Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Virtual Reality ohne Brille: Auszeichnung für MediaApes

Sebastian Gsuck (links) und Nûjîn Kartal arbeiten seit knapp fünf Jahren an Auralite 3D.
Sebastian Gsuck (links) und Nûjîn Kartal arbeiten seit knapp fünf Jahren an Auralite 3D.

Bei den MediaApes dreht sich alles um Immersion – das komplette Eintauchen in Bild und Ton. Die Technologie der Audioagentur aus Neustadt soll nicht nur in Kunst und Kultur zum Einsatz kommen – auch für Unternehmen haben die 3D-Ton-Spezialisten einige Ideen. Vom Land gab es nun einen Preis.

Wer die Arbeitsräume der MediaApes betritt, befindet sich direkt mitten im Testgelände für ihr immersives Audiosystem. Aus 20 Lautsprechern, die auf drei Ebenen im Kreis angeordnet sind, rollt Donner über den Zuhörer hinweg, Stimmen flüstern aus verschiedenen Ecken, oder ein zwitschernder Vogel fliegt quer durch den Raum. Auch dessen Akustik lässt sich auf Knopfdruck verändern. Ein Mikrofon erfasst Stimmen und Geräusche im Raum. Über die Lautsprecher klingen diese dann so, als befände man sich etwa in einer Kathedrale, einer Besenkammer oder einer Konzerthalle.

Auch Musik lässt sich darüber dreidimensional abspielen. Die hawaiianische Sängerin Hawane Rios hat auf dem Plattenlabel der MediaApes ein Album in 3D-Audio aufgenommen. Ihr Lied „Directions“ – zu deutsch „Richtungen“ – spielt damit, dass der Gesang von unterschiedlichen Seiten zu kommen scheint.

3D-Bilder ohne Brille

Auralite 3D, so nennt sich das transportierbare System, lässt sich mit bis zu 128 Lautsprechern und 64 Mikrofonen an jeden beliebigen Raum anpassen. „Die Software weiß, wo die Lautsprecher stehen, und berechnet aus den Abständen den Ton“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Gsuck. Anders als bei bisherigen Surround-Systemen seien die Positionen der Lautsprecher nicht strikt festgelegt. Und anders als bei anderen Systemen gebe es keine Tonlücken in den Räumen zwischen den Lautsprechern.

Dazu soll in der Zukunft noch ein Projektor kommen, der den ganzen Raum als Projektionsfläche verwendet. Dieser errechnet anhand der Maße des Raumes ein dreidimensionales Bild, wie man es von Virtual-Reality-Brillen kennt. „So kann man Räume, die sonst nicht zugänglich sind, überall aufmachen“, sagt Nûjîn Kartal, Toningenieur und Chief Innovation Officer bei den MediaApes. Beispielsweise könnte weltweiter Tourismus nachhaltiger gestaltet werden. „So könnte man heilige Orte, die sonst zu überlaufen sind, touristisch zur Verfügung stellen“, sagt Gsuck. „Dann entscheiden sich vielleicht einige, nicht mehr zu fliegen.“

Auralite 3D ist bereits an über 100 Orten in aller Welt im Einsatz. Dazu gehören Kreuzfahrtschiffe oder die Seebühne im österreichischen Bregenz. Bei Konzerten lässt sich damit überall im Raum die gleiche Akustik erreichen. „Es gibt dann keine schlechten Plätze mehr“, sagt Gsuck. Er könne sich auch vorstellen, dass Kulturangebote dadurch in ländlichen Gegenden zugänglicher gemacht werden können. „So könnte man zum Beispiel ein Konzert aus Straßburg in eine Halle in Neustadt übertragen und den Zuschauern das Gefühl geben, sie wären dort“. Für ihn steht fest: „Die Kulturbranche muss sich nach der Corona-Krise neu entdecken.“

Ideen für die Industrie

Für ihre Arbeit haben die MediaApes schon einige Kreativpreise gewonnen, zuletzt den Eyes & Ears Award für das Sounddesign im Kurzfilm „Mare Nostrum“, der den Weg von Flüchtlingen über das Mittelmeer zeigt. Vom Sonderpreis für Innovationen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, den sie bei der diesjährigen Verleihung der Innovationspreise des Wirtschaftsministeriums gewonnen haben, erhoffen sie sich weitere Kontakte in die Industrie. Denn nach eigenen Angaben sind sie die einzige Agentur, die sowohl Inhalte produziert als auch die technischen Lösungen dafür entwickelt.

„Ich gehe davon aus, dass wir bald mit Messebetreibern reden“, sagt Gsuck. Er rechnet damit, dass Auralite 3D in Zukunft auch verwendet wird, um auf Hybridmessen – Messen, die zum Teil online und zum Teil als Präsenzveranstaltung stattfinden – Messeräume für Firmen zu gestalten. „So kann man Inhalte und Wissen vermitteln, ohne dass man auf Facharbeiter verzichten muss“, erklärt der Geschäftsführer weiter. Die MediaApes können sich auch vorstellen, dass Unternehmen die Technologie für Werksführungen oder Gespräche mit Kunden nutzen. „Da hat Corona uns den Weg bereitet“, sagt Kartal. „Man hat gemerkt, dass in Videokonferenzen die Emotionen überhaupt nicht rüberkommen.“

x