Neustadt
Pfarrer Jochen Keinath setzt auf Hoffnung statt auf Resignation
„Gestern war heute noch morgen“ – diesen Satz las ich schon vor Jahren. Immer wieder muss ich darüber schmunzeln. Denn er ist irgendwie entlarvend. Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Das neue Jahr ist gerade ein paar Wochen alt. Und doch passierte schon so einiges. In meinem Leben. Aber auch in unserer Welt. Nette Begegnungen hatte ich zum Beispiel. Ich bin aber auch Menschen begegnet, die mich Nerven kosteten.
Diskussionen über den Friedensnobelpreis ließen mich überlegen, ob ich lachen oder heulen sollte. Ich versuche, meine Arbeit und neue Herausforderungen zu bewältigen. Manchmal frage ich mich, wohin die Entwicklung in unserer Gesellschaft noch führen wird. Und dann hörte ich von einer mutigen Bürgermeisterin in einem östlichen Bundesland, die sagte: „Mir ist es wichtig, dass wir in guter Gemeinschaft zusammenleben können. Deshalb äußere ich offen meine Meinung, wenn bestimmte politische Gruppen das friedliche Zusammenleben gefährden.“
Gegenwart braucht Zukunft
„Wow“, denke ich. Wie gut, dass es Menschen gibt, die ganz bewusst in der Gegenwart leben. Die genau hinschauen. Die sich aber auch mutig einsetzen für eine lebenswerte Zukunft. „Gegenwart braucht Zukunft“, dieses Zitat fand ich beim Surfen im Netz. Zuerst war ich irritiert, denn ich hielt es für sehr offensichtlich. Aber stimmt das? Lasse ich mich nicht oft zu sehr vom Tagesstress bestimmen? Scheue ich nicht eher den Blick in die Zukunft, weil ich befürchte, es geht eh alles den Bach runter? Augen zu und durch?
Und auf einmal spüre ich den Impuls: „Nein – gerade jetzt die Augen aufhalten!“ Vielleicht ein Wink des Himmels. Da gibt es einen Gott, der nicht will, dass wir mit Scheuklappen herumlaufen. Er bietet uns neue Energie an und spannende Visionen. Er sagt: „Ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5). Wie kommt er dazu? Man kann doch nicht einfach alles, was bisher war, auslöschen!
Welt nicht aus Zufall entstanden
Als vor langer Zeit unsere Welt entstanden ist, geschah das nicht aus Zufall. Da wollte einer, dass wir gut auf diesem Planeten leben können, dass wir uns an jedem Tag freuen und eine Zukunft haben. Die Natur ist voller Wunder, die wir bis heute bestaunen. Je mehr erforscht wird, desto mehr fasziniert die Genialität eines Chamäleons oder eines menschlichen Körpers. Dieser erneuert sich übrigens ständig.
Und wir ahnen, was das bedeutet: „Ich mache alles neu“, das ist keine Ankündigung von Zerstörung und Apokalypse. Sondern es ist das Angebot, teilzuhaben an einer unendlichen schöpferischen Kraft. Sie kann auch viele Veränderungen, die uns zunächst Angst machen, in einen Prozess der Erneuerung führen. Spannend. Ich habe das Gefühl, mir gehen die Augen auf. Ich lebe bewusst im Jetzt, dankbar und in positiver Erwartung. Denn ich weiß, dass da einer ist, der mir Zukunft schenkt.
Der Autor
Jochen Keinath ist Pfarrer der protestantischen Kirchengemeinde Maikammer.