Neustadt Späte Ehrung
«Deidesheim». Schon aufgrund ihrer Größe und ihres prominenten Standorts direkt am linken Chorpfeiler ist die Marienstatue mit Kind in der Deidesheimer Stadtpfarrkirche St. Ulrich ein echter „Hingucker“. Von Samstag an soll nun aber auch ein Messingschild am Sockel darauf hinweisen, wie die nahezu lebensgroße Skulptur aus Eichenholz vor fast genau 90 Jahren in den Besitz der katholischen Kirchengemeinde gelangte: als Schenkung der jüdischen Familie Feis, die schon seit dem 18. Jahrhundert in der Stadt beheimatet war.
Die Initiative, die als „Feis’sche Madonna“ bekannte Statue jetzt auch ganz offiziell als großzügige Stiftung einer jüdischen Familie für ein katholisches Gotteshaus zu kennzeichnen, ging von der Deidesheimer „Arbeitsgemeinschaft Jüdisches Leben“ aus. Deren Sprecher Franz-Josef Ratter sieht darin ein wichtiges Zeichen, um zu verdeutlichen, wie gut das Verhältnis zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deidesheimern war, bevor der nationalsozialistische Rassenhass alles vergiftete. Inhaltlich ist das Schild dabei relativ knapp gehalten: „Gestiftet von der jüdischen Familie Feis 1928“ steht lediglich darauf. Die Kürze hat ihren Grund, denn die genauen Umstände der Schenkung sind nicht in allen Details ausgeleuchtet. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Madonna nicht das einzige religiöse Bildwerk in St. Ulrich ist, das von der Familie Feis gestiftet wurde. Bereits im Jahr 1900 hinterließ der in Deidesheim geborene und als Importunternehmer in London zu Wohlstand gelangte Jakob Feis der Kirche laut Protokollbuch der Pfarrei ein Ölgemälde, das die Muttergottes darstellte – eine Kopie des 19. Jahrhunderts nach einem Vorbild des spanischen Barockmalers Bartolomé Esteban Murillo, die sich bis heute im Chorraum der Kirche befindet. Als Stifter der Eichenholz-Madonna nennt der unter anderem von Ortshistoriker Berthold Schnabel verfasste Kirchenführer allerdings ein anderes Mitglied der Familie, einen Dr. Feis aus Frankfurt. Um wen es sich dabei genau handelt, ist nicht bekannt – vielleicht um den 1866 in Mannheim geborenen Mediziner Oswald Feis, der in Frankfurt als Frauenarzt praktizierte, bevor er 1939 nach England emigrierte. Nach den Erinnerungen der Deidesheimer Heinz und Friedhelm Schamberger waren es aber die in den 20er Jahren in Deidesheim als Weingroßhändler sehr angesehenen Brüder Oswald und Richard Feis, Neffen von Jakob, die einen Frankfurter Vetter dazu animierten, die Statue zu stiften. Ihr eigener Vater Ludwig habe die Gottesmutter damals mit seinem Lastwagen vom Main zum Feis’schen Anwesen am Marktplatz transportiert, berichteten die Brüder Schamberger 2009 in der RHEINPFALZ. Sonst ist über die Herkunft der Madonna und auch über ihre kunsthistorische Einordnung wenig bekannt. „Um 1800“ wird als Entstehungszeit genannt. Als Stil ist manchmal „klassizistisch“ zu lesen. In der Denkmaltopographie des Landkreises wird die Figur seltsamerweise gar nicht erwähnt. Religiös erfährt sie in Deidesheim aber bis heute große Wertschätzung. An den großen Marienfesten wird ihr eine goldene Krone aufgesetzt, die nach dem Krieg aus den Eheringen gefallener Soldaten und dem gestifteten Schmuck von Kriegerwitwen gefertigt wurde. An so einem Feiertag, dem 8. Dezember 1940, der in der katholischen Kirche als „Maria Empfängnis“ gefeiert wird, wurde die Madonna auch an ihrem heutigen Standort aufgestellt. Zuvor stand sie im Pfarrhaus. Für den heutigen Deidesheimer Pfarrer Bernhard Braun ist der Umstand, dass die Kirche damals nach Berichten bis auf den letzten Platz gefüllt war, auch ein Beleg dafür, dass große Teile der Bevölkerung die Verfolgung der jüdischen Mitbürger nicht guthießen und so ihre Kritik am Regime ausdrücken wollten. Nur zwei Jahre zuvor, bei der „Reichpogromnacht“, waren Oswald und Richard Feis von SA-Männern und Helfershelfern aufs Übelste misshandelt und ihr Anwesen verwüstet worden. Später wurden die beiden Junggesellen deportiert – trotz der Verdienste, die ihre Familie und sie selbst sich um die Stadt erworben hatten. So unterstützten zwei Stiftungen der Familie Feis schon seit der Kaiserzeit talentierte Studenten und Arme aus Deidesheim. Richard starb 1939 in einem Pflegeheim in Rockenhausen, Oswald, von 1929 bis 1933 Mitglied des Deidesheimer Stadtrats, wurde 1941 in der Heilanstalt Eglfing-Haar bei München ermordet. Termin Das Messingschild soll am Samstag, 8. Dezember, um 16 Uhr in der Deidesheimer Stadtpfarrkirche offiziell enthüllt werden.