Neustadt
Schach: Spieler des Post SV Neustadt duellieren sich am virtuellen Brett
Die Schachspieler waren bereits vor Corona eine besondere Spezies im Sport. Aktuell sind sie, wie alle Sportler, von den Corona-Einschränkungen betroffen. Es gibt keine Turniere, keine Mannschaftskämpfe und keine Vereinsabende. Doch viele halten sich schon seit Jahren online fit, damals noch ohne Corona-Zwang. Seit Beginn der Pandemie gibt es ein noch größeres Online-Angebot. Elektronisches „Doping“ mit einem zusätzlichen Schachprogramm fliegt allerdings in der Regel schnell auf.
Probleme virtuell lösen
Sven Metzger, 46 Jahre, Datenanalyst bei einem Telekommunikationsunternehmen, spielt bereits seit 2002 gegen Gegner aus dem weltweiten Netz. „Es ist ganz unterschiedlich, wann ich spiele. Manchmal auch abends im Bett auf dem Handy noch zwei Partien“, verrät er. Aber mehr als 30 Minuten am Stück „zockt“ er nicht, zumal er abends vor dem Einschlafen lieber Taktikübungen und Schachprobleme virtuell löst. Er erklärt: „Es gibt dort Aufgaben, die man auf Zeit erfüllen muss. Damit kann man sich dann gut herunterfahren.“
Sein zweites großes Hobby ist indes Eishockey. Nebenberuflich arbeitet er als Journalist für die „Badischen Neusten Nachrichten“ und kümmert sich um die Adler Mannheim. Dann geht es freitags in die SAP-Arena oder er fährt zu Auswärtsspielen. Spätestens die Play-off-Spiele sind natürlich Pflichtprogramm. Vor Corona ließ Metzger daher die Schach-Vereinsabende zugunsten des Eishockeys ausfallen. Doch jetzt hat ihm ausgerechnet das Virus gezeigt, dass ihm die Schachkameraden sehr fehlen. „Online zu spielen, kann das richtige Schach nicht ersetzen. Man sieht seinem Gegner am Laptop nicht ins Gesicht, sondern zieht nur am Brett die Figuren mit der Maus“, erklärt er. Metzger schwärmt von „dem coolen Haufen beim Post SV Neustadt“ und dem wichtigen sozialen Faktor, wenn man sich persönlich trifft.
Blitzpartien mit Bedenkzeit
Rechtsanwalt Florian Schulz-Knappe spielt mehrmals in der Woche einige Blitzpartien mit Bedenkzeiten zwischen drei und fünf Minuten. Er nutzt gerne die Plattformen „Lichess.org“ und „Chess.com“. Dort sind 50 Millionen Schachspieler aus aller Welt angemeldet. Es gibt ein Ranking, das sich aus den Wertungen der gespielten Partien ergibt. Der 51-jährige Neustadter ist zwar unter den besten zehn Prozent, sagt aber: „Die Luft wird dann sehr dünn. Alles, was besser ist, geht in Richtung Profis.“
Schach online sei zeitlich flexibel und interessant, weil es eine große Auswahl an Gegnern gebe. So fänden sich dann auch Gegner mit ähnlicher Spielstärke. Der Rechtsanwalt schmunzelt, darauf angesprochen, ob er schon bei langweiligen Plädoyers der Gegenseite nicht heimlich am Laptop eine Blitzpartie gespielt habe. „Das wäre zwar theoretisch denkbar, aber das hab ich wirklich noch nie gemacht“, antwortet er. Doch manchmal nutzt er das Online-Schach auf Zugfahrten zu seinen Terminen. Er berichtet, dass es sogar virtuelle Turniere gibt, ausgelobt mit hohen Preisgeldern. Doch gerade im Online-Schach besteht die Gefahr, dass der Gegner nebenher ein Analyseprogramm mitlaufen lässt, das ihn bei seinen Zügen unterstützt. Auf großen virtuellen Turnieren, bei denen Profis antreten und hohe Preisgelder im Spiel sind, werden die Partien allerdings genau ausgewertet und das Mogeln mit Computerprogrammen aufgedeckt.
