Geschichten aus der Geschichte
So kam Neustadt im 19. Jahrhundert zu einem neuen Schlachthof
Eine Duftwolke aus verwestem Fleisch, Unrat und Schweiß lag einst über dem alten Karstadt-Gebäude. Dort, am alten Bachgängel, befand sich zwischen 1853 und 1897 Neustadts erstes Schlachthaus. Der Gestank begleitet von Todesgeschrei der Tiere war für die Anwohner zur Zumutung geworden. In der Stadtratssitzung vom 1. Oktober 1890 wurde „auf die schreienden Mißstände hingewiesen, welche das Schlachthaus in der unmittelbaren Nähe menschlicher Wohnungen mit sich bringt“, resümierte die Neustadter Zeitung. In einem Beschwerdeschreiben formulierten Anwohner ihre Forderung, „das Schlachten an Sonn- und Feiertagen zu untersagen, ferner zu verbieten, dass mit demselben vor 6 Uhr Morgens begonnen und nach 7 Uhr Abends fortgefahren werde“. Der Stadtrat sollte Maßnahmen ergreifen, die den Gestank verringerten.
Erbitterter Streit
Nicht nur Anwohner, auch Bezirkstierarzt und Königliches Bezirksamt prangerten die Mißstände an. Die Idee, ein neues Schlachthaus außerhalb des Stadtkerns zu bauen, kam bereits wenige Jahre zuvor auf den Tisch. Aber die Neustadter Metzgermeister leisteten harten Widerstand, obwohl das Schlachten im Schlachthaus müßig war. Es gab keinen Kühlraum. In den warmen Monaten musste deswegen bis spät in den Abend, teilweise bis 22 Uhr gearbeitet werden. Es gab kein Licht. Die Metzger waren gezwungen ihre Öllampen mitzubringen.
In einem Schreiben an den Stadtrat erklärten sie, dass „man mit Leichtigkeit und wenig Geld die Mißstände des alten Schlachthauses beseitigen könnte“. Außerdem befürchteten sie einen Nachteil für Neustadter Geschäfte, wenn der Schlachthof mit Viehmarkt außerhalb der Stadt verlegt würde. Hinter den sachlichen Argumenten stand wohl auch eine Portion Bequemlichkeit. Im Stadtanzeiger vom 3. März 1983 heißt es: „Daraufhin folgten Jahre schärfster Protestaktionen vonseiten der Metzger, die ein tägliches Schieben ihrer Metzgerkarren in die 3000 Meter entfernte neue Schlachthofstätte für nicht zumutbar hielten.“
Stadtrat zweckentfremdete Geld aus Kredit
Der Streit fand seinen Höhepunkt in der Bürgerversammlung am 26. Dezember 1892. Dort sollten die Neustadter über den Kredit für ein neues Schlachthaus mit Viehhof abstimmen. Bereits im Vorfeld riefen einige Stadträte, Metzger und Bürger dazu auf, die Anleihen auf der Versammlung abzulehnen. In der Neustadter Zeitung vom ersten Weihnachtstag erklärten sie, dass die veranschlagten Kosten in Höhe von 270.000 Mark explodieren und mit nur einem Bruchteil des Geldes die Mängel am alten Schlachthaus beseitigt werden könnten. Außerdem bliebe dem Stadtinneren der Besucherstrom erhalten, würde der Viehmarkt weiterhin zentral abgehalten. „Wenn man den Nutzen haben will, muss man sich auch etwas Unbequemlichkeiten dabei gefallen lassen“, heißt es in dem Schreiben. Dabei zielten die Autoren auf den Gestank rund um das Schlachthaus ab. Tatsächlich lehnte die Mehrheit auf der Versammlung den Kredit ab.
Erst zweieinhalb Jahre später, am 1. Juli 1895, wurde auf einer weiteren Bürgerversammlung für die Anleihe und somit für den Bau eines neuen Schlachthofs gestimmt. Dass das Projekt 1892 zunächst scheiterte, war auch darauf zurückzuführen, dass die Neustadter schon einmal einen Kredit über 85.000 Mark für ein neues Schlachthaus bewilligt hatten. Allerdings zweckentfremdete der Stadtrat diesen Betrag, indem er damit die ausufernden Kosten für den Bau der Realschule (heute Leibniz-Gymnasium) deckte. Auf der Versammlung von 1895 nutzte Bürgermeister Exter diesen Sachverhalt, indem er an die Neustadter appellierte, dass sie ja bereits die Notwendigkeit eines neuen Schlachthofs erkannt hätten, als sie 1889 den Kredit bewilligt hätten. Exters Strategie ging auf. Am Ende stimmten 250 Bürger mit Ja, 158 Neustadter waren dagegen.
Betriebsaufgabe in den 1980er-Jahren
Auch um den Standort des neuen Schlachthofs wurde gerungen. Zur Diskussion standen Flächen in den Gebieten Böbig und Naulott. Obwohl sich zunächst eine Mehrheit für die Gewanne Böbig aussprach, machte am Ende das Gebiet Naulott das Rennen. Ausschlaggebend war die Nähe zum Güterbahnhof und die damit verbundene Möglichkeit eines Gleisanschlusses, der für eine einfachere und schnellere Viehanlieferung unumgänglich war. Am 9. Juni 1897 wurde der neue Schlachthof feierlich eingeweiht. Bestehend aus verschiedenen Schlachthallen, Stallungen, Kühlräumen und Viehhof zur Abhaltung des Viehmarktes entsprach er den damaligen neuesten Standards. Sogar eine Wirtschaft und Wohnungen befanden sich auf dem Areal.
Nachdem die Anlage zwischen 1964 und 1968 für rund 1,5 Millionen Mark umgebaut wurde, lief der Schlachthof noch knapp 15 Jahre unter städtischer Aufsicht. 1983 kam die Privatisierung. Die Schlachthof GmbH, ein Zusammenschluss von Großhändler und mehreren Metzgern, übernahm den Betrieb.
Heute steht das Gebäude leer
Bereits in den 1960er-Jahren gerieten städtische Schlachthöfe durch neuartige Transportmöglichkeiten von Kühlwaren unter Druck. In der Festschrift zum Umbau des Schlachthofs ist vermerkt, dass bereits 1962 von entfernten Fabriken und Schlachtbetrieben 335.000 Kilo Fleisch nach Neustadt geliefert wurde. Diese Entwicklung verschärfte sich, so dass die Stadt Anfang der 80er-Jahre den Betrieb aufgegeben musste. Auch für die Schlachthof GmbH kam nach knapp einer Dekade das Aus. Besonders die von der damaligen Europäischen Gemeinschaft vereinbarten Hygienevorschriften für Schlachthöfe machten den Neustadter Standort unrentabel.
Heute steht das Gelände größtenteils leer. Da sich rund um den Schlachthof viel verändert, möchte die Stadt zunächst abwarten. Baudezernent Bernhard Adams teilte auf Anfrage mit: „Ein gewisses Zuwarten, welche zusätzlichen Bedarfe sich im Stadtteil an dieser Stelle noch manifestieren, schadet da nicht.“