Neustadt Riesling unterm Fleckstein
Am strahlend rot gestrichenen Landgasthof Grafenfels in Langmühle, das zur Gemeinde Lemberg gehört, laufen Heinz Groß und ich los. Es wird ein Tag zum Lachen und Staunen. Denn der begeisterte Wanderer und Pfälzer hat ein ganzes Sammelsurium an Anekdoten zu gefühlt jedem Baum am Wegesrand zu bieten. Es ist seine Lieblingstour, auf die er mich heute mitnimmt, „verbunden mit Erinnerungen an meine Jugend“, sagt Groß. Inzwischen wohnt Groß in Deidesheim. Seine Familie stammt aber aus Langmühle. Schon sein Ururgroßvater war dort Großbauer – mit 24 Kindern. Groß hat elf Jahre seiner Kindheit in Langmühle verbracht, „eine glückliche Jugendzeit“, wie er sagt. Wir sind bald aus dem Ort heraus. Aus dem am Wegrand entlangplätschernden Salzbach hat Groß früher mit der Hand Forellen gefangen. Bis ihn und seine Freunde der Fischereipächter erwischt hat. Die Kinder konnten zwar verschwinden, der Pächter hatte sie aber erkannt und schickte ihnen die Polizei in die Schule. Zu dritt wurden sie aus dem Unterricht zitiert, einer musste – weil schon 14 Jahre alt – 20 Mark ans Rote Kreuz zahlen, die anderen beiden kamen mit einer Ermahnung davon. Fische gibt es heute noch in dem Bach. Ich ertappe mich, dass ich unterwegs selbst immer wieder ins Wasser schaue, ob irgendwo Licht auf Schuppen glitzert. „Früher sind wir wie die Stabhochspringer mit langen Stangen über den Bach gesprungen“ – und oft genug darin gelandet, erinnert sich Groß, ein ruhiger, ein sympathischer Mann. Der Weg, den wir zusammen zu Grafenfelsen und Fleckstein gehen, war früher ein Wanderweg. „In den neuen Karten ist er aber nicht mehr verzeichnet.“ An der schwarzen „7“ auf weißem Kreis orientieren Heinz Groß und ich uns dennoch. Zunächst geht es vorbei am Dorfgemeinschaftsplatz von Langmühle und dann bald in den Wald. Wie gerne sich Groß hier aufhält, ist ihm deutlich anzumerken. Er fühlt sich wohl zwischen dicken Stämmen und rauschendem Laub und knisternden Tannennadeln. Jetzt im Herbst macht er sich wieder auf die Suche nach Pilzen. Pfifferlinge, Steinpilze, Maronen-Röhrlinge gehören zu seinen Lieblingen. Vögel zwitschern, die Sonne scheint – es ist ein wunderbarer Wandertag. Wir laufen weiter der „7“ nach und schon steht auf einem kleinen, gelben Schild: „Grafenfels“. Ein steiler Pfad führt dorthin, tiefer in den Wald. Rechts streben bis zu 120 Jahre alte Douglasien gen Himmel. An Stämmen, die Sturmböen umgeknickt haben, erinnert sich Groß an seinen Urgroßvater Adam, der eigentlich Landwirt war, im Winter aber für den Forst solche Stämme mit einem Pferdefuhrwerk transportiert hat. Wenn es danach in die Kneipe ging, reichte am Ende des Abends ein Klaps aufs Hinterteil der Pferde und sie zuckelten Urgroßvater Adam nach Hause. Das soll ein Auto mal nachmachen ... Heute gehört der Weg, den wir gehen, zur Kernzone des Naturparks Pfälzerwald. Hier wird der Wald der Natur überlassen. Keine Straße, kein Geräusch außer den Klängen des Waldes ist zu hören. Gefühlt fernab jeder Zivilisation gelangen wir an eine alte Hütte für Waldarbeiter, Stephanshäuschen genannt. Oben ist ein Schlafraum, unten Tisch und Stühle. Groß, früher in leitender Position als Bankkaufmann tätig, inzwischen pensioniert, war vor etwa 15 Jahren mit Geschäftspartner auf dreitätiger Überlebenstour in der Gegend unterwegs. Wein hatten die Wanderer dabei, aber keine Gläser. In der an dem Tag nicht genutzten Hütte standen Gläser auf dem Tisch. Mit einer zurechtgeschnitzten Astgabel holte Groß sie durch das vergitterte Fenster. Die Truppe trank ihren Wein und stellte die gebrauchten Gläser mit der Astgabel zurück. Dazu gab’s noch einen „Gutschein“, der es dem Finder erlaubte, einmal in den Wald zu sch ... Die Männer zogen weiter, Groß vergaß die Sache. Zwei Jahre später traf er eine Wandergruppe, die erzählte, wegen dieser Aktion