Neustadt
Serie Familiensache Politik: Warum die Kerths in Mußbach seit Jahrzehnten so viel mitgestalten
Familien sorgen ja manchmal für die buntesten Konstellationen. Dass mit Ruth (CDU) und Werner (FWG) zwei Mitglieder des Ortsbeirats Mußbach den Nachnamen Kerth tragen, ist vor allem Klaus Kerth zu verdanken. Er ist der Ehemann von Ruth. „Der Werner ist ein Cousin zu meinem Mann, ich bin eine geborene Pfaff“, sagt Ruth Kerth.
Als Jugendliche war sie noch nicht politisch involviert. Das kam erst 2009, als ihr Mann schon zehn Jahre lang Ortsvorsteher war. „Aber für Politik habe ich mich mein ganzes Leben interessiert.“ Denn ihr Elternhaus ist direkt gegenüber vom Weingut von Werner Kerth zu finden. „Meine Eltern führten den Gasthof Zum Hirsch, und in unserem Saal tagten alle Ratsfraktionen. Als Tochter des Hauses durfte ich bedienen und habe da so einiges gehört, das war schon sehr interessant.“ Parteipolitisch blieben die Wirtsleute neutral. Und auch Ruth Kerths Begeisterung, sich zu engagieren, führte sie dann zunächst einmal in die Kirche, wo sie über sieben Wahlperioden dem Mußbacher Presbyterium angehörte. Man habe sich die Aufgaben aufgeteilt, sagt die frühere Schulleiterin augenzwinkernd: „Mein Mann war eher politisch aktiv und ich eben im kirchlichen Bereich.“
Dass Geheimnis des Kerth-Charme
Mit Reisen nach Polen kümmerte sie sich als Lehrerin ganz konkret um politische Bildung für die Schüler. Erst 2009, als die letzte Wahlperiode der 15-jährigen Ortsvorsteher-Zeit ihres Mannes begann, zog Ruth Kerth für die CDU in den Ortsbeirat ein. Und bringt sich dort bis heute ein. „Aus Liebe zum Dorf. Es geht doch um die Belange der Menschen hier und nicht um Parteisachen“, sagt Ruth Kerth (73). Die Themen seien fast schon Klassiker: „Sauberkeit, Verkehr, Parken, Friedhof.“ Oft gehe es einfach darum, Zusammenhänge zu erklären und das Gespräch mit den Bürgern zu suchen.
Werner Kerth (71) gehört dem Ortsbeirat nun schon seit 30 Jahren an, ist zudem seit 2009 im Stadtrat vertreten – allerdings für die FWG, nicht für die CDU. Als sein Cousin damals zum ersten Mal zum Ortsvorsteher gewählt worden war, wurde Werner sein Stellvertreter. Die Wahl von Klaus Kerth sei damals bemerkenswert gewesen, denn zuvor war Mußbach von der SPD dominiert. „Ich habe damals schon gesagt, dass der Kerth-Charme den Ausschlag gegeben hat“, so Werner Kerth augenzwinkernd.
„Die Abfalleimer“
In seiner Anfangszeit sei die politische Arbeit durchaus noch parteigeprägt gewesen. Das hat sich stark geändert. „Jetzt geht es nur um die Sachentscheidungen, denn wir handeln ja direkt im Lebensumfeld der Bürger“, sagt Werner Kerth. Inzwischen gebe es eher eine neue Entwicklung: „Manchmal sind wir die Abfalleimer für die anderen Bürger. Leute kommen und werfen uns Kritik an den Kopf oder meinen nur, da stimmt doch was nicht.“ Das müsse man aushalten können. Zur Demokratie gehöre eben auch das Recht, sich nicht aktiv einzubringen. Ihn selbst hingegen haben Politik und die unterschiedlichen Positionen der Parteien schon immer interessiert. Sich engagieren möchte er sich aber nur vor Ort: „Die große Politik ist nichts für mich. Bei uns in Mußbach kennt und respektiert man sich.“ Dass er politisch bei der FWG gelandet ist, liegt auch an seinem Beruf Winzer: „Über meine Kollegen kam ich zu den Freien Wählern.“ Auf die Entwicklung der FWG in Mußbach ist Werner Kerth stolz: „Als ich begann, waren wir zwei Leute im Ortsbeirat, heute sind wir fünf und stellen den Ortsvorsteher.“
Großen Respekt hat Werner Kerth vor seinem Cousin Klaus. Als er 1999 angetreten sei, „war er eben für alle wählbar“. So sei es ihm und der CDU gelungen, die Dominanz der SPD zu brechen. „Davor hatten wir 25 Jahren lang ein SPD-Ortsoberhaupt“, erinnert sich Werner Kerth. Solche Geschichten zeigten, was man politisch bewegen und erreichen könne. Und die Geschichten zeigen auch: Die Kerths sind eine politische und engagierte Familie, die fest in Mußbach verwurzelt ist. Und trotzdem sagt Ruth Kerth: „Bei Familientreffen war und ist Politik kein Thema, das muss nicht sein.“ Da gebe es so viel anderes zu besprechen und zu erzählen. Werner Kerth ergänzt, dass man sich mit Blick aufs Engagement eingestehen müsse, „dass anderes zurückbleiben müsse“. Denn wenn man sich in der Politik engagiere, sei man ja nicht daheim bei der Familie. „Meine Kinder haben aber nie etwas gesagt. Ich war etwa zwei Abende pro Woche weg“, sagt Werner Kerth.
„Das ist ein Auftrag“
Was motiviert die beiden nach so vielen Jahren, sich weiterhin einzubringen? Sie übernehme unverändert gerne Verantwortung, sagt Ruth Kerth. Und sie habe sich gefreut, dass ihre Tochter Regina im Sommer auf der CDU-Liste für den Ortsbeirat kandidiert habe. „Sie stand weiter hinten, ist jetzt aber erste Nachrückerin, wahrscheinlich zieht der Name Kerth.“ Das sei auch Bestätigung fürs eigene Engagement. Werner Kerth gibt zu, dass er eigentlich nicht gedacht hatte, mit über 70 noch in den Gremien zu sein. Aber in der FWG sei ein Verjüngungsprozess in Gang gekommen. „Den begleite ich gerne und bringe mich solange auch ein.“ Denn klar sei: „Ein Wechsel ist immer gut und sinnvoll. Wichtig ist, dass es Junge gibt, die sich engagieren möchten.“ Für die aktuelle Wahlperiode stehe aber fest: „Da bringe ich mich ein. Ich bin gewählt. Das ist eine Verpflichtung, die ich ernst nehme.“ Ruth Kerth stimmt uneingeschränkt zu. Sie sei auf der CDU-Ortsbeiratsliste weiter hinten platziert gewesen. „Die Leute haben mich nach vorne gewählt, und das ist für mich dann auch ein Auftrag.“
Die Serie
Die Kommunalwahlen im Juni haben gezeigt: Es wird für Parteien und politische Gruppen immer schwieriger, politisch Engagierte zu finden. Auffällig ist dabei: Aus manchen Familien kommen gleich mehrere Mandatsträger. In dieser Serie stellen wir sie vor und zeigen auf, wie Politik als Familiensache so funktioniert.