Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Rekordverbrauch beim Wasser am zweiten Augustwochenende

2000 Kubikmeter Frischwasser fassen die Erdbehälter im Wasserwerk im Ordenswald.
2000 Kubikmeter Frischwasser fassen die Erdbehälter im Wasserwerk im Ordenswald.

So einige Neustadter dürften am vergangenen Wochenende ihren neuen, kleinen Pool im Garten befüllt haben. Die Wasserzähler hatten viel zu tun. Aber ist Neustadt bei der Wasserversorgung auf der sicheren Seite? Oder wird es eng?

Markus Schuler ist der Herr des Wasserwerks der Stadtwerke im Neustadter Ordenswald. Genau gesagt, ist der 44-Jährige Wassermeister und Leiter eines sechsköpfigen Monteure-Teams für Wasserbetreuung und Elektrotechnik. In Tagen wie diesen haben sie mit den kühlsten Arbeitsplatz in der Stadt. Schon allein der Anblick der im Werk tobenden Wassermassen erfrischt.

Das vergangene Wochenende war auch für die Experten eine Ausnahmesituation. Am Samstag und Sonntag haben die gut 54.000 Neustadter – und die Kunden in Deidesheim sowie der Verbandsgemeinde Maikammer – pro Tag rund 19.200 Kubikmeter Wasser verbraucht. Das waren über 5000 Kubikmeter mehr als an einem durchschnittlichen Sommertag. Auch beim Wasser kommt der Corona-Faktor zum Tragen. Viele Menschen bleiben in den Ferien zu Hause, kümmern sich verstärkt um den Garten, haben vielleicht einen eigenen kleinen Pool.

Rasen sprengen um Mitternacht

Verändert haben sich durch Corona auch die Tageszeiten, in denen besonders viel Wasser verbraucht wird, wie Patrick Schilling von der Bereichsleitung Technik der Stadtwerke erklärt. Die Hauptlastzeiten waren zuvor zwischen 6 und 8 Uhr sowie zwischen 17 bis 18 Uhr. Die Pandemie habe das deutlich entzerrt, sagt Schilling.

Mehr Homeoffice sei ein möglicher Grund, oder auch die immer häufiger eingesetzte Sprinkleranlage, um den Garten zu wässern, gern auch kurz vor Mitternacht. Insgesamt sei der Wasserverbrauch durch Corona im Vergleich zum Vorjahr etwas gestiegen – trotz des Lockdowns in vielen gewerblichen Bereichen.

Elf Tiefbrunnen

Wo aber kommt das Neustadter Wasser her? Das meiste davon stammt aus dem Ordenswald. Dort fördern neun Brunnen in rund 150 Meter Tiefe Grundwasser, das dann im Wasserwerk im Ordenswald aufbereitet wird. Einen geringen Anteil liefern zwei Brunnen in etwa 65 Meter Tiefe im Gebiet der Sattelmühle im Elmsteiner Tal. Zusätzlich werden zwei Quellen genutzt.

Im Wasserwerk selbst ist es zwar fast überall angenehm kühl, aber nicht überall angenehm für die Nase. Das gemischte Grund- und Quellwasser ist nicht glasklar, sondern enthält natürliche Stoffe, wie Schwefelwasserstoff, der leicht faulig riecht. Solche Stoffe werden durch Luftsauerstoff gebunden und in der Filteranlage über Quarzkies auf natürliche Weise herausgesiebt, wie es Schuler beschreibt. Je mehr Wasser verbraucht wird, desto schneller setzen sich die Siebe zu und müssen gereinigt werden.

500 Meter Höhenunterschied

Von der Filteranlage geht das Wasser in die „Tulpe“ nach oben, bekommt einen Schuss Sauerstoff und wird dann auf neun Hochbehälter verteilt, von denen aus die angeschlossenen Haushalte versorgt werden. Dass es neun sind, liegt Schilling zufolge an den großen topographischen Unterschieden: Der größte davon sind die 500 Meter Höhendifferenz zwischen Wasserwerk und Hohe-Loog-Hütte.

Unterm Strich sind dafür 273 Kilometer an Transport- und Verteilleitungen sowie Hausanschlüssen notwendig. Dass die vier Pumpen im Wasserwerk im Ordenswald noch immer die ersten aus dem Jahr 1975 sind, darauf ist Wassermeister Schuler besonders stolz. Das sorge auch beim Frankenthaler Hersteller KSB immer für Aufsehen, wenn die Teile gewartet werden.

Digitale Netzleitstelle

Digitalisiert geht es derweil im Computerraum des Wasserwerks zu. In dieser Netzleitstelle können die Wasser-Wächter auf einem großen Bildschirm alles verfolgen und bei Bedarf eingreifen. Im Mittelpunkt stehen neben der Qualität auch die Füllstände der Behälter. Alles ist automatisiert, ausschlaggebend sind der obere und der untere Grenzwert. Sobald zu wenig Wasser im Behälter ist, wird nachgesteuert, ist er voll, wird quasi zugemacht.

