Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Schüler lernen: Die Gefahren der Desinformation

Gibt Opfern in Kriegs- und Krisengebieten ein Gesicht: Fotografin Ursula Meissner, hier bei ihrem Workshop „Unterwegs mit Kamera
Gibt Opfern in Kriegs- und Krisengebieten ein Gesicht: Fotografin Ursula Meissner, hier bei ihrem Workshop »Unterwegs mit Kamera und kugelsicherer Weste«.

Die Presse zum Schweigen zu bringen, wäre der Tod der Freiheit: Dieser leitende Gedanke des Hambacher Festes von 1832 ist hochaktuell, wie ein Workshop für Schüler zeigte.

Das Hambacher Schloss steht seit 1832 als Symbol für Freiheit, Wahrheit und Demokratie. Im Foyer des Festsaals werden 2025 Fototafeln aus der Ukraine präsentiert. Sie zeigen Ruinen und die Menschen, die unter dem russischen Angriffskrieg leiden. Die Bilder wurden von Fotografen und Fotografinnen unter Einsatz ihres Lebens aufgenommen, um sicherzustellen, dass die Wahrheit nicht der erste Verlierer dieses Krieges wird. Rund 90 Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 18 Jahren aus Landau, Ludwigshafen, Speyer und Dahn betrachten nicht nur die Bilder, sie verfolgen auch die Berichte der Kriegsfotografin Ursula Meissner, die seit Jahrzehnten im Einsatz ist.

Rund um den Tag der Pressefreiheit am 3. Mai verdeutlichen der Verein Journalismus macht Schule, die Landeszentrale für politische Bildung, die Medienanstalt Rheinland-Pfalz, die Stiftung Hambacher Schloss, der Südwestrundfunk (SWR), das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und der Deutsche Journalistenverband (DJV) jungen Menschen mit Besuchen, Vorträgen und Workshops die Bedeutung der Pressefreiheit. Experten beleuchten die Welt von „Social Media“ und warnen vor den Gefahren von „Fake News“. Dass ausgerechnet die Künstliche Intelligenz (KI), Hoffnungsträgerin auf vielen Feldern, bei Texten, Bildern, Tonaufnahmen und Filmen zum Betrug missbraucht werden kann, ist ein weiteres Problem.

Interesse an Fernsehen lässt nach

Die Jugendlichen hören erstaunt, was Thomas Nettelmann, seit 20 Jahren Nachrichtenredakteur, präsentiert. Er spielt ein Tondokument ab, in dem der „Tagesschau“-Sprecher sagt: „Guten Abend. Seit Beginn des Ukrainekriegs belügen wir Sie.“ Konstanze Werner vom SWR zeigt Videos, in denen Haie, Löwen und Bären Menschen jagen. Diese Fälschungen lassen sich, so erfahren die Schüler, durch eine Bilder-Rückwärtssuche noch relativ einfach nachweisen.

In den Workshops legen die Jugendlichen dar, welche Medien sie nutzen und welchen sie besonders vertrauen. Das Ergebnis zeigt, dass das „lineare Fernsehen“ in dieser Altersgruppe kaum genutzt wird, ebenso wenig Tageszeitungen. Die „Tagesschau“ genießt jedoch hohes Ansehen in puncto Glaubwürdigkeit, während TikTok sehr beliebt ist. Gleichzeitig scheint die Videoplattform nicht besonders vertrauenswürdig zu sein.

Die Referenten auf dem Hambacher Schloss zeigen sich besorgt darüber, dass seriöse Medien die jungen Menschen verlieren könnten, wenn diese sich etwa den Gazakonflikt lieber von Rappern via Podcast oder TikTok erklären lassen. Die Experten betonen auch, dass nicht zuletzt Staaten gefährliche Desinformanten seien, „mit Schattenarmeen von Bloggern“. Sie raten den Jugendlichen, sich gedanklich eine Handvoll zuverlässiger Quellen zurechtzulegen. „Klar, man muss nach mehreren Quellen gucken“, kommentiert eine Schülerin. „So richtig neutral ist ja meistens keiner“, ergänzt eine andere. Die jungen Leute sind engagiert bei der Sache.

„Warum ist unsere Pressefreiheit so wichtig?“ ist ein Workshop überschrieben. Marcel Burkhardt, Autor für Fernsehsender und nationale Zeitungen, hält als Antwort eine uralte Titelseite des „Neuen Deutschland“ hoch, die er kürzlich auf einem Dachboden fand. „In der DDR bekamen die Chefredakteure jeden Morgen von der SED strikte Anweisungen, worüber berichtet werden musste und wie.“ Burkhardt zählt Skandale der jüngeren Vergangenheit auf, die ohne freie Presse vermutlich nie entdeckt worden wären: das Geheimtreffen von Rechtsextremisten 2023 in Potsdam und der Cum-Ex-Steuerbetrug, beide aufgedeckt vom deutschen Medienunternehmen „Correctiv“, sowie die Betrügereien des Zahlungsdienstleisters „Wirecard“, ans Licht gebracht von der englischen Zeitung Financial Times.

Historisch als „Mutter aller investigativen Erfolge“ gilt der Watergate-Skandal. Zwei Reporter der Washington Post deckten 1972 auf, dass der damalige US-Präsident Richard Nixon politische Gegner ausspionieren ließ. Nixon musste zurücktreten.

Aufgabe auch für künftige Generationen

Die Bilder aus der Ukraine im Foyer des Schlosses erinnern daran: Jedes Jahr sterben Reporter im Einsatz. Auch außerhalb von Krisengebieten, etwa bei Demonstrationen in Deutschland, werden Journalisten zunehmend physisch bedroht, zumeist von Rechtsextremisten. Marcel Burkhardt kann ein Lied davon singen: „Wenn die ,Lügenpresse, auf die Fresse!’ brüllen, wird einem schon mulmig.“ Andere Anfeindungen seien subtiler, aber genauso gefährlich. Etwa wenn Politiker versuchten, „von oben“ Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, oder wenn Unternehmen wirtschaftlichen Druck auf Verlage ausübten, indem sie Werbeanzeigen stornierten.

Das Fazit des Tages auf dem Hambacher Schloss: Die Pressefreiheit zu verteidigen, bleibt eine Aufgabe auch für künftige Generationen.

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