Sie dazu, das Leben Ihres Großvaters väterlicherseits, des Musikers Walter Frick, zu erforschen?
Ich war 21 Jahre alt, als mir auffiel auf, dass in der Familie nie über ihn geredet wurde, als Kind hatte ich das noch nicht hinterfragt. Ich kannte seinen Namen, Beruf, sein Foto hing in unserem Keller. Ich wusste von seinem frühen Tod und dachte zuerst, er sei als Soldat im Krieg gestorben. Plötzlich habe ich von ihm geträumt, da war er mir ganz nah, und ich fing an zu recherchieren, reiste an die Orte, wo er gelebt hat, zuerst nach Zweibrücken. Dort wurde mein Großvater Walter Frick 1908 geboren. Er studierte Musik in München und war Dirigent, Korrepetitor und Opernkapellmeister in Rostock. Seine Frau, meine Großmutter, war Opernsängerin.
Auf Walter Fricks Stolperstein in Zweibrücken steht: „eingeliefert vom eigenen Schwager, SS-Totenkopfstandarte, Nervenheilanstalt Bernau. Tot 7.8.1941“ ...
Er wurde von einem Familienmitglied verraten, ausgeliefert und Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde. Vielleicht war mein Opa depressiv, oder er war einfach nur ein sensibler Typ, der ins Männlichkeitsschema der damaligen Zeit nicht hineinpasste.
Wissen Sie, wie Ihr Großvater zu Tode kam?
Die Todesursache lässt sich nicht genau rekonstruieren. In der Sterbeurkunde ist angegeben „Depression, traurige Verstimmung und Erschöpfung“. Diese dreifache Nennung klang für mich seltsam, und ich vermutete dahinter eine gewaltsame Geschichte: Das Codewort „Erschöpfung“ verweist auf etwas Herbeigeführtes. Bei Psychiatriepatienten gab es Todesfälle durch Verhungern oder durch eine Überdosis Morphine.
Ihre Familiengeschichte scheint sehr komplex und verweist auf familiäre Traumata, die sich vererben können und Wahrnehmung, Empfindung, Reaktionsmuster nachfolgender Generationen beeinflussen ...
Ja, mein Opa starb mit Anfang 30, und mein Vater wusste nichts über seinen Vater. Ohne Vater aufzuwachsen, war für ihn normal, und er dachte, auch mit Anfang 30 zu sterben. Anderes Beispiel: Ich lebe in einem fränkischen Dorf, und wenn dort Feuerwehr-Probealarm ist, reagiere ich wie versteinert, spüre Angst und Fluchttendenzen.
Wie ist Ihr Buch angelegt? Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Ich habe es ganz bewusst als Erzählung geschrieben, ging schon während meiner Recherche mit dem Thema über die sozialen Medien in die Öffentlichkeit und bin mit dem Projekt gewachsen. Ich fand viele Briefe von meinem Opa und bekam über sie ein Gespür für ihn. Meine Familiengeschichte habe ich wie ein Puzzle zusammen getragen, aber Teile fehlen. Deshalb erlebte ich auch das Schreiben als fragmentiert. Geschichtsschreibung ist immer auch Erzählung, Auslegung. Die Vergangenheit kann man nie genau 1:1 abbilden. Also habe ich dem Buch Tagebucheinträge, Briefe und andere Originaldokumente angehängt, damit sich die Leser ihr eigenes Bild machen können.
Wie hat Ihre Erinnerungsarbeit Ihre Familie verändert?
Es ist eine Bereicherung. Mein Vater sagt, „erst durch deine Recherchen habe ich einen Vater bekommen“.
Und welche Reaktionen des Publikums erleben Sie bei Ihren Lesungen?
Meistens sind die Menschen positiv berührt, und manche werden inspiriert, auch über ihre eigene Familiengeschichte nachzuforschen. Meine Lesung konfrontiert die Zuhörer mit einem beispielhaften Schicksal aus der NS-Zeit, man lernt Personen kennen, denen man sich vielleicht überraschend ähnlich empfindet.
Termin
Julia Gilfert stellt ihr Buch „Himmel voller Schweigen – Fragmente einer Familiengeschichte“ (Ultraviolett-Verlag, 296 Seiten, 18,80 Euro) am Sonntag, 26. Januar, 19 Uhr, in der ehemaligen Synagoge, Bahnhofstraße 19, in Deidesheim vor. Der Eintritt ist frei.
Zur Person
Julia Gilfert wurde 1990 als Julia Frick in Ludwigshafen geboren, wuchs in der Vorderpfalz auf und studierte nach dem Abitur zunächst klassischen Gesang in Mannheim und dann europäische Ethnologie und Skandinavistik in Kiel und Würzburg. Seit 2021 arbeitet sie als Volkskundlerin und Kulturwissenschaftlerin am Ludwig-Uhland-Institut für europäische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen im Sonderfachbereich Ressourcenkulturen. Mit den Recherchen zum Schicksal ihres Großvaters Walter Frick begann sie 2011. 2016 gründete sie den „Förderkreis Gedenkort T4“ , der sich der Erinnerung an die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen verschrieben hat, und war zwei Jahre lang dessen stellvertretende Vorsitzende. Zurzeit schreibt sie eine Doktorarbeit über den Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus an NS-Gedenkstätten und Dokumentationszentren. Sie lebt mit ihrer Familie in Unterfranken. Mehr Infos unter www.lebenswertes-leben.net.