„Je mehr Wasser die Bürger verbrauchen, desto aufmerksamer müssen wir sein“, beschreibt Schuler die aktuelle Arbeit. Und auch die veränderten Nutzungszeiten haben etwas Neues gebracht: Konnten vor Corona die Hochbehälter schon am späten Abend für den nächsten Tag vorbereitet werden, wird es jetzt oft früher Morgen. Das alles gilt auch am Wochenende. Dann haben die Wasserwerke aus dem Ordenswald ohnehin einen Rufbereitschaftsdienst für alles, was Förderung, Aufbereitung und Verteilung betrifft, oder besser gesagt, für Probleme, die dabei entstehen könnten.

Wasser noch nicht knapp

Dass das Wasser in Neustadt knapp werden könnte, wie es am Montag für die Verbandsgemeinde Simmern-Rheinböllen im Hunsrück gemeldet wurde, diese Sorge hat Patrick Schilling von der Bereichsleitung Technik nicht. „Wir haben eine sehr gute Grundwasser-Neubildungsrate“, sagt er, und meint damit, dass die Grundwasser-Pegel auch in besonders trockenen Sommern und bei hohem Verbrauch bislang immer stabil geblieben sind.

Das sei zu einem Teil Glück durch die Lage Neustadts, zum anderen der Bewirtschaftung des Wasserschutzgebiets Ordenswald zu verdanken. So würden die städtische Umweltabteilung und der Naturschutzbund beispielsweise für ein gezieltes Wiedervernässen sorgen. Und auch wenn es nicht so scheinen mag, weil die Natur danach immer noch irgendwie trocken wirkt: „Selbst zwei, drei Stunden Regen sind schon entlastend.“

Wasserpreis und Spartipps

120 bis 125 Liter Wasser verbraucht ein Bundesbürger am Tag – das meiste davon für die Körperpflege, Wäschewaschen, WC-Spülung oder Garten. Nur fünf Liter davon werden getrunken und zum Kochen genutzt. Der Verbrauch in Neustadt bewegt sich den Stadtwerken zufolge innerhalb dieses Durchschnitts: 123 bis 126 Liter pro Tag und Neustadter werden in der Regel gemessen. Dabei handelt es sich um weiches Wasser, das wenig Kalk enthält. Der Verbrauchspreis in Neustadt liegt bei 1,84 Euro pro Kubikmeter Wasser, also 1000 Litern. Brutto sind es knapp zwei Euro. Hinzu kommt eine jährliche Grundgebühr von brutto 68 Euro für einen Privathaushalt bis zu 205 Euro für einen großen Gewerbekunden. Pro Tag werden gut zehn Millionen Liter Wasser abgegeben, was rund 55.000 vollen Badewannen (180 Liter) entspricht.

Wer Wasser sparen will, sollte duschen statt baden, was gleichzeitig Energie spart. Einhebelmischer, zum Beispiel am Waschbecken, verhindern, dass viel Wasser fließen muss, bis die richtige Temperatur gefunden ist. Beim Einseifen oder Zähneputzen immer den Hahn zudrehen. Wer keine Spartaste am WC hat, kann nachträglich einen Spülstopp einbauen. Dichtungen sollten erneuert werden, sobald etwas tropft. Bei Wasch- und Spülmaschinen gilt: Nur komplett gefüllt laufen lassen, wenn kein Sparprogramm vorhanden ist. Normal verschmutzte Wäsche braucht keinen Vorwaschgang. Regenwasser und aufgefangenes Waschwasser von Obst und Gemüse kann zum Blumengießen dienen.

Kommentar: Immer ein Genuss

Schmeckt ein frisches Glas Wasser gerade jetzt nicht absolut köstlich? Klar, wer es lieber verdünnt mit Wein mag, kann auch nichts verkehrt machen. Aber auch der kommt ja ohne den Grundstoff Wasser nicht aus. Im Hunsrück wird das Wasser gerade knapp. Neustadt hingegen ist auf der sicheren Seite. Bleibt zu hoffen, dass das auch für die Zukunft gilt. Eine Gefahr wurde schon abgewendet, als die Trinkwasserversorgung in kommunaler Hand bleiben durfte, Privatisierungspläne der EU-Kommission scheiterten. Viel schwieriger wird es sein, Engpässe in Folge des Klimawandels zu verhindern. Der kann durchaus auch zum Stresstest für die Trinkwasserversorgung werden. Vielleicht sogar einmal in Neustadt.

Über die sogenannte Tulpe sprudelt das gesiebte Grund- und Quellwasser nach oben.
Über die sogenannte Tulpe sprudelt das gesiebte Grund- und Quellwasser nach oben.
Vor der Aufbereitung in der Filteranlage.
Vor der Aufbereitung in der Filteranlage.
Digitales Herz ist die Netzleitstelle im Wasserwerk.
Digitales Herz ist die Netzleitstelle im Wasserwerk.
Drei der vier Netzwerkpumpen aus dem Jahr 1975.
Drei der vier Netzwerkpumpen aus dem Jahr 1975.
Blick ins Innere der Pumpen-Häuschen.
Blick ins Innere der Pumpen-Häuschen.
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