Neustadt
Pfalz-Revolution: Warum beim Hambacher Fest Polen-Fahnen wehten
Über den steinernen Stufen des Hambacher Schlosses weht noch heute ein Banner in den polnischen Nationalfarben Weiß und Rot, gleich neben der deutschen und der französischen Fahne. Dort, wo Touristen und Spaziergänger heute ihrem Ziel auf der obersten Spitze des Schlossberges schon ganz nah sind, schrieben vor 192 Jahren Pfälzer und Polen gemeinsam Geschichte.
An jenem wolkigen Sonntag im Mai 1832 versammelten sich auf dem Schloss in der Haardt Zehntausende aus allen deutschen und benachbarten Regionen zugereisten Bürger. Sie wollten gemeinsam für Freiheit und die Nationale Einheit des damals noch fragmentierten Deutschlands kämpfen. Es war ein einmaliges Ereignis für diese Generation.
Neustadt – Paris – Warschau: Europa brodelt
„Gegen die willkürliche unterdrückende Obrigkeit“ der damaligen deutschen Kleinstaaten hätten sich die Freiheitlichen stemmen wollen, schildert Kristian Buchna, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Hambacher Schloss. „Neustadt war ein Hotspot für das liberale Bürgertum, aber das Hambacher Fest war insbesondere auch eingebettet in den europäischen Zusammenhang.“
So etwa in die Juli-Revolution in Paris 1830 und noch im selben Jahr in den Novemberaufstand in Polen, der sich gegen die autokratische Herrschaft des russischen Zaren richtete. „Für die freiheitliche Bewegung in Deutschland war der Novemberaufstand in Polen interessant, weil er nicht rein akademisch war. Er wurde für die Deutschen zu einer Projektionsfläche für Freiheit und Nationale Einheit“, sagt Buchna.
Die Pfalz-Revolution nimmt Fahrt auf
Bald gründeten sich in ganz Deutschland Polen-Vereine zur Unterstützung der polnischen Freiheitskämpfer mit Geld und Sachspenden. Die Polen-Schwärmerei drückte sich in Liedern, Märchen und Flugblättern aus – auch in Neustadt. „Ohne Polenfreiheit keine Deutschenfreiheit“, zitiert Buchna die gängige Meinung der Freiheitlichen.
In Neustadt gründete sich der Polen-Verein Mitte 1831 und schon ein halbes Jahr später konnte die freiheitlich gesinnte Stadt eine Kolonne der aus ihrem Heimatland vertriebenen Polen feierlich empfangen. „Schon am Mußbach (rund drei Kilometer von der Neustadter Kernstadt entfernt) begrüßte eine Musikkapelle die Polenkolonne“, beschreibt Buchna die Begeisterung der Neustadter für die kämpferischen Freiheitsidole aus dem Osten. Sie waren auf dem Weg nach Frankreich, wo ihnen Asyl gewährt worden war.
Hambach zeigt ein Herz für Polen
Nur vier Monate später, an jenem wolkigen Maitag 1832, kehrten einige dieser polnischen Vertriebenen zum Hambacher Fest zurück. Wieder wurden sie herzlich von den zehntausenden Teilnehmern empfangen, unter denen sich auch der Polen-Verein der Frauen Neustadts befand.
„Die Frauen hatten sich in ihrer Polenschwärmerei zusammengefunden und aus dem männerdominierten Verein herausgelöst. Sie waren es auch, die die polnische Fahne für das Fest nähten, was nicht als einfache Haushaltsarbeit verstanden werden darf, sondern als ungemein politisches Engagement“, macht Buchna auf die Rolle der Frau in dieser Pfälzer Revolution aufmerksam.
In den immer und überall gesungenen Liedern, in Ansprachen und Erinnerungen spiegelt sich die Bedeutung von Polen für diese Pfalz-Revolte wider. Buchna resümiert die Bedeutung des Hambacher Festes für Deutschland und seine Nachbarländer: „Noch heute ist Polnisch eine der drei Sprachen, in die wir unseren Audioguide und unsere Flyer übersetzen. Das Hambacher Fest war gerade auch wegen der Geschichte immer wieder ein Begegnungsort für Treffen zwischen Deutschland, Polen und Frankreich“.
Anfahrt und Besuch
Das Hambacher Schloss in Neustadt-Hambach ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet und mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Buslinie 502) oder per Auto zu erreichen. Neben auf Deutsch und Polnisch bietet der Audioguide Führungen auf Englisch und Französisch an.