Neustadt
Sprachtalent bekommt Bildungsstipendium
Deutsch zu lernen, fiel Yalcin Can Kiroglu leicht. Seine drei älteren Geschwister unterstützten ihn dabei, ebenso wie seine türkischen Eltern, die seit rund 30 Jahren in Neustadt leben. Neben Englisch und Französisch, die Fächer, die er auf dem Gymnasium in Edenkoben belegt hat, beherrscht er auch Türkisch. „Ich kann es aber viel besser schreiben als sprechen. Ich habe einen zu starken Akzent“, sagt der Elftklässler lächeln. Selbst beigebracht hat er sich Turkmenisch, momentan lernt er auch Russisch. „Ich möchte mich sprachlich breit aufstellen, damit ich während meines Studiums besonders im Osten forschen kann“, verrät er.
Obwohl er noch fast drei Jahre Schule vor sich hat, steht sein Traumberuf fest. Insektenkunde soll es sein. Ihn interessiere an den Tieren ihre Vielfalt und ihr Aussehen. „Als kämen sie aus einer anderen Welt. Viele Bereiche sind auch tatsächlich noch unerforscht“, weiß er. Seinen Kindheitstraum Tierarzt hat er indes abgehakt: „Insekten sind harmloser als Katzen oder Hunde.“
Schneckensammlung büxt aus
Schon als Kind überraschte er seine Mutter mit der Schneckensammlung, die sich allerdings in der Wohnung selbstständig machte und durch die Räume kroch. Mittlerweile ist er vorsichtiger mit seinen Tieren. Im kleinen Terrarium sitzen seine Lieblinge, zwei „wandelnde Blätter“. Sie gehören zu den Gespenstschrecken und tarnen sich perfekt in den Brombeerblättern. Doch nicht nur die Insekten haben es ihm angetan. Momentan versinkt er in dem Roman „Krieg und Frieden“ von Tolstoi, liebäugelt aber auch mit der Literatur von Voltaire.
So breit aufgestellt, verwundert es nicht, dass der Oberstufenschüler im Frühjahr den Regionalwettbewerb von Jugend debattiert gewonnen hat. Nach der Grundschule landete er zunächst auf der Realschule plus Hambach/ Maikammer. Dort engagierte er sich in der sechsten Klasse als Klassen- und Stufensprecher. Und erhielt als Einser-Schüler die Empfehlung, an ein Gymnasium zu wechseln. In Französisch lief zunächst noch holprig, was ihm sogar eine Fünf im Zeugnis bescherte. Das Blatt hat sich aber gewendet: Mittlerweile ist er darin fit und gibt sogar Nachhilfe. Seine Lehrer schlugen ihn dann für das Stipendium der Start-Stiftung vor. Und das erfolgreich: Jetzt erhält er drei Jahre lang monatlich 100 Euro und wurde mit einem Tablet ausgestattet.
Schon jetzt Kosmopolit
Verbunden sind damit auch Treffen mit den anderen Stipendiaten und weitere Wettbewerbe, „sofern sie nicht wegen Corona ausfallen“, sagt Kiroglu . Der junge Mann fühlt sich schon jetzt als Kosmopolit. „Natürlich hat mich die türkische Kultur geprägt, aber ich bin froh über meinen deutschen Pass. Doch ich möchte mich gar keiner Nation fest zuordnen, sondern für die ganze Welt bereit sein.“ Das Stipendium hilft ihm auf den Weg in eine spannende Zukunft. Durch den achhilfeunterricht verdient er bereits Taschengeld und spart für den Führerschein.
Neun Jugendliche aus Rheinland-Pfalz werden in diesem Schuljahr über das Start-Stipendium unterstützt. Bewerber müssen mindestens 14 Jahre alt sein, einen Migrationshintergrund haben sowie noch mindestens drei weitere Jahre zur Schule gehen. Das Bewerbungsgespräch im Auswahlverfahren fand diesmal coronabedingt nur telefonisch statt. Die Auswahl trifft die Stiftung schließlich in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium. Geplant sind, sofern Corona nicht dazwischen funkt, Workshops, Ausflüge, erlebnispädagogische Angebote und zum Abschluss ein gemeinnütziges Projekt der Teilnehmer.