Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Pilotprojekt der Ballettschule Hagenaars lädt zum entspannenden Tanz in der Natur

Ungewohnter Ort für eine Ballettstunde: Maricel Hagenaars mit ihren Schülerinnen im Garten des Deidesheimer Weinguts Kimich.
Ungewohnter Ort für eine Ballettstunde: Maricel Hagenaars mit ihren Schülerinnen im Garten des Deidesheimer Weinguts Kimich.

Die erste Scheu ist schnell verflogen. „Endlich treffen wir uns wieder zum Ballett“, freuen sich die sieben Teilnehmerinnen über die erste Freiluft-Stunde der Haßlocher Ballettschule Hagenaars. „Uns haben Eltern erzählt, dass ihre Kinder ganz schnell schlechte Laune bekommen hätten, weil ihnen die Bewegung in Gesellschaft ihrer Freunde so gefehlt hat“, erzählt Bernhard Pellinger, der seine Frau Maricel Pellinger-Hagenaars, Diplom-Tanzpädagogin und Leiterin der Ballettschule, zur Premierenstunde begleitet.

Die findet nicht in Haßloch, sondern in Deidesheim statt. Auf Abstand sitzen die jungen Tänzerinnen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren auf dem Rasen des Weinguts Kimich, reden miteinander und warten gespannt, was sie erwartet, denn die Ballettstangen stehen bereits einladend auf dem Rasen, während Maricel Hagenaars die Musik richtet. Es sind keine alten Komponisten balletterprobter Werke, wo über die Jahrhunderte immer wieder die Natur musikalisches Thema war, wie etwa bei Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ oder dem Blumenwalzer von Tschaikowsky, sondern Klavierkompositionen vom iPod mit tragbarem Verstärker, die ideal die Leichtigkeit der Übungen in der Natur widerspiegeln.

In perfektem Timing dazu scheint angenehm die Sonne, immer wieder weht sanft ein leichtes Lüftchen zur Ballettmusik der spanischen Komponistin Aly Tejas. „Schön ist es hier“, meint Hagenaars zufrieden, dass sie den Vorschlag von Gastgeberin Brigitte Arnold, selbst Mutter dreier Schülerinnen, aufgegriffen hat, doch einfach einmal zum Training in die freie Natur zu gehen. „Ich dachte an die Tennisspieler, die viel schneller wieder ihrem Sport nachgehen durften, als unsere Kinder im Studio“, erinnert sich Arnold. Und Paula, eine ihrer tanzenden Drillingstöchter, erklärt, dass sie die Idee sofort toll gefunden habe, vorausgesetzt, die Eltern würden im Freien nicht dauernd zusehen, wie sie mit Seitenblick auf die Anwesenden unter Zustimmung ihrer Mittänzerinnen Hanna, Meike, Johanna, Finja, Sophie und Leonie noch los werden muss.

Das Open-Air-Ballett könnte Schule machen

„Wir müssen jetzt bei unserem Training besonders darauf achten, dass wir auf leicht unebenem Wiesenuntergrund trainieren werden“, erklärt Hagenaars und verteilt Ballettschläppchen, damit die Ballettschuhe ihrer Schülerinnen sauber bleiben. Die Niederländerin, die seit 1986 Tanz unterrichtet und seit 1995 die Haßlocher Ballettschule führt - die Jubiläumsballettaufführung im November müsse leider wegen fehlender Trainingsstunden ausfallen -, ist voller mitreißendem Elan, so dass ihre jungen Tänzerinnen schnell in die Übungen finden. „Demie-plié, halbe Spitze, grand-plié, Fersen schließen“, ruft die Ballettlehrerin zum Takt der Musik.

„Die Kinder haben in den letzten Wochen so viel gewohntes Umfeld verloren“, bedauert Pellinger. Zumindest einen Teil der Freude und Begeisterung könne man so nach den Lockerungen der Corona-Kontaktsperren Stück für Stück wieder aufleben lassen. Er hoffe, dass in Kürze die Ballettschule wieder wie gewohnt öffnen könne, meint Pellinger. Die Landesregierung hat das Datum 27. Mai genannt, aber ähnlich wie bei den Kinos noch keine Details verraten.

Mit Beginn der Schließung im März hätten die über 200 Tanzschülerinnen und -schüler bereits Videos erhalten, erklärt Pellinger, dann sei der Online-Unterricht dazugekommen, jetzt der Open-Air-Test. Im Moment halte man Kontakt mit dem Ordnungsamt und arbeite intensiv an einem Hygienekonzept für die Ballettschule. Umkleiden würden gesperrt, unterschiedliche Wege angezeichnet, Desinfektionsmittelspender aufgebaut. Für zwei Monate habe man die Beiträge der Schüler ausgesetzt, aber trotzdem die Fixkosten getragen und die freiberuflichen Dozenten des Teams unterstützt. „Es wird Zeit, dass es wieder normal weitergeht“, hofft Pellinger, der dankbar ist, dass manche Eltern die Ballettschule finanziell und ideell unterstützen – so wie mit der Freiluftidee.

Die Bewegung in der frischen Luft macht hungrig

Maricel Hagenaars will mit der Premiere testen, ob sich das Angebot auch für andere Tanzstile anbiete. „Möglicherweise übernehmen wir diese Idee sogar für Parallelangebote dauerhaft in die warme Jahreszeit“, überlegt sie, immer ein Auge bei ihren Schützlingen. Für den Unterricht im Freien hätten mittlerweile noch weitere Eltern ihre Gärten mit geeigneter Grünfläche zum Trainieren angeboten, freut sich Hagenaars, die am selben Tag auch noch in Forst auf ihrem eigenen Grundstück unterrichtet. Besondere Voraussetzungen müssten die anbietenden Eltern nicht schaffen, da sich die Ballettschule um alles kümmere. „Ich freue mich sehr über das tolle Angebot“, meint Mutter Isabell Brandner, denn das gemeinschaftliche Üben sei doch etwas anderes, als zu Hause allein am Stuhl zu trainieren. Sie könne zwar kein Grundstück zur Verfügung stellen, habe sich aber nun zum Premieren-Abschluss zum Pizzaholen angeboten, lacht sie. Macht doch Bewegung in frischer Luft bekanntlich hungrig.

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