Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Stummfilm-Livevertonung im Badehaisel

Spielt mit Gefühl und Präzision: Erwin Ditzner.
Spielt mit Gefühl und Präzision: Erwin Ditzner.

Ein spannendes Experiment war die Livevertonung des Stummfilms „Das Cabinet des Dr. Caligari“, die Perkussionist Erwin Ditzner im Wachenheimer Badehaisel probierte.

Erwin Ditzner hat schon einige Erfahrung mit der Vertonung von Stummfilmen. „Ditzners Kino Roulette“ heißt seine Veranstaltungsreihe im Kulturzentrum Das Haus in Ludwigshafen, wo Ditzner lebt. Aber da ist er nicht allein zugange, sondern lädt sich Mitspieler ein, etwa den Pianisten Paata Demurishvili. Im Badehaisel gab es im März vergangenen Jahres schon einmal Live-Musik zu einem Stummfilm. Damals spielte Pianist Chris Jarrett zu Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Jarrett hatte die Musik vorher auskomponiert und somit seine zuvor festgelegte Musik dann zum gezeigten Film gespielt. Bei Erwin Ditzner dagegen sollte die Musik improvisiert sein.

Den Film hat sich Felix Hamman gewünscht, Sprecher des für das Programm verantwortlichen Badehaisel-Kulturvereins. „Das Cabinet des Dr. Caligari“, ein Horrorfilm von Regisseur Robert Wiene aus dem Jahr 1920, habe er als Schüler gesehen, und der Film habe ihn sehr beeindruckt. Insbesondere die Bühnenbilder seien ihm nachdrücklich im Gedächtnis geblieben, erzählte er vorab dem Publikum. Gut gepasst habe dann, dass Erwin Ditzner sofort von der Idee begeistert war, den Film ganz alleine zu vertonen.

Stimmung und Atmosphäre

Das zu einem Stummfilm Musik gespielt wird, war mit den ersten Spielfilmen schon die Regel. Es gab ausgeschriebene Musik, teils für kleine Ensembles bis hin zu größeren Besetzungen. Aber das ist natürlich teuer, und so gab es oft Begleitungen durch Pianisten. Etwas Besonderes waren die großen Kino-Orgeln, wie eine im Technik-Museum in Speyer steht. Das ist eine Pfeifenorgel mit einer Menge zusätzlicher Effekte. Vogelzwitschern, Autohupen und eine Menge Krach- und Schepper-Geräusche wurden da mechanisch und elektrisch erzeugt. Ziel war es, mit den Effekten das lautlose Geschehen auf der Leinwand hörbar zu machen und den Film akustisch darzustellen. Diese Art von Illustration ist eine der Möglichkeiten der Filmmusik. Das würde vielleicht auch bei einem Perkussionisten wie Erwin Ditzner naheliegen – aber genau das hat er nicht gemacht.

Sicher wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, den lärmenden Jahrmarkt, auf dem Dr. Caligari eine Handglocke schwenkt, um auf sich aufmerksam zu machen, in Klänge zu übersetzen. Aber Ditzner hat einen anderen Ansatz verfolgt: Er hat Stimmung und Atmosphäre aufgegriffen und mit Dynamik, Klang- und Geräuschfarben, Dichte und Texturen gearbeitet, um die Wirkung der Szenen musikalisch zu unterstreichen. Zur Verfügung hatte er dafür ein übliches Schlagzeug mit Basstrommel, Snaredrum, Toms und Becken. Das bediente er oft mit Filzschlägeln, manchmal auch mit bloßen Händen. Dazu kamen dann kleine Zimbeln, die wie helle Glöckchen klingen, und eine Schlitztrommel, deren verschiedene Schlagflächen auf Tonhöhen gestimmt sind.

Die Szenen bekommen Zeit und Raum

Die Abstraktion, die Ditzners Spiel und Instrumentarium mit sich bringen, passte hervorragend zu einem Film, der als Meisterwerk des expressionistischen Kinos gilt. Die Kulissen sind verzerrt und verzogen, es gibt praktisch keine rechten Winkel, die Darsteller bewegen sich wie in einem expressionistischen Gemälde. Auffällig im Vergleich zum hyperaktiven Kino der Gegenwart ist die Ruhe, mit der die Geschichte erzählt wird, oft mit langen Einstellungen. Ditzner hat es verstanden, diesen Erzählfluss mitzugehen, den Szenen Zeit und Raum zu lassen. Wie angenehm ist das im Vergleich zum heutigen Blockbuster-Kino, bei dem die Zuschauerinnen und Zuschauer mit der lärmenden Leere eines Hans Zimmer zugeballert werden!

Zudem fordert der Film selbst schon genug Aufmerksamkeit. Die gruselige Geschichte dreht sich scheinbar um die Morde, die ein hypnotisierter Mensch unter der Kontrolle des Dr. Caligari verübt. Doch die Handlung nimmt mehrere unerwartete Wendungen – und erst in der letzten Szene wird aufgelöst, was Wahn und was Wirklichkeit war. Ditzner saß im Dunkeln, schaute auf die Leinwand und spielte seine Instrumente mit Gefühl und Präzision. Das erforderte extreme Konzentration über die 75 Minuten des Films. Am Ende wirkte der Musiker erschöpft, aber glücklich. Denn die Zuschauer und -hörer waren sehr begeistert. Das war ein ganz besonderer Filmgenuss.

x