Neustadt
Radsport: Wie ein Kenianer Markenbotschafter für Sigma Sport wird
Die Radsportkarriere von Salim Kipkemboi begann quasi auf einem alten, sehr schweren Fahrrad aus den 1920er- bis 1950er-Jahren. In Kenia nennt man diese Räder Black Mamba. Warum? Kipkemboi zuckt mit den Achseln. Er weiß es nicht. Fakt ist aber: Dieses Rad hat es ihm ermöglicht, Radsportler zu werden und Rennen zu fahren. Und zudem Markenbotschafter des Neustadter Unternehmens Sigma Sport, Hersteller unter anderem von Fahrradcomputern und -beleuchtung, zu werden.
Auf einer Black Mamba hat Salim Kipkemboi Brennholz in seiner Heimat Iten transportiert. Die Stadt im Westen Kenias liegt etwa 2400 Meter hoch. „Dort ist es nicht flach“, betont der 23-Jährige und lacht. Bekannt ist die Stadt wegen der Langstreckenläufer, die dort gerne in der Höhe trainieren. Hatte er sein schweres Rad mit schwerem Brennholz beladen, „musste ich zum Teil auch mal schieben“. Denn seine Black Mamba hatte keine Gangschaltung. Und übrigens auch keine Bremsen.
Auf der Black Mamba
Irgendwann im Jahr 2013 saß er also auf einer Straße und wartete darauf, dass ihm jemand Brennholz abkaufen würde. Da kam eine Gruppe von Rennradfahrern aus dem Radclub der Stadt, Canyon Riders, vorbei. „Ich nahm meine Black Mamba und folgte ihnen“, erinnert sich der Kenianer schmunzelnd. Und die Sportler wurden ihn auf dem schweren Drahtesel nicht mehr los. „Nach der Tour gaben sie mir ihre Telefonnummern“, erinnert sich Kipkemboi gerne.
Ein paar Wochen später riefen die Radsportler, offensichtlich noch immer beeindruckt von seiner Leistung, an. Dann übergaben sie ihm zwar noch kein Rennrad, aber „eine bessere Black Mamba“. Kipkemboi schwärmt: „Die hatte sogar Bremsen.“ Und ab diesem Moment hatte der junge Afrikaner keine Zeit mehr zum Holzverkaufen. Er begann, für seinen Club Rennen zu bestreiten. Dabei war es nach wie vor nicht leicht für ihn zu trainieren. „Ich musste erst zwei Kilometer laufen, um zu einer Straße zu kommen“, erzählt Kipkemboi.
Eine neue Welt
Ohne Schulabschluss und ohne Berufsausbildung öffnete sich für Salim Kipkemboi mit dem Radsport eine Tür in eine neue Welt. „Meine Eltern waren glücklich darüber. Meiner Familie war es nicht möglich, Schulgeld zu bezahlen“, sagt Kipkemboi, der zweitältester von drei Brüdern ist und zudem noch vier Schwestern hat. „Leute vom Club haben meinen Eltern erklärt, wie sich mein Leben mit dem Radsport ändern könnte.“
2017 nahm das deutsche UCI-Kontinental-Team Bike Aid zu ihm Kontakt auf. Der aus Herxheim stammende Patrick Lechner ist früher selbst für diese Mannschaft gefahren. Heute ist er zuständig fürs Marketing bei Sigma Sport in Neustadt. Zum Bike-Aid-Team gehören noch weitere Kenianer. Hier genießt Salim Kipkemboi nun als Fahrer die Möglichkeit, optimal zu trainieren und weltweit an Profi-Radrennen teilzunehmen. Nach eigenen Angaben fördert dieses Bike-Aid-Team gezielt Sportler aus Afrika. Dabei geht es nicht nur um Trainingsmöglichkeiten, sondern auch um Bildungs- und Praktikumsangebote sowie interkulturellen Austausch. Bike Aid ist 2005 im Saarland als gemeinnütziger Verein gegründet worden. Hier sind seitdem über 850.000 Euro für soziale Projekte gesammelt und viele Nachwuchssportler gefördert worden.
