Wachenheim
Trauermusik à la russe bei der Wachenheimer Serenade
Selten gehörte Kammermusik von Anton Arensky und Pjotr Tschaikowsky stand am Sonntag bei der Wachenheimer Serenade auf dem Zettel, auf höchstem Niveau dargeboten von einem Quartett der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz im intimen Rahmen der Ludwigskapelle.
Der plötzliche Tod Tschaikowskys im Herbst 1893 gilt bis heute als nicht vollständig aufgeklärt. Bereits unter den Zeitgenossen wurde das Ereignis als nachhaltige Erschütterung empfunden und von Komponisten künstlerisch verarbeitet. Anton Arensky (1861-1909), damals Professor am Konservatorium von Sankt Petersburg, widmete Tschaikowsky sein zweites Streichquartett in a-Moll op. 35 in drei Sätzen. Das kuriose Instrumentarium mit zwei Violoncelli verleiht dem Werk ein Alleinstellungsmerkmal, hat aber auch seinen Einzug ins Repertoire der großen Streichquartette verhindert. Anstelle des „Schmachtfetzens“, den man aus dieser Epoche vielleicht erwartet, überrascht das Werk mit klassizistischer Prägnanz und Folklore. Der mittlere Satz variiert über ein Kinderlied Tschaikowskys, das Finale enthält eine Fuge über ein Thema, das schon Beethoven (in seinem 8. Streichquartett) inspirierte. Im Gewand einer Trauermusik positioniert sich Arensky inmitten einer Tradition, die er von seinem Widmungsträger selbst übernahm. Schließlich hatte Tschaikowsky 1882 sein eigenes Klaviertrio op. 50 – als Hommage auf den Tod Nikolai Rubinsteins – mit der Überschrift: „À la mémoire d’un grand artiste“ („Dem Andenken eines großen Künstlers“) versehen. Das war jetzt auch der Titel des Wachenheimer Abend.
Barbara Giepner als „Joker“
Als Beispiel für Intertextualität zeugen beide Werke vom regen Austausch innerhalb der russischen Musikszene im Zarenreich. Die Entscheidung, diese Stücke in einem Konzert gegenüberzustellen, beweist nicht nur Neugier für hierzulande relativ unbekannte Musik, sondern auch ein Gespür für diskrete Beziehungen in den Randzonen ihrer Geschichte. Als „Joker“ zwischen den unterschiedlichen Besetzungen konnte das Ensemble mit der Doppelfunktion einer seiner Interpretinnen aufwarten, was angesichts der schier unübertrefflichen Darbietung verblüffte. Zu verdanken ist dieser Aspekt dem Umstand, dass die Solo-Bratschistin der Staatsphilharmonie, Barbara Giepner, seit 2023 künstlerische Leiterin der „Wachenheimer Serenade“, gleichzeitig ein preisgekrönte Pianistin ist.
Die „Unterkellerung“ im tiefen Register nimmt in Arenskys Quartett sogleich für sich ein. Vergleiche mit bekannten Streichquintetten etwa von Mozart (mit zwei Violen) oder von Schubert (mit zwei Celli) scheinen hier nicht zu greifen: Arensky hat die Balance zwischen den Instrumenten als eigenständige Vision entfaltet. So führt in der Einleitung des „Moderato“ melodisch das 1. Cello (während die Violine auf die G-Saite ausweicht), und in der Reprise fungiert die Bratsche bisweilen als Bass. Dieses polyphone Geflecht verwandelte das Ensemble in ein pastoses Gemälde aus kraftvollen Erdtönen – schillernd in gleichsam gotischer Ornamentik, meisterhaft in seiner Eleganz. Mag sein, dass die Akustik in der (visuell so passenden) Apsis der Ludwigskapelle dem Fokus auf Mittel- und Unterstimmen, den überschäumenden Skalendurchläufen nicht den idealen Freiraum bot. Umso beeindruckender verwirklichten die vier Musikerinnen das Gleichgewicht dieser Textur, die wie ein Mobile kontinuierlich zur Seite schwenkt.
Rätselhaft uns spektral
An der Violine führte Yi-Qiong Pan, 1. Konzertmeisterin der Staatsphilharmonie, resolut im Klassizismus der Motive, virtuos in den Solopassagen mit ihren unentwegten Registerwechseln. In sattem Farben lieferten Kristina Diehl, Vorspielerin, und Rut Bántay, stellvertretende Solo-Cellistin des Ludwigshafener Orchesters, zwei wunderschön singende Violoncello-Stimmen, die zeitweise die Rolle eines Kontrabasses übernahmen. Im thematischen Geist des Lamento dominierte die Klangfülle der Viola gleichsam von innen heraus. Der tiefe Ernst der Interpretation ist hervorzuheben, ihr Sinn für das Konstrukt. Dass kurz vor der Pause von draußen ein Akkordeon zu hören war, störte die Aufführung nur oberflächlich. Denn in der feinfühligen Resonanz seines piano verschmolz das Quartett zeitweise selbst zur einer „Harmonika“, rätselhaft und spektral.
Im zweiten Teil des Programms folgte Tschaikowskys brillantes Klaviertrio in a-Moll op. 50 – ein Teppich mit „himmlischen“ Längen, den das Klavier wie ein Webstuhl beherrscht. Schon beim ersten Höreindruck enthüllt sich das Stück als „Klavierkonzert“ im Taschenformat. Obschon die zwei Streichinstrumente (Yi-Qiong Pan, Violine, und Kristina Diehl, Cello) den „Ton“ angeben, stützt sich die Struktur auf das Klavier in voller technischer Bandbreite. Barbara Giepner, diesmal an den Tasten, begeisterte mit ungemein subtilem Gefühl für weiche Klänge. Durch den „Irrgarten“ des Variationssatzes lenkte das Ensemble stilgetreu im Wechsel der Temperamente, immer den großen Wurf in Augen. Dem düsteren „morendo“ zum Schluss hauchte es so viel Luft ein, dass das Publikum vor dem vehementen Applaus in andächtiges Schweigen verfiel.