Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Theaterleiter und Comedian Boris Stijelja lässt sich von Corona nicht ausbremsen

Boris Stijelja will im April mit seinem dritten Comedy-Solo-Programm „Viagra hält die Blumen frisch" Premiere in Deidesheim feie
Boris Stijelja will im April mit seinem dritten Comedy-Solo-Programm »Viagra hält die Blumen frisch« Premiere in Deidesheim feiern – und schreibt nebenbei noch Gags für viele seiner Kollegen.

Wie verdient man sein Geld, wenn man als Schauspieler und Comedian nicht auftreten kann? Boris Stijelja, der entwaffnend optimistische Leiter des Boulevardtheaters Deidesheim, macht aus der Not eine Tugend und nutzt die Zwangspause für Kreativität auf vielen Ebenen. Davon profitiert auch „Winzer Bu“ Tim Poschmann.

Peine, Hannover, Göttingen, Papenburg – das wären die Orte gewesen, für die Boris Stijelja mit seinem Solo-Programm oder anderen von ihm verantworteten Produktionen des Boulevardtheaters Deidesheim am letzten Wochenende gebucht gewesen wäre. Auch im Stammhaus in Deidesheim und der Dependance in Maikammer hätte sich vermutlich der Vorhang geöffnet – unter normalen Bedingungen besuchen 18.000 Zuschauer pro Jahr die vom Deidesheimer Theater-Büro aus gemanagten Vorstellungen. Nur was ist schon normal in Corona-Zeiten?

Trotzdem merke man im Büro von der Pandemie wenig, erzählt ein erstaunlich fröhlich gestimmter Theaterleiter im Telefongespräch. Das fünfköpfige Team mit Tim Poschmann und ihm selbst an der Spitze sei vollkommen ausgelastet, so Stijelja, schließlich müssten permanent ausgefallene Veranstaltungen umgebucht, neue vereinbart, Eintritt zurückerstattet oder – auch das gibt es! – Karten für Zukünftiges verkauft werden. „Ich musste niemanden in Kurzarbeit schicken“, sagt der 38-Jährige. Zumal auch Seelenmassage für das 38-köpfige Darstellerensemble während des Lockdowns natürlich zum Aufgaben-Profil gehöre.

Von 200 Auftritten im Jahr auf fast null

Für den kroatisch-deutschen Schauspieler und Comedian selbst hat Corona freilich schon gewaltige Veränderungen gebracht. Seine letzte richtige Live-Veranstaltung hatte Stijelja im März 2020 auf einem Kreuzfahrtschiff. Danach kamen im Mai noch ein paar Termine im Autokino und im Juni ein Benefiz auf der Haßlocher Pferderennbahn – aber im Vergleich mit den 204 und 178 Auftritten, die er in den beiden Jahren zuvor bundesweit absolvierte, fühlte er sich regelrecht ausgebremst. Doch Stijelja wäre nicht Stijelja, hätte er sich nicht nach einem kurzen Durchhänger schnell aufgerappelt. „Jammern gehört nicht zu meinem Naturell“, sagt er – und nutzt die Zeit seitdem vor allem fürs Schreiben. Sein ganzer Tisch im Deidesheimer Büro sei voll mit Papieren und Notizen – und die Wand auch.

Diese Kreativität ist es, die den Ludwigshafener – neben der November-Hilfe für das Theater und sich selbst als Solo-Selbständigen – momentan finanziell vor allem über Wasser hält. Schon seit Jahren schreibe er Texte und Witze für andere Comedians. Das habe er nun in der Krise intensiviert. Auch zum Autoren-Pool verschiedener TV-Shows gehöre er. Das kann man sich als eine Art Datenbank vorstellen, wo der Auftraggeber zum Beispiel das Stichwort „Friseure in der Corona-Zeit“ eingibt und dann den passenden Gag-Vorschlag geliefert bekommt. Für wen Stijelja genau schreibt, darf und will er aber nicht verraten. Das sei Gentlemen’s Agreement in der Szene, zum Teil aber auch vertraglich festgelegt. Nur dass er hauptsächlich für drei Große der deutschen Comedy aktiv sei, so viel will er rauslassen. „Bestimmt jeder hat schon mal über einen meiner Witze gelacht, ohne es zu wissen.“

Der „Winzer Bu“ bekommt sein eigenes Solo-Programm

Bei einem anderen Ghostwriter-Projekt ist Stijeljas Autorenschaft dagegen kein Geheimnis: dem von Tim Poschmann verkörperten „Winzer Bu“. Ein erstes Video mit dieser Figur entstand aus einer Laune heraus während des ersten Lockdowns im April 2020. Der lästernde Pfälzer Winzer, der sich über „Heidelberger Ayurveda-Muttis“ und badensische Feng-Shui-Familien auslässt, die mit ihren SUVs normalerweise die Pfälzer Wald- und Weinbergwege versperren, nun wegen Corona aber ausbleiben, wurde nach Stijeljas Angaben im Netz rund 1,8 Millionen mal angeklickt und der Satz „Ja, wo sinn se donn?“ zum vielzitierten Slogan der Stunde. Auch wenn der Hype mittlerweile ein bisschen nachgelassen hat, auf 100.000 Youtube-Aufrufe kam und kommt auch jedes neu nachgeschobene Video noch, und so lag die Idee nahe, der Figur gleich ein ganzes Bühnenprogramm zu widmen. Dieses feiert am 19. November 2021 Premiere im großen Saal der Stadthalle Deidesheim, die 400 Karten sind bereits weg und auch Zusatztermine in Deidesheim sowie Gastspiele in anderen großen Hallen der Region sehr nachgefragt. „Da merkst du schon, dass die Idee gut ankommt.“

Die „Rampensau“ tritt ins zweite Glied und hat Spaß daran

Über die Zusammenarbeit mit Poschmann, als dessen Produzent und Manager er nun fungiert, ist Stijelja voll des Lobes. Selten habe er jemanden erlebt, der so talentiert, uneitel und offen für alles sei wie der 34-Jährige aus Ruppertsberg. Dabei spielte Stijelja ja zunächst mit dem Gedanken, den Winzer selbst zu verkörpern, habe jedoch schnell gemerkt, „dass das ein Pfälzer machen muss“. Das Zurücktreten ins zweite Glied sei ihm aber erstaunlich leicht gefallen – überraschend auch für ihn selbst, „denn ich bin ja eigentlich eine Rampensau“. Mit der Rolle des Masterminds kann Stijelja aber gut leben. Das sei ja eine ganz normale Aufgabenteilung im Show-Biz: „Jeder kennt Helene Fischer und ,Atemlos’, aber keiner weiß, dass der Song von Kristina Bach geschrieben wurde.“

Dabei hat Stijelja sogar noch ein zweites Pfälzer Comedy-Eisen im Feuer, die beiden bekannten Boulevardtheater-Darsteller Stefan Beyer und Jutta Barie-Scholl als altgedientes Ehepaar Dieter und Amanda Zwingenberger, deren Programm mit dem schönen Stijelja-Satz verkauft wird: „Als ich in den Hafen der Ehe einbog, wusste ich nicht, dass dort ein Kriegsschiff vor Anker lag“.

Ein neues Comedy-Solo im April, eine Komödie im Mai

Und auch eine brandneue Komödie ist in Vorbereitung, die im Mai in Deidesheim Premiere feiern soll. Stijelja beschreibt das Stück, dessen Titel noch nicht endgültig feststeht, als „gute bürgerliche Boulevardkomödie rund um Liebe, Sex und eine böse Schwiegermutter“. Die Hauptrollen spielen zwei Boulevardtheater-Neulinge: Der Ludwigshafener Thomas Holländer, der schon im Prinzregententheater und in kleineren Rollen in Lena-Odenthal-„Tatorten“ zu sehen war, und Anna Reich, eine Amateurdarstellerin aus Osthofen, die auch Regie führt. Derzeit probe jeder noch im stillen Kämmerlein für sich, doch demnächst seien die ersten Live-Schaltungen geplant.

Eifrig am Text-Lernen ist Boris Stijelja allerdings momentan auch selbst, denn sogar schon im April will der eingefleischte Optimist mit seinem dritten Solo-Comedy-Programm an den Start gehen. Es trägt den Titel „Viagra hält die Blumen frisch“ und soll am 23. April Premiere feiern – natürlich in der Deidesheimer Stadthalle. Auch dieses Programm ist ein Original-Stijelja-Werk, was sich schon unschwer an den vielen Bezügen zur eigenen kroatisch-deutschen Biografie und Familiengeschichte ablesen lässt. Auch auf wichtige kroatische Erfindungen, ohne die unser aller Alltag ganz anders aussähe, will der 38-Jährige in der Show eingehen: Beispielhaft nennt er Krawatte, Kugelschreiber und Torpedos. Auf Corona-Witze möchte der Comedy-Profi dagegen verzichten, so gut es nur geht: „Wenn jemand für 20 Euro eine Karte kauft, dann will er vielleicht nicht auch da noch mit diesem Thema behelligt werden“, lacht er und zeigt sich auch sehr zuversichtlich, dass das Theater bis April tatsächlich wieder geöffnet werden kann. Für den „Winzer Bu“ im November plant er dann sogar schon wieder im Normalbestuhlungsmodus. „Bis dahin ist Corona rum“, sagt er und erklärt seinen „kroatischen Optimismus“ mit den Erfahrungen seiner Kindheit, als er in Split während des Jugoslawien-Kriegs hautnah die Einschläge der Granaten erlebte.

Noch Fragen?

Der komplette Spielplan des Boulevardtheaters, der natürlich immer an die aktuell geltenden Corona-Regeln angepasst wird, findet sich unter www.boulevard-deidesheim.de. Dort gibt es auch die Karten für die Premiere von „Viagra hält die Blumen frisch“ am Freitag, 23. April, 20 Uhr, und den Zusatztermin von „Ja wo sinn se donn?“ mit Tim Poschmann als Winzer Bu am 20. November, 20 Uhr – beides im großen Saal der Stadthalle Deidesheim.

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