Über 10 000 Blitzpartien
In der Corona-Krise sieht Schulz-Knappe das Online-Schach besonders für Senioren als Bereicherung, als wichtigen Anreiz, die Möglichkeiten des Internets für ihr Hobby auszuloten. Der 75-jährige Lutz Bohne ist ebenfalls ein alter Hase im Online-Schach. Er spielte bereits über 10.000 Blitzpartien (fünf Minuten Bedenkzeit je Spieler). Niederlagen machen ihm bisweilen zu schaffen. „Wenn ich leichte Fehler gemacht habe, ärgere ich mich schon über mich“, gesteht er.
Täglich zwei Stunden Schach
Am liebsten spielt er gegen Konkurrenten, die etwas stärker sind. Dann sei die Herausforderung größer. Er kommt als Rentner auf rund zwei Stunden Schach täglich. Vor Corona war der Neustadter jährlich auf vier Turnieren in der Region am Start. „Das ist traurig, aber wir können es nicht ändern“, sagt er zur Zwangspause. „Und was man nicht ändern kann, sollte man akzeptieren.“ Auch er vermisst die Vereinsabende, aber immerhin kann er sich virtuell mit seinem Sohn Uwe duellieren.
Der 41-Jährige lebt in der Nähe von Stuttgart und zwingt seinen Vater online öfter in die Knie. Der Senior kommentiert dies anerkennend: „Er hat eben eine höhere Spielstärke.“
Schach-Online-Liga
Seit Montag ist bundesweit die zweite Online-Schachrunde mit 385 Teams und rund 3000 Spielern im Gange. Die Teams sind je nach Spielstärke, die über ihre Wertungszahl in der deutschen Rangliste definiert wird, in verschiedene Staffeln eingeteilt. Auch eine Mannschaft des Post SV Neustadt nimmt teil. Teamführer Dirk Hirse hat zehn Spieler angemeldet, jeweils vier sind für eine Partie nötig. Hirse: „Wir werden rotieren. Nicht jeder kann an jedem Spieltag. Ich frage vorher die Bereitschaft ab und wechsle entsprechend ab. Gespielt wird abends unter der Woche.“
Pro Spieler gibt es eine Bedenkzeit von 45 Minuten plus 15 Sekunden je Zug. Hirse erwartet nicht, dass die Teilnehmer manipulieren, indem sie neben ihrem Laptop noch ein weiteres Gerät nutzen, das die optimalen Züge berechnet. „Jede Partie wird im Anschluss von einem Programm geprüft“, informiert der Neustadter. „Da fällt es auf, wenn ein Bezirksligaspieler so genial wie ein Bundesligaspieler auftreten würde.“ Außerdem fließen die Ergebnisse nicht in die normalen Wertungszahlen ein, die bei echten Begegnungen am Brett erzielt werden. Hirse: „So hat man auch keinen echten Nutzen, wenn man betrügt.“
Zuletzt auf letztem Platz
Auch der Teamgeist komme dabei nicht zu kurz, versichert er. Seinen Schachkameraden und ihm fehle das gesellige Beisammensein. Ganz wichtig für die Spieler: „Diese Onlinerunde ist der Sucht nach Schach geschuldet.“ Außerdem wirft Hirse eine besondere Motivation ins Feld. In der ersten Onlinesaison im Sommer belegte sein Team den letzten Platz in der Staffel. Hirse: „Jetzt wollen wir besser abschneiden.“ Und er betont, wie spannend es sei, gegen Mannschaften anzutreten, die man sonst bundesweit nie kennenlernen würde. „Es kommen neue Taktiken vor. Wir sehen andere Spielzüge. Das dient auch unseren Trainingszwecken. Und wir tun was für unsere Spieler, damit sie uns in der Corona-Krise nicht weglaufen.“
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