Neustadt Pfälzer Obst in alle Welt
Neustadt. Heute würde man ihn wohl als jungen Startup-Unternehmer bezeichnen: 1875, mit gerade einmal 19 Jahren, begann der Neustadter August Faller Obstkonserven herzustellen – eine damals noch vergleichsweise neue Technik. Mit der Zeit entwickelte sich dann am Standort in der Landauer Straße eine ausgedehnte Fabrikanlage, von der aus ganz Deutschland mit Obst- und später auch Gemüsekonserven beliefert wurde. Doch 1970 war damit Schluss: Eine kostendeckende Produktion schien nicht mehr möglich. Der Betrieb wurde eingestellt.
Napoleon Bonaparte soll 1795 den Anstoß gegeben haben: Um für seine Armee haltbare Lebensmittel zu erhalten, schrieb er einen Wettbewerb aus, aus dem ein gewisser Nicolas Appert mit der Idee, Nahrungsmittel in luftdicht verschlossenen Behältnissen zu erhitzen und dadurch zu konservieren, als Sieger hervorging. Die Engländer und später die Amerikaner entