Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sandy Patton zelebriert Bandbreite des Jazz im ausverkauften Badehaisel

Für Sandy Patton bedeutet Jazz Inklusion.
Für Sandy Patton bedeutet Jazz Inklusion.

Die besten Geschichten schreibt das Leben: Der Jazzpianist und Musikmanager Lothar Kraft urlaubte in Wachenheim auf dem Campingplatz und kam beim abendlichen Spaziergang am Badehaisel vorbei – mit Folgen, denn der Jazzpianist kehrte nun zurück und bringt zwei Perlen mit, die den ausverkauften Jazzclub zum Leuchten brachten: einen 27-Jährigen und eine 78-Jährige.

Hätte Lothar Kraft bei seinem Spaziergang in Wachenheim nicht ein Plakat „Jazz“ am Badehaisel erspäht, wäre er nie hineinangegangen. „Von außen sieht das ja unscheinbar“ aus, sagt er. Dabei „ist das ein wunderbarer Jazzclub“. Am Freitagabend stand der Pianist Lothar Kraft nun mit Patrick David Manzecchi (Drums) und Mini Schulz (Bass) auf der Bühne. Das alleine wäre schon reizvoll gewesen, doch dazu kommt der 27-jährige Saxophonist Gregor Storf aus Wien, der aktuell in Paris lebt und vor dem Absprung nach Amerika stehen dürfte.

Der Saxophonist: eine Entdeckung

Gregor Storf spielt sein „King“ Tenorsaxophon mit einer Ruhe und doch Intensität. Da passt jeder Ton, und man hört ihm sein jugendliches Alter mit keiner Note an. Storf hat sich, wie er im Gespräch verrät, von den Altmeistern der Bebop-, Hardbob- und Cool-Jazz Ära inspirieren lassen, spielt sie aber nicht 1:1 nach. Seinen Stil erkennt man bei „Wave“ des Brasilianers Antônio Carlos Jobim, den Storf nicht in der zuckersüßen Variante eines Stan Getz kopiert. Der Wiener Saxophonist ist nüchterner und findet sich dennoch gut in der romantischen Atmosphäre zurecht, zitiert routiniert bekannte Vorbilder und interpretiert sie neu.

Bei Damen spricht man üblicherweise nicht über das Alter. Wir machen eine Ausnahme: Sandy Patton, zählt 78 Jahre und hebt das Badehaisel auf ein neues Niveau. Ihre Stimme reicht vom tiefen gurgelnden Bass bis hoch in den Sopran. Sie bevorzugt Liebeslieder, verrät sie, etwa „Autumn Nocturne“, findet sich aber auf der „Route 66“ genauso zurecht.

Professorin in Bern

Sandy Pattons Lebenslauf enthält eine unendliche Sammlung bekannter Namen. Sie lebt heute in der Schweiz, war lange Professorin für Gesang in Bern. „Jazz is inclusivity“ erklärt sie und zeigt die Bandbreite des Genres: Sie zaubert das französische Flair eines Chansons in „Whisper Not“ von Benny Golson ins Haisel, scattet tiefenentspannt, biegt auf die „Green Dolphin Street“ ab und schreckt auch vor schnellem Bebop nicht zurück. Saxophonist Storf tritt in einen musikalischen Dialog mit der Sängerin. Das oft gespielte „Lady Be Good“ hat keinen Staub, keinen Kitsch. Dafür schaltet Sandy Patton auf „double tempo“ und nimmt das Publikum auf eine wilde Fahrt mit und lässt es „Hey Barberiba“ mitsingen.

Bereits vom ersten Ton an swingt diese Formation. Wir erinnern uns an den Blues March von Art Blakey & Jazz Messengers; der klare Ton des Saxophons katapultiert uns in die 60er Jahre des frühen Cool Jazz. Patrick Manzecchi, Jazzclub-Besitzer aus Konstanz, liebt am Schlagzeug die feinen Details, bürstet gegen den Strich, brilliert im On-Beat-Solo genauso wie im fein verzierten polyrhythmischen Spiel. Andreas „Mini“ Schulz, Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart, zupft und streicht seinen akustischen Kontrabass mit einer Spielfreude, die schnell auf die gesamte Formation wirkt.

Eine neue Zeitrechnung

Am Abend zuvor war die Formation noch im legendären Jazzkeller in Frankfurt. „In Zukunft wird man schreiben, die Band hat schon im Badehaisel gespielt“, erklärt Lothar Kraft die neue Zeitrechnung.

Der Freitag war Musikunterricht der besonderen Art, der mit Spitzenqualität statt erhobenem Zeigefinger daherkommt, der Einfachheit, Leichtigkeit und doch große Bandbreite des Jazz unter Beweis gestellt hat. Viele Menschen, die bisher achtlos am Badehaisel vorbeigelaufen sind, waren erstmals drin und sicherlich nicht zum letzten Mal.

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