Neustadt
Schloss-Serenaden: Saitenkunst an der Harfe
Die biblische Friedenstaube mit dem Ölzweig im Schnabel zierte nicht von ungefähr das Begleitblatt zur Pfingstmatinee des Kurpfälzischen Kammerorchesters (KKO) am Montag im Festsaal des Hambacher Schlosses. Denn diesem Programm schien eine sanfte, aber nachdrückliche Botschaft innezuwohnen. Die Taube flatterte schwungvoll durch das Jahrhundert des sich weitenden Horizonts, durchmaß die Romantik, durchstreifte dabei europäische Kernlande – Italien, Frankreich, England und Tschechien. Und sie vermittelte eindrücklich, was jugendliche Genies jeweiliger Provenienzen an unglaublichen Schätzen in den Kanon der Streicher-Literatur einzupflegen vermochten.
Zum Beispiel Gioacchino Rossini, der seine Streichersonate Nr. 1 G-Dur, die erste von insgesamt sechs Kammermusiken, im Alter von etwa zwölf Jahren schrieb. Besetzt sind lediglich zwei Violinen, Cello und Kontrabass – keine Bratschen. Ein wenig mag diesem Umstand geschuldet sein, dass sich die Violinen mit ihren kapriziösen, Vogelstimmen ähnlichen Figuren im moderaten Eingangssatz so federleicht und filigran auf den Weg machen. Charmante mediterrane Sommerkost ist das ganze Stück – auch das liebliche Andante und das knappe, flotte Schluss-Allegro. Und das KKO unter Leitung seines Chefdirigenten Paul Meyer servierten den leichten Sommer-Schmaus mit hinreißender Finesse, Grazie und herrlich ausuferndem Temperament.
Länder übergreifender Orchester-Reigen
Der 1935 verstorbene tschechische Komponist Josef Suk, vielgereister Geigenvirtuose, Kompositionsschüler und später auch Schwiegersohn Antonin Dvoráks, stand am Ende des Länder übergreifenden Kammerorchesterreigens. Auch seine Streicherserenade Es-Dur, op. 6, ist ein studentisches Jugendwerk, im Alter von 18 Jahren komponiert; harmonisch noch ganz in Gefolgschaft spätromantischen Empfindens, ist sie gleichwohl ein Opus von bemerkenswertem Eigenwillen und angereichert mit einer Fülle an Melos.
Drei relativ ausgelassene Sätze, in denen jede Stimmgruppe des KKO durch herrliche solistische Passagen gefordert war, aber auch die penible Balance des Tuttis in Klang und Duktus faszinierte, konterkarierte der Adagio-Satz, obwohl in einer Dur-Tonart geschrieben, durch seinen etwas schwerblütigen Charakter. Die Kurpfälzer bespielten die melancholische Seite behutsam, mit vorsichtigem Nachdruck und unbeschreiblich edler klanglicher Noblesse.
Harfenspiel: Organisch, perlend, meisterhaft
Die aus Berlin stammende, länger schon in Süddeutschland verortete Harfenistin Frauke Adomeit stellte sich als Solistin zunächst mit einem berühmten Opus-Paar ihres instrumentalen Genres vor, den „Danse sacrée et danse profane“ von Claude Debussy. Das (vorzüglich begleitende) Kammerorchester unterfüttert die zuweilen träumerische Rhetorik der Harfe mit einem sanften Streicherfundament. Frauke Adomeit entwickelte die Passagen so organisch, so üppig perlend, dabei so geschmackvoll modelliert und in alle denkbare Sanftheit gekleidet, wie sie Debussy, der Tonmaler schlichter, unberührter Naturlandschaften, mutmaßlich im Sinn hatte. Meisterhaft.
Dem britischen Komponisten Elias Parish Alvars, 1849 mit gerademal 40 Jahren gestorben, begegneten wohl die meisten Konzertgäste zum ersten Mal. Als Harfenist, zumal früh mit der damals brandneuen Technik des Doppelpedals vertraut, hatte er sich internationale Reputation erworben. Ihn als Komponisten wiederzuentdecken, ist unbedingt lohnend. Zumal die Solo-Literatur für Harfe überschaubar und Alvars, der in seinem kurzen Leben zahlreiche Reisen, auch in den Orient unternommen hatte, die schmalen Repertoires mit einigem Substanziellen befüttert hat.
Werk mit exotischen Anklängen
Frauke Adomeit hatte das Concertino für Harfe und Streicher, op. 34, mitgebracht, ein Werk, in dessen rhythmischen und klanglichen Strukturen sich zuweilen exotische Anklänge und ein gerüttelt Maß an Dramatik finden. Die Solistin zelebrierte diesen dramatischen Ausdruck drei Sätze lang hinreißend; sie ließ üppige Läufe farbig schillernd perlen, griff ebenso effekt- und kraftvoll wie andererseits auch graziös und sanft lautmalerisch in die Saiten. Das war große, souverän ausgestaltete Saitenkunst auf höchstem fingertechnischem Niveau.
Das Kurpfälzische Kammerorchester begleitete unter Paul Meyers so wohltuend unorthodoxem, dabei agilem und maximal forderndem Dirigat mit einer fantastischen klanglichen Akkuratesse und einem Höchstmaß an Einfühlung und spielerischem Impuls. Mit Jörg Sebastian Schmidt am Konzertmeisterpult reklamierte das Mannheimer Ensemble einmal mehr seine Exzellenz-Position unter den namhaften Streichorchestern.