Neustadt Sympathie für den Mörder

Jürgen Haber liebt Krimis – ein Grund für ihn, auch das Publikum auf Perlen des Genres aufmerksam zu machen.
Jürgen Haber liebt Krimis – ein Grund für ihn, auch das Publikum auf Perlen des Genres aufmerksam zu machen.

«Neustadt». Klein, aber fein ist die Neustadter Buchhandlung Quodlibet, die dieser Tage mit einer Reihe von Veranstaltungen ihren 30. Geburtstag feiert. Zum Auftakt gab es am Dienstag einen originellen Bücherabend, überschrieben mit dem Titel „Kriminelles Europa“, wobei es hier nicht um politische Machenschaften ging, sondern um spannende Krimi-Literatur von Schweden bis Süditalien.

Jürgen Haber, ehemaliger Buchhändler aus Mainz – heute arbeitet er im Außendienst für einen Zwischenhändler – und dem „Quodlibet-Team“ schon länger freundschaftlich verbunden, stellte fünf seiner Lieblingskrimis aus verschiedenen europäischen Ländern vor. Die Stühle reichten gerade so aus, so zahlreich waren die lesehungrigen Besucher erschienen, gespannt darauf, was Haber vorstellen würde. Da er selbst gerne Krimis liest, hatte er vor dreieinhalb Jahren die Idee, Buchvorstellungen mit Musik anzubieten, auch in Neustadt war er schon einmal mit einem irischen Krimi-Abend in der Reihe „Mord im Kelterhaus“ in Mußbach zu Gast. Der Erfolg gab ihm Recht, und so schenkte er „Quodlibet“ diesen Abend als Appetizer auf mehr, Landestypische Akkordeonklänge leiteten über von Land zu Land, von Krimi zu Krimi. Einst auf dem Flohmarkt entdeckt, haben sich das Piano-Akkordeon Emma und Haber mittlerweile aneinander gewöhnt. Als Kind hatte er es gespielt, in der Pubertät dann aber weggelegt, um sich dann später dank seines guten musikalischen Gehörs autodidaktisch wieder an die Tasten zu wagen. Die literarische Auswahl war dabei so, dass für jede und jeden etwas dabei war, von düster bis humoristisch, von gruselig bis nahezu bizarr. Kaum eine Literaturgattung eignet sich besser dazu, die Befindlichkeiten einer Region zu beleuchten und macht zudem Lust, herauszufinden, wie’s ausgeht – was sich auch daran zeigte, dass am Ende der Lesung doch das ein oder andere Buch verkauft wurde. Die Polka „Der kleine Drache“ von Benny Andersson, bekannt durch die Kultgruppe „Abba“, führte nach Schweden zu Helene Turstens „Jagdrevier“. Es wird eine neue Polizistin eingeführt, die in ihrem Urlaub in Göteborgs Wäldern auf Elchjagd geht. Und wie könnte es anders sein, zwei der Teilnehmer der Jagdgesellschaft verschwinden. Jürgen Haber liest die Passage, wie sich die Truppe auf die Suche nach ihnen macht und tatsächlich auch einen der beiden tot auffindet. Wer sich für diese toughe Ermittlerin interessiert und Gefallen daran findet, dass der Kreis der Verdächtigen überschaubar bleibt, dem sei dieses Buch empfohlen. Irische Traditionals führen zu Barbara Bierachs „Lügenmauer“, ein Erstling von einer deutschen Autorin. Im Mittelpunkt steht die Ermordung eines hohen Geistlichen, was in ein sehr düsteres Kapitel der irischen Geschichte mündet. Ungewöhnlich ist, dass der Leser so etwas wie Sympathie für den Mörder empfindet ob seiner Beweggründe. Der sympathische Vorleser hat eine angenehme Stimme mit den richtigen Betonungen an den richtigen Stellen, so dass man gebannt an seinen Lippen hängt, um ja nichts zu versäumen. Doch nie verrät er das Ende, sondern macht eben nur neugierig darauf. Das bekannte Liebeslied „Scarborough fair“ von Simon & Garfunkel steht für „Pearl Nolan und der tote Fischer“ von Julie Wassmer, ein Krimi von der englischen Küste. Pearl ist sowohl Besitzerin eines Austernrestaurants als auch einer Privatdetektei, wobei ersteres gut angenommen wird, Kunden für das zweite Standbein aber auf sich warten lassen. Und dann kommt doch einer vorbei, einer, der sich von einem Fischer finanziell hintergangen fühlt. Als dann die Detektivin den Fischer zur Rede stellen will, ist der tot, umgebracht, wie es scheint. „Ein richtiger Sommerschmöker! Reizvoll und vergnüglich zugleich!“, so Haber. Ein Trinklied aus der Bretagne mit dem Titel „Ein Lob auf den Cidre“ passte, konnte man sich doch in der Pause mit dem Nationalgetränk der Bretonen stärken, bevor Haber zu „Der Mann mit der Bombe“ von Christian Roux aus Frankreich griff: Ein literarisches Roadmovie, gleichzeitig fulminant und resignativ, im Geiste von Bonny and Clyde mit einem tragischen Ende! Die sich anschließende Tarantella leitete über nach Italien, zu „Das Krokodil“ von Maurizio de Giovanni. Hier erfährt man in einer der Erzählebenen im ersten Kapitel schon, wer der Mörder ist, während man in einem zweiten Strang den voranschreitenden Ermittlungen folgt. Reizvoll, wie der schon abservierte Kommissar seine Geschäfte in einer der langweiligsten Wachen in Neapel aufnimmt! Noch bleibt offen, warum der Mörder weinte. Für zwei Stunden Vergnügen und ansprechender Musik dankte Jeanette Jung, eine der Inhaberinnen, mit einem guten Tropfen und das Publikum mit reichlich Beifall.

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