Neustadt Shakespeare reloaded

Neustadt. Zwei Menschen, verbohrt und getrieben von Missgunst und Neid, verweigern sich gegenseitig Recht und Gnade. Geld regiert das Geschehen, und am Ende scheitert die Menschlichkeit. Dies ist nicht der Stoff, aus dem Komödien gemacht sind. Dennoch: Unter der Regie von Volkmar Kamm entstand mehr als 400 Jahre nach der Premiere eine bemerkenswerte Aufführung des „Kaufmann von Venedig“, die dem Neustadter Publikum noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Ist Shakespeares vielgespieltes Stück Komödie, Tragödie, Märchen oder Verwechslungsposse? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Kamm hat für das Alte Schauspielhaus in Stuttgart eine eigene Textfassung des Klassikers inszeniert, die klar die tragischen Seiten der Komödie hervorhebt: Im Kampf der von Hass und Verachtung getriebenen Hauptdarsteller Antonio und Shylock gibt es nur Verlierer in dieser Inszenierung, die am Freitagabend in Neustadt gastierte. Zwei Handlungsstränge sind eng verflochten: Der junge, schöne Hallodri Bassano (Stefan Roschy) will die reiche Porzia (Alice von Lindenau) heiraten. Doch Porzias Zukünftiger muss unter hohem Einsatz ein Rätsel lösen. 3000 Golddukaten werden benötigt, die sich der Schönling vom Freund Antonio leihen will. Doch selbst gerade nicht flüssig, muss sich Antonio wiederum den stattlichen Betrag vom verhassten Erzfeind, dem Juden Shylock, borgen. Das Pfand soll ein Pfund Fleisch des Schuldners sein, falls die Rückzahlung nicht fristgerecht geleistet wird. So nimmt die Tragödie in der Komödie ihren Lauf. Antonio gelingt es nicht, seine Schuld zu begleichen. Shylock fordert in einer Gerichtsverhandlung sein Pfand ein. Aber Porzia in der Verkleidung des Richters verweigert dem Juden durch eine juristische Spitzfindigkeit sein verbrieftes Recht und enteignet ihn. Am Ende hat der Gläubiger sowohl Besitz als auch Ehre verloren. Doch auch Antonio, der Schuldner und vermeintlich ehrenwerte Kaufmann, verliert. Nicht nur (zwischenzeitlich) seine Schiffe und seinen Reichtum, sondern vor allem seinen moralischen Anspruch. Im Laufe dieser Interpretation der Schauspielbühnen in Stuttgart zeigt sich, dass es nicht Nächstenliebe ist, die Antonio antreibt. Andreas Klaue verleiht seinem Antonio viele Facetten: Der Gutmensch bekommt arrogante Züge, ist überheblich, ja grausam zum Widersacher. Hartherzig und von Selbstgerechtigkeit zerfressen, versinkt die Lichtgestalt letztendlich in existenzialistischer Einsamkeit, entfremdet vom heiteren Trubel um ihn herum. Noch isolierter ist jedoch die Figur, die Carsten Klemm mit überwältigender Tiefe zeichnet. Sein Shylock leidet unter der menschenverachtenden Haltung, die ihm entgegengebracht wird. Der abgrundtiefe Hass ist seine Antwort auf die erlebten Misshandlungen. Klemm vermag es, dem klassischen Bösewicht eine weiche Seite zu geben: In einsamen Momenten sucht der Verachtete den Seelenfrieden im Gebet oder in Gesellschaft seiner Tochter Jessica, die sich jedoch seiner Liebe entzieht und auf die gegnerische Seite überläuft. Der Düsterheit des Shylock’schen Hauses steht die Welt der Liebenden rund um Porzia, Nerissa und Jessica entgegen. Nicht märchenhaft und heiter, sondern schrill und fast bedrohlich im Lärm des Trubels. Fröhlich, wortwitzig und zeitweise frivol spielt sich Alice von Lindenau als Porzia überzeugend in die Herzen der Zuschauer. Sie sorgt zusammen mit Raphael Grosch (als Lanzelot und in sechs weiteren komödiantischen Rollen) für Klamauk und Spaß. Das minimalistische Bühnenbild setzt Porzia – ebenso wie die Hauptfiguren Shylock und Antonio – in einen symbolischen Geldtresor. Hinter jeder Tresortür verbirgt sich eine eigene Welt. Düster oder frohgemut, aber vor allem abgeschottet und mit großen Schlössern vor Einflüssen der Umwelt gesichert. Die Textfassung von Volkmar Kamm erhebt nicht den Anspruch, den heiteren und den tragischen Handlungsstrang in Wohlgefallen aufzulösen, so wie es Shakespeare im 16. Jahrhundert vorgab. Im Gegenteil: Der letzte, in seinem Grundtenor fröhliche Akt wurde von Kamm radikal zusammengestrichen. Stattdessen erfand der Regisseur ein verstörendes Pantomimenspiel als Anhang: Geprügelt, entehrt und geplündert wird der Jude Shylock zwangsgetauft. Christliche Segensgesten peitschen wie Geißeln auf Shylock ein, der sich gekrümmt von Schmerz und Erniedrigung auf dem Boden windet. Die markerschütternden Schreie von Kim Zarah Langner als Jessica entlassen den Zuschauer mit der traurigen Gewissheit, dass es im Zwist der zwei Protagonisten keinen Gewinner gibt.