Meckenheim
Voll berufstätig mit 80: „Mir macht das Spaß“
In diesen Tagen haben sie gefeiert, in der Meckenheimer Hauptstraße 75. Ulrike Heidemann ist 80 geworden, und darauf haben ihre Nachbarn, die Familie Lenz, mit ihr angestoßen. Nun ist ein 80. Geburtstag heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr. In diesem Fall aber doch. Denn Ulrike Heidemann ist noch immer voll berufstätig, sie betreibt einen Antiquitätenladen. Bei der Frage, wie lange sie schon in diesem Metier arbeitet, muss sie überlegen. 20 Jahre? Nachbar Heinrich Lenz, der auch Heidemanns Vermieter ist, korrigiert: „Das kann nicht sein. Bevor du hier angefangen hast, warst du doch schon in Roxheim.“
Ach ja, Bobenheim-Roxheim. Dort fing alles an. Dort bekam Heidemann Kontakt zu einem Möbelgeschäft und merkte – mit damals 50 Jahren, dass Möbel genau ihr Ding sind. Zum Entsetzen ihrer Familie kündigte sie ihren sicheren Job beim Arbeitsamt und wurde Möbelverkäuferin. Aber nicht nur das. Heidemann fing auch an, alte Möbel zu restaurieren. Wie sie das gelernt hat? Es gab einen Bekannten, der ihr ein bisschen was zeigte, erzählt sie. Den Rest brachte sie sich selbst bei. Das Kaufmännische indes hat sie gelernt. Heidemanns Berufsleben begann mit einer Lehre in einem Kaufhaus.
Als Verkäuferin gestartet
„Ich hatte in der Schule wenig Lust auf Lernen“, gibt sie zu. Heidemann interessierte sich mehr fürs Handwerkliche. Doch die Mutter war Verkäuferin, und die Tochter sollte in ihre Fußstapfen treten. „Das war nicht so günstig für mich“, erinnert die Meckenheimerin sich. Von der Strumpfabteilung, wo sie arbeiten sollte, wechselte sie schließlich in einen Bürojob. Es blieb nicht der letzte Wechsel, zwischendurch war sie bei KSB in Frankenthal, bis sie schließlich im Arbeitsamt landete.
Doch das ist alles längst Schnee von gestern. Als Antiquitätenhändlerin selbstständig gemacht hat Heidemann sich vor etwa 20 Jahren. Zunächst in einer Werkstatt, wo sie alte Möbel selbst aufbereitete und dort auch verkaufte. Stühle, Kommoden, Schränke und Tische galt es abzulaugen, zu schleifen und wieder streichen, lackieren oder ölen: Heidemann war beim Handwerken in ihrem Element. „Das macht mir Spaß“, betont sie.
Seit sie allerdings vor 13 Jahren von der Werkstatt in das Ladengeschäft in der Hauptstraße umgezogen ist, konzentriert sie sich auf An- und Verkauf. Ein bisschen vermisst sie das Handwerkliche zwar, doch im Laden ist kein Platz dafür. Außerdem wäre das Geschäft ja dann verwaist in der Zeit, in der sie mit Restaurierungsarbeiten beschäftigt ist.
Döner zum Mittagessen
Heidemanns Arbeitstag beginnt um 10 Uhr und endet zwischen 17 und 18 Uhr. Urlaub? „Hab ich früher mit meinem Mann gemacht.“ Doch der ist vor ein paar Jahren verstorben, und alleine mag Heidemann nicht verreisen. Mittags versorgt sie sich mit Döner, Brötchen oder Ähnlichem. „Kochen mag ich nicht“, sagt sie. Dass die Metzgerei gegenüber ihrem Laden geschlossen hat, bedauert sie – aber nicht nur wegen der mittäglichen Versorgung. „Da sind öfter mal Leute im Vorübergehen auf mich aufmerksam geworden“, erzählt die Meckenheimerin. Ihre Kunden kommen hauptsächlich aus der Umgebung, aus Haßloch, Ludwigshafen oder Mannheim. Werbung macht Heidemann nicht, im Internet ist sie auch nicht präsent. „Das läuft alles über Mundpropaganda“, sagt sie. Sie habe auch etliche Stammkunden.
Ihre Lieferanten sind Händler, die ihre Ware aus Haushaltsauflösungen beziehen. „Die wissen, was ich suche“, sagt Heidemann. „Wenn das Angebot passt und der Preis gut ist, kaufe ich es. Wenn nicht, nicht.“ Die Möbel müssten in der Regel aufgearbeitet werden. Heidemann arbeitet dabei mit Unternehmen aus Polen zusammen. Die Kontakte gehen auf ihre Zeit im Möbelgeschäft in Bobenheim-Roxheim zurück. In Deutschland gebe es keine Leute mehr, die Möbel zu einem akzeptablen Preis renovierten.
Weichholz gefragt
Gefragt seien sowohl Stühle als auch Schränke, Kommoden oder Tische. „Möglichst aus Weichholz“, erklärt Heidemann. Häufig wünschten die Kunden sich weiße Oberflächen. Das ein oder andere Teil hat sie deshalb gestrichen. Heidemann betont, dass ihre Ware aufgearbeitet sei und deshalb ihren Preis habe. Besonders schöne Schränke aus dem 19. Jahrhundert könnten durchaus 2000 bis 3000 Euro kosten. Derzeit schauten die Kunden allerdings sehr kritisch auf die Kosten. „Man spürt, dass es wirtschaftlich nicht so gut läuft“, sagt Heidemann.
Entmutigen lässt sich dadurch nicht. Wie motiviert man sich für den Arbeitsalltag mit 80? „Das hat doch nichts mit dem Alter zu tun“, sagt Heidemann. Ihr jedenfalls fehlt es nicht an Motivation. „Solange ich krabbeln kann, mach ich das hier“, sagt sie bestimmt. „Und ich will das alles hier ja auch noch verkaufen.“