hätte der Förster sie wütend verdächtigt, mit einem Nachschlüssel ins Haus eingestiegen zu sein. Er tauschte die Schlösser aus. Dabei konnten die Wanderer gar nichts dafür, lachten aber herzlich. Wir laufen übrigens auf traditionellen Pfaden: In Groß’ jüngeren Jahren gab es am 1. Mai Wanderungen zum Grafenfelsen, der Pirmasenser Deutsche Alpenverein (DAV) hat dort Gedenktafeln angebracht. „Aber das ist alles in Vergessenheit geraten“, erzählt Groß, als wir Eisenleitern erreichen, die auf den Grafenfelsen hinaufführen. Ans Geländer gelehnt weht uns der Wind um die Nase, der Blick reicht bis nach Pirmasens. Der Moment dort droben ist eine wunderbare Auszeit inklusive Kopf freigepustet zu bekommen. Mit seinem Enkel hat Groß hier schon einmal übernachtet. Nachdem wir den Grafenfelsen verlassen haben, kommen wir am Blacksbrunnen vorbei. Mit Moos überwuchert ist die in Stein gemeißelte Jahreszahl 1834 zu sehen. So lange plätschert hier mindestens schon Wasser, vermutlich aber viel länger. Nach dem Brunnen geht es wieder in den Wald, der manchmal kaum noch erkennbaren „7“ nach auf einem noch weniger sichtbaren Weg. Der Waldboden ist von Laub bedeckt, Stämme liegen quer darüber. Es ist deutlich: Der Weg ist derzeit kaum benutzt. Aber das soll sich ändern. Groß hat vom für den hiesigen Wald verantwortlichen Förster erfahren, dass zwei weitere Premiumwanderwege geplant sind. Einer davon führt unter anderem übers Stephanshäuschen und Grafenfelsen, der andere über Schulpfad, Wolfsägerhof und Langmühle. Heute wandern noch auf den versteckten Pfaden über einen nahen Hügel in Richtung Fleckstein. Ein in der Gegend bekannter Aussteiger hat zu Groß’ Jugendzeiten an dieser imposanten, überhängenden Felsformation seine Wochenenden verbracht, sich mit Herd und Bett geradezu häuslich eingerichtet. „Vom Forstamt ist das toleriert worden“, erzählt Groß. Schließlich musste der Aussteiger das „Lager“ aber doch verlassen. Den Wald verließ er den Erzählungen nach nicht. Er soll in der Gegend mehrere solcher Orte zum Übernachten gehabt haben. Während Groß diese Geschichte erzählt, kommen wir immer näher an die große Sandsteinformation. Vom Regen der vergangenen Tage ist der Stein durchtränkt, dicke Tropfen fallen von der Steindecke über uns. Ein Eichelhäher warnt seine Verwandtschaft vor den Neuankömmlingen. Und plötzlich stehen wir an einer Raststätte, die dem Aussteiger von damals alle Ehre gemacht hätte. Aus Stämmen sind Tische und Bänke gezimmert, alles unter dem Überhang. Es gibt eine Feuerstelle und ein Grillgestell. Flugs hat Groß ein Feuerchen gemacht und grillt leckere Würstchen. Weitere Kochutensilien stehen in einem natürlichen Regal im Fels. Kurz darauf gibt es auch noch Riesling aus kleinen Gläschen. Es ist die zweite Station an einem geradezu idyllisch-schönen Mittag, an dem man die Seele baumeln lassen kann. Danach geht es abseits der Wege zurück durch den sonnigen Wald. Nahe der Storrbachquelle treten wir an einer Wiese aus dem Wald. Auf dem Rückweg passieren wir den Melkplätzleweiher. Dort waren früher ein Melkplatz und ein Holzstammlager, ehe die Stämme ins Tal geflößt wurden. Wie von Groß Stunden zuvor angekündigt, gelangen wir am Ende über den Schulpfad zurück nach Langmühle. Immer wieder führt Groß auch Gruppen durch sein Lieblingsstück Pfälzerwald, gerne mit Einkehr. Genau das machen auch wir am Ende der Wanderung. Auf der Terrasse des Landgasthofs Grafenfels beschließen wir unsere Tour mit Kaffee, Apfelstrudel, Vanilleeis und einem netten Gespräch mit der Wirtin des Hauses. In den Wald wird es Heinz Groß bald wieder ziehen, spätestens sonntags. Weil es für ihn dazu gehört, am Wochenende draußen unterwegs zu sein. „Ich liebe den Pfälzerwald, das ist Erholung pur“, sagt Groß. Nach einem unterhaltsamen Mittag mit ihm auf Tour ist dem nichts hinzuzufügen. Heinz Groß hat einfach Recht.