Neustadt Spannende Wahrnehmungsprozesse
Neustadt-Haardt. Karolin Back und Thomas Neumann heißen die beiden Protagonisten der siebten „Heimspiel“-Ausstellung des gemeinnützigen Fotografie-Projekts „Gute Aussichten“, das heute im Haardter Schloss eröffnet wird. Beide sind Preisträger des Projekts – Beck 2013/14, Neumann 2003/2004.
Zehn Jahre liegen also zwischen den beiden – zehn Jahre, in denen das „Gute Aussichten“-Projekt sich mit regelmäßigen Ausstellungen rund um den Globus als hochwertige Plattform für junge Foto-Absolventen deutscher Hochschulen fest etabliert hat. Und dies nicht zuletzt, weil es mit Josefine Raab und Stefan Becht zwei Kuratoren hat, die konsequent auf Qualität setzen und treffsicher jenen Nachwuchs fördern, der im wahrsten Wortsinne „gute Aussichten“ hat, in der Fotoszene Fuß zu fassen. Beim „Heimspiel 7“ zeigt Karolin Back, Absolventin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, Arbeiten aus ihrer Abschlussarbeit „Shut up and play“, in der sie aus dem jeweiligen Ursprungsbild durch vielschrittige Verfremdungs- und Bearbeitungsprozesse ein neues Bild entstehen lässt. Dieser prozessuale Charakter könne mal sieben, mal 50 Arbeitsschritte umfassen, sagt Back: „Eben so viele, bis es fertig ist.“ Dabei geht sie ausgesprochen spielerisch vor: Die Versatzstücke werden mal gerissen, mal geschnitten und mitunter auch mit Farbelementen unterlegt wieder zusammengesetzt, sodass trotz Zweidimensionalität der Eindruck unterschiedlicher Oberflächen entsteht. Wenn das Bild denn fertig ist, sind aus Wolken oder Schnee durch Überlagerung und Neuzusammensetzung abstrakte Formwelten entstanden, die deutlich machen, was Fotografie leisten kann: „Ich will zeigen, dass es nichts Unverrückbares gibt“, erläutert sie anhand eine Videoinstallation vom Matterhorn, die dem festen, erhabenen Berg durch die Überlagerung eines über eine Negativaufnahme eingespielten, nachbearbeiteten Films eine überraschend sphärische Leichtigkeit verleiht. Während es bei Karolin Beck um das Erzählende der Fotografie geht, beschäftigt sich Thomas Neumann in seinen beiden Werkreihen „Mori“ und „Ishi“ “ mit den Sujets Wald und Stein und dem Gegensatz von Sehen und Sein: Inspiriert von zahlreichen Japan-Reisen – Neumanns Frau ist Japanerin – hat er sich intensiv mit der fernöstlichen Darstellungstradition und deren europäischer Rezeption beschäftigt und daraus eine Art Inversion der Schwarz-Weiß-Fotografie entwickelt. Seine Waldbilder („Mori“) sind gestochen scharfe, an Tuschezeichnungen gemahnende Landschaftsansichten mit einer ungeheuer dichten und detailreichen Binnenstruktur. „Ich habe die Landschaftsfotografie als Herausforderung angenommen“, sagt der in Cottbus geborene Wahl-Düsseldorfer, der sich üblicherweise eher mit architektonischen Kontexten beschäftigt. Sein Anliegen ist es, den „ungeheuer spannenden Wahrnehmungsprozess“ sowohl physiologisch als auch technisch nachzuvollziehen. Beim Thema Wald hat er dies in 20 Arbeiten getan, von denen er jetzt vier in Haardt zeigt. „Es war ein spannender Prozess, aber ich denke, dass das Thema für mich ausgereizt ist“, meint er und hat deswegen auch ein Beispiel aus dem „Ishi“-Zyklus mit nach Neustadt gebracht, in dem er sich mit Steinen beschäftigt und so das verbindende Element zu Backs Matterhorn-Arbeiten schafft. „Besonders geformte Steine werden in Japan als ästhetisches Objekt betrachtet“, erklärt Neumann. Ähnlich wie beim Bonsai-Baum spielt dabei die wahre Größe keine Rolle: Der eigentlich kleine Stein kommt in seinen großformatigen Fotografien wie ein Berg daher, mit monumentaler Wirkung und bildfüllend. Seine kleinen Uneben- und Erhabenheiten nehmen Dimensionen von Landschaften an und entführen den Betrachter zum Lustwandeln mit den Augen in unbekannter Umgebung. Fazit: Wer sich für Fotografie in all ihren Facetten interessiert, sollte sich das siebte Heimspiel nicht entgehen lassen: Den Betrachter erwarten in jedem Fall „Gute Aussichten“. Die Ausstellung Eröffnung heute, Samstag, 17. September, 15 Uhr, Ausstellung am Sonntag, 18. September, 14 bis 18 Uhr, danach bis 29. Januar 2017 Besichtigung nach Vereinbarung unter 06321/9706799.