Profi-Rennen gewonnen
2018 gewann Salim Kipkemboi als erster Kenianer ein internationales Profi-Radrennen: Bei der Sharjah-Tour in Dubai habe Salim Davide Rebellin im Sprint geschlagen, betont Patrick Lechner. Rebellin ist nicht irgendwer: 2004 hat der Italiener das Rennen Lüttich - Bastogne – Lüttich gewonnen, 2007 und 2009 den Flèche Wallone, 2008 Paris - Nizza.
Der erste Schnee„Das erste Rennen in Europa war eine Herausforderung“, gesteht Salim Kipkemboi und grinst. „Aber ich bin ins Ziel gekommen.“ Bei der „Tour of the Alpes“ hat er sich nämlich nicht nur ans höhere Renntempo gewöhnen müssen. „Ich habe dort das erste Mal Schnee gesehen“, erzählt er begeistert. „Es hat geschneit, Schnee lag auf der Straße.“ In Kenia werde es zwar auch kalt, aber es liege kein Schnee. „Und wenn ich nur fünf Kilometer den Berg hinunterfahre, ist es schon heiß.“
Botschafter für Sigma
Über Patrick Lechner hat Kipkemboi Kontakt zu Sigma Sport in Neustadt bekommen, wo er im Juli in die Arbeitsabläufe des 1981 gegründeten Unternehmens hineinschnuppern durfte: in die Produktentwicklung beispielsweise. Außerdem ist der Kenianer neues Mitglied im Markenbotschafter-Team von Sigma. Diesem Team gehört bereits Exprofi Marcel Kittel an. Er hat in seiner langen Karriere 19 Etappensiege bei den Grand Tours, dazu gehören Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta, und viele Erfolge bei Radrennen auf der ganzen Welt geschafft. Im Team sind zudem die niederländische Cross-Country-Spezialistin Anne Terpstra sowie der Pfälzer Mountainbiker Karl Platt.
Bei Sigma zeigte sich Salim Kipkemboi beeindruckt, dass viele Mitarbeiter angestellt sind. Lechner erzählt, dass es in Neustadt rund 120 Angestellte seien, die Produkte entwickelten, testeten und verpackten. Zwei weitere Standorte gebe es in Hongkong sowie in China in Shenzhen. „Sigma hat sich neu aufgestellt mit neuem Logo“, erklärt Lechner. „Wir wollen moderner sein mit einem neuen Marketingkonzept.“ Deshalb habe sich das Unternehmen nach Markenbotschaftern umgeschaut. Lechner: „Ich habe mir gedacht, dass Salim eine echt coole Geschichte hat.“ In Kenia sei er sehr bekannt. Auf der Radsportmesse Eurobike in Friedrichshafen vom 1. bis 4. September werde Sigma mit Salim Kipkemboi und einer Black Mamba vertreten sein, verspricht Lechner. „Sigma hat eine Black Mamba gekauft.“ Und Sigma übernehme die Patenschaft für den jungen kenianischen Sportler, komme für Flugkosten, Versicherung und Wohnung auf und entlaste somit das Bike-Aid-Team. Lechner weiß als ehemaliges Bike-Aid-Mitglied: „Die Philosophie dort ist, dass die Fahrer auch beruflich Fuß fassen, wenn’s im Radsport doch nicht klappt.“
Ein Haus für die Familie
Als Holzverkäufer nutzte Salim Kipkemboi sein schweres Fahrrad wie alle Afrikaner, um etwas zu transportieren und um von A nach B zu kommen. Erst als Radsportler in Deutschland fiel ihm auf, dass „die Leute hier einfach in ihrer Freizeit Rad fahren“.
Für den Kenianer hat sich der Radsport schon ein wenig ausgezahlt. Der Vater einer einjährigen Tochter hat sich und seiner Familie ein Haus in Afrika gebaut. Eltern und Geschwister freuten sich für ihn, „weil ich sie unterstütze“. Auch ihnen wolle er ein Haus bauen. Nach seinem Praktikum in Neustadt musste Salim Kipkemboi erst einmal wieder in die Heimat fliegen. Sein Visum war abgelaufen. Doch schon bald kehrt er zurück: Im September will er nicht nur zur Eurobike fahren, sondern auch bei der Rad-WM in Flandern starten.