Neustadt Von den Highlands an den Broadway

Aushängeschild der Bundeswehr: das Musikkorps aus Siegburg.
Aushängeschild der Bundeswehr: das Musikkorps aus Siegburg.

«Neustadt». Das in Siegburg stationierte Musikkorps der Bundeswehr unter Leitung von Oberstleutnant Christoph Scheibling war auch am Donnerstag im Saalbau wieder Garant für ein volles Haus. Das ebenso einfallsreiche wie wandlungsfähige Orchester bot bei seinem Benefizkonzert zugunsten sozialer Zwecke in Neustadt ein abwechslungsreiches Programm mit mitreißender Musik, die durch ganz Europa bis zum Broadway führte.

Zerklüftete Highlands, tiefe Seen und Dudelsackspieler im Gleichschritt, die über weite, grünbraun bemooste Ebenen schreiten – solche Bilder können dank Stabsfeldwebel und Klarinettist Guido Rennert an diesem Abend vor dem geistigen Auge entstehen, denn er hat alte schottische Weisen zu einem Stück mit dem Titel „Spirit of Scotland“ arrangiert. Viel „Arbeit“ auch für Stabsfeldwebel Gregor Büdenbender an der Tin Whistle. Faszinierend, wie virtuos und rasend schnell die großen Hände in die winzige Flöte greifen. Überraschend auch, wie durch geschickte Instrumentalauswahl die Mehrstimmigkeit zahlreicher pumpender, stampfender Dudelsäcke imitiert wird. Gewohnt souverän führt Scheibling, seit 2012 Leiter des Musikkorps, belesen und eloquent durch das Programm, das ebenso eine Auswahl an deutscher und internationaler Marschmusik wie auch an konzertanter, sinfonischer Blasmusik bietet. Besonders stolz sei man auf die mittlerweile auf dem zweiten Tonträger zusammengestellten 65 Armeemärsche, denen auf einer weiteren CD die Reitermärsche folgen sollen, erzählt Scheibling. „Ein Projekt ganz im Sinne eines geeinten Europas“, findet er, bei dem am Ende ein „Lexikon“ überlieferter Märsche stehen soll. Er dirigiert an diesem Abend zuerst den „Marsch der Schweizer Garde“. Der zweite Marsch des Abends ist dann der des 4. Hannoverschen Infanterie-Regiments, den die 60 Soldatinnen und Soldaten des Orchester spielen. Doch mehr Raum nehmen die musikalisch anspruchsvollen, sinfonischen Hürden ein. Der Saalbau knistert vor gespannter Erwartung. „Harrison’s Dream“ des zeitgenössischen britischen Komponisten Peter Graham erzählt die Geschichte des englischen Uhrmachers John Harrison, der besessen von dem Gedanken ist, dass es von seiner Kunst abhängt, Menschenleben auf See zu retten. Denn die Schifffahrt verzeichnet auch noch Anfang des 18. Jahrhunderts schwere Unglücke, weil es keine Instrumente zur verlässlichen Navigation auf See gibt. Das Orchester stürzt sich in den vertonten Kampf von menschlichen Tragödien, Jahrzehnten Tüftelarbeit, bis zur Lösung des Problems durch die glorreiche Erfindung eines transportablen, penibel genau anzeigenden Chronometers zur sicheren Bestimmung des Längengrads. Die Besucher erleben musikalisch die Zeit des Entwicklungskampfes mit euphorischen Überzeugungen und tiefen Zweifeln eines Erfinders, bevor ihm der Durchbruch gelingt. Ergreifend sind symbolische Glöckchen-klänge für die vielen Seelen der Verstorbenen, melodisch fließt die erlösende Erfindung. Ebenfalls hohe Anforderungen stellt die „Festouvertüre 1812“ von Peter Tschaikowsky an das Orchester. Auch sie wird brillant gemeistert. Wieder hat Orchestermitglied Rennert arrangiert. Historie, umgesetzt in musikalisches Geschehen, erzeugt auch hier Bilder längst vergangener Zeiten. Choralartiges Einstimmen auf Schlachtgetümmel mit Hymnenklängen, das mit dem Sieg Russlands in den Napoleonischen Kriegen endet. Wandlungsfähig frisch bietet das Korps dann leichtere Kost mit dem Medley „Hollywood meets Broadway“ (sinngemäß Filmmusik trifft Musical), wo dank geschickten Arrangierens von Jörg Murschinski Titel wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit „Cabaret“ harmonieren. Der Klassiker „Ol’ man river“ aus dem Musical „Show Boat“ verschafft Stabsfeldwebel Christoph Strupp den längsten Soloeinsatz an der ungewöhnlichen Kontrabass-Klarinette. Einen besonderen „Deal“ vermelden Scheibling und Kulturdezernent Ingo Röthlingshöfer an dem Abend auch noch. Das Orchester werde sich mit seinem für die Elbphilharmonie entwickelten Kinderprogramm „Emil und die Detektive“ nächstes Jahr auch in Neustadt vorstellen – zusätzlich zu dem traditionellen Herbsttermin für die Erwachsenen. Das Publikum dankte für den Abend mit begeistertem Applaus. Nach mehreren Zugaben, darunter die Nationalhymne, wünscht dann das „Wiegenlied“ von Brahms mit seinen bekannten Eingangszeilen „Guten Abend, gute Nacht“ einen guten Heimweg.

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