Maikammer Porträt: Winzerbu mit bewegtem Leben

Karl Wilhelm ist bei seiner Tante aufgewachsen, die in einen Winzerbetrieb hatte.
Karl Wilhelm ist bei seiner Tante aufgewachsen, die in einen Winzerbetrieb hatte.

Viele Maikammerer kennen ihn: Karl Wilhelm ist ein geselliger Mensch, er war Winzer und betrieb in der Marktstraße eine Weinstube. In dem Haus lebt er noch heute – mit 98 Jahren.

„Eigentlich ist das nicht mein Elternhaus.“ Karl Wilhelm sitzt am Tisch im gemütlichen Schankraum seiner früheren Weinstube in der Marktstraße, wo er auch wohnt. Viele lange Jahre hat der Maikammerer hier im Haus seiner Tante neben seiner Arbeit als Winzer auch eine Straußwirtschaft betrieben. 1926 als ältestes von zehn Kindern geboren, hat ihn die Schwester seines Vaters, die einen Winzerbetrieb führte, schon früh zu sich genommen. „Ihre Ehe war kinderlos“, erzählt Wilhelm.

Von hier aus besucht er auch die Schule, denn die lag „von der Tante aus ganz nah“. Aber gern sei er nicht hingegangen, verrät der 98-Jährige und lacht. Nach der Schulzeit arbeitet er im Betrieb seiner Tante mit, wird ein „Winzerbu“. Im Oktober 1944 wird der junge Karl zum Militär eingezogen. Er ist gerade einmal 17 Jahre alt. „Und dann bin ich in Gefangenschaft gekommen“, erzählt er. Von Marseille aus, wo sich ein großes Gefangenenlager befindet, werden die Sträflinge „eingeschifft nach Amerika“. Doch kurz vor dem Ziel war der Krieg zu Ende. „Da haben sie uns gar nicht ausgeladen.“ Es ging wieder zurück nach Marseille – nach vier Wochen auf See. „Ein Jahr später bin ich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden“, erinnert sich Wilhelm.

Kurz vor Kriegsende erfährt er, dass das Haus seiner Tante bei einem Luftangriff zerstört worden ist – durch ein Versehen. Denn eigentlich habe der Angriff einem General gegolten, der sich im Gebäude nebenan „zur Besprechung“ aufgehalten habe – im damaligen Gemeindehaus, wie Wilhelm berichtet. Um zehn Meter hätten die Alliierten das Ziel verfehlt. Auf einem Foto ist die Macht der Detonation zu sehen. Das Haus in der Marktstraße liegt in Schutt und Asche. Es sind Erinnerungen an eine mühselige und entbehrungsreiche Zeit. Es sei auch sehr hart gearbeitet worden, erzählt Wilhelm, von Montagmorgen bis Samstagabend.

Immer gerne getanzt

Aber wenn Kerwe war, dann gab es Tanzmusik. Und getanzt habe er gerne, verrät er. Viele Vergnügungen habe es ja nach dem Krieg nicht gegeben, es gab ja auch nichts zu essen. Das wenige, was man hatte, wurde häufig getauscht, erzählt der ehemalige Winzer. Es war die sogenannte „Schieberzeit“, wie er erklärt, denn „das Geld war nichts wert“. Die Tauschwirtschaft führt auch zum Wiederaufbau des Hauses in der Marktstraße. Handwerkerleistungen wurden mit Wein bezahlt.

Eines Sonntagmorgens soll er ein Fässchen Wein nach Offenbach bringen, im Tausch für „ein paar Zentner Grumbeere“. Nach einer durchtanzten Nacht spannt er um sechs Uhr früh das Pferd vor den Wagen, lädt den Wein auf und lenkt das Fuhrwerk Richtung Edenkoben auf die Landstraße. Es dauert nicht lange, und Wilhelm schläft ein – und erwacht erst wieder, als das Pferd nach einer Ehrenrunde wieder vor dem Hoftor zuhause Halt macht. Statt wie geplant um neun Uhr „bin ich erst um elf nach Offenbach gekommen“, erzählt er und lacht.

Mit dem Gesangverein in Rom

Neben der Kerwe mit ihren Tanzabenden habe es aber nicht viel Freizeit gegeben, und schon gar keinen Urlaub so wie heute, sagt Wilhelm. Mit seinen Brüdern reist er einige Male in die Südsteiermark, wo sie ihren Onkel auf seinem Bauernhof besuchen. 1929 sei dieser nach Österreich ausgewandert. In Wilhelms VW-Käfer machen sie Ausflüge, fahren „bis zur jugoslawischen Grenze“ und stärken sich bei einer Jause im Buschenschank – einer Art Straußwirtschaft. Eine schöne Zeit.

Später dann ist er auch zweimal in Rom gewesen, mit dem Gesangsverein. Wilhelm, der aus erster Ehe zwei Kinder hat, hat „immer sehr gern“ in seinem Beruf gearbeitet und lange Zeit noch „drei, vier Gäste“ in seiner Straußwirtschaft bedient. Der letzte Gast sei letztes Jahr verstorben, erzählt er. Als geselliger Mensch geht Wilhelm heute gern zum Seniorentreff in Maikammer – und legt dabei sämtliche Strecken auf dem Rad zurück. Dafür hat er sich extra ein E-Bike gekauft.

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