Haßloch / Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sinti-Jazzer Torino Reinhardt im Portrait

„Ich war immer das Nesthäkchen“, erinnert sich Torino Reinhardt – und auch daran, was für eine Heidenangst es ihm bereitete, als
»Ich war immer das Nesthäkchen«, erinnert sich Torino Reinhardt – und auch daran, was für eine Heidenangst es ihm bereitete, als Kind an der Seite des Vaters auf der Bühne zu stehen. Heute ist der 44-Jährige selbst Berufsmusiker und Frontmann eines eigenen Sinti-Jazz-Ensembles.

Torino Reinhardt ist der jüngste Sohn des Sinti-Jazzers Schnuckenack Reinhardt und führt die musikalische Tradition der Familie fort.

Am Samstag tritt er auf Einladung der Bürgerstiftung mit seinem Ensemble in Haßloch auf, einem Ort, der für ihn „ein Stück Heimat“ ist.

Sechs Jahre sei er alt gewesen, als er das erste Mal „Ganz Paris träumt von der Liebe“ von Caterina Valente öffentlich gesungen hat, erinnert sich Torino Reinhardt. Mit sieben Jahren habe er dann bei Konzerten seines Vaters auch Geige gespielt. Sein Vater, das war Franz Reinhardt, der unter seinem Rufnamen Schnuckenack Reinhardt als „großer Geigenvirtuose und Primas der Zigeunermusik“ bekannt war, wie man lange ganz ungeniert schrieb. Heute hat sich der Begriff Sinti- oder Gypsy-Jazz etabliert. Als dessen Gründervater wiederum gilt der Belgier Jean „Django“ Reinhardt, und dieser war ein Großonkel von Schnuckenack Reinhardt. So klein ist die Welt des Sinti-Jazz.

Musikinstrumente waren Spielsachen

Dass Torino Reinhardt ebenfalls Musiker werden würde, war also in gewisser Weise fast vorgezeichnet. „Bei uns zu Hause gab es viele Musikinstrumente, das waren für uns Spielsachen“, erzählt der 44-Jährige von seiner Kindheit. In Sinti-Familien sei es üblich, dass die Kinder mit Musik aufwachsen und die meisten musikalisch sind. „Wir hatten viel Besuch und haben dann oft zusammen Musik gemacht“, erinnert er sich. Er habe verschiedene Instrumente ausprobiert, „aber die Geige war schon ganz früh mein Instrument“.

Am kommenden Samstag spielt Torino Reinhardt nun mit seinem Ensemble im Saal Löwer in Haßloch. Das Großdorf war für die Familie immer eine wichtige Anlaufstelle. Schnuckenack Reinhardt wohnte einige Jahre hier, viele Jahre später tat Torino Reinhardt, das jüngste der zahlreichen Kinder Schnuckenack Reinhardts, es ihm gleich. Aufgewachsen ist er in St. Leon-Rot bei Heidelberg, wo der Vater mit der dritten Ehefrau lebte. Weil Teile der weitverzweigten Familie in Haßloch und anderen Orten der Pfalz wohnten und bis heute wohnen, kam Torino Reinhardt immer wieder in die Region. Inzwischen lebt er selbst in Wachenheim.

„Ich war immer das Nesthäkchen“, erinnert er sich. Der Vater war wohl stolz auf seinen Jüngsten, der das gleiche Instrument spielte wie er selbst. „Er hat immer zu den Leuten gesagt, guck’ mal, mein Sohn, wie der Geige spielt“, erzählt Reinhardt. Und dass das erste Lied, das er öffentlich darbot, ausgerechnet ein Schlager war, mit dem Caterina Valente großen Erfolg hatte, war kein Zufall. Schnuckenack Reinhardt und die bekannte Sängerin waren befreundet.

Wenn es mit der Schule zu vereinbaren gewesen sei, sei er dabei gewesen, wenn sein Vater auf Tournee gegangen ist, erzählt Torino Reinhardt. Der Herr Papa habe bei Konzerten oft ins Publikum gerufen: „Mein Sohn ist da, der ist sieben Jahre alt, der spielt euch was.“ Für ihn als Kind stellte das eine enorme Herausforderung dar: „Ich habe Angst gehabt und gezittert“, verrät er. Doch er habe auch gewusst: „Mein Vater ist da, und es sind alle Profis auf der Bühne, die lassen mich schon nicht hängen.“

Auf den Spuren des Vaters und doch wieder nicht

Sinti wachsen mit Musik auf, „und im Teenager-Alter zeigt sich, ob man dabei bleibt oder ob die Musik nur ein Hobby wird“, sagt Torino Reinhardt. Als er 15 Jahre alt war, habe sein Vater ihn eingeladen, zu seinem Ensemble zu stoßen, mit auf Tourneen zu gehen. „Aber ich wollte nicht, ich wollte nach Mädels schauen, mit meinen Kumpels weggehen, Billard spielen“, lacht er. Er habe zwischendurch immer mal wieder Musik gemacht, doch Berufsmusiker wurde er erst nach dem Tod des Vaters 2006. Das Management habe damals gewollt, dass er dessen Rolle im „Schnuckenack Reinhardt Quintett“ übernehme, doch das habe er abgelehnt. Stattdessen gründete er sein eigenes, nach ihm selbst benanntes Ensemble. In dem spielten und spielen jedoch bis heute auch Musiker, die schon mit an der Seite des Vaters aufgetreten sind. So der 74-jährige Kontrabassist Jani Lehmann. Rhythmusgitarrist ist Forello Reinhardt, einer der Halbbrüder Torino Reinhardts. Sologitarrist Bradi Winterstein aus Forbach im Elsass ist ein langjähriger Freund. Torino Reinhardt spielt Violine und singt, wie es sein Vater getan hat. Neu dabei ist Hugo Richter am Akkordeon.

Improvisation ist der Kern der Konzerte

Noch etwas hat Torino Reinhardt mit seinem Vater gemeinsam: „Ich habe bei Konzerten keine Setlisten, wenn ich das Publikum anschaue, weiß ich, was sie möchten.“ Ihm sei es wichtig, „dass die Leute einen schönen Abend haben“. Die Besucher hätten Karten gekauft, sich den Abend freigehalten, vielleicht früher Feierabend gemacht oder seien eine längere Strecke gefahren, da „sollen sie einen schönen Abend haben“. Als „sehr lebensfrohe Musik“ beschreibt Reinhardt die Musik, die das Ensemble spielt. Jazz, Folklore, Bossa, Swing, Czardas gehören dazu.

Seine Kinder seien noch klein, doch sein sechsjähriger Sohn interessiere sich bereits für Gitarre. Manchmal sei er dabei, „wenn ich Musik mache, und er sagt dann Papa, ich möchte gern singen“. Da geht einem als Vater natürlich das Herz auf. Er freue sich, in Haßloch aufzutreten, berichtet Torino Reinhardt auch noch. Auch wenn er selbst nur kurz in dem Dorf gewohnt habe, so sei Haßloch doch aufgrund seiner Familie ein Stück Heimat.

Termin

Das Torino-Reinhardt-Ensemble spielt am Samstag, 12. April, ab 20 Uhr auf Einladung der Bürgerstiftung im alten Saal Löwer, Langgasse 66, in Haßloch. Karten (20 Euro) im Bastelladen Chaos-Keller in Haßloch oder per E-Mail über info@buergerstiftung-hassloch.de. Ein weiteres Konzert mit dem Ensemble gibt’s in der Region am Mittwoch, 7. Mai, iab 20 Uhr im Roxy-Kino in Neustadt. Karten (auch hier 20 Euro) unter www.roxy.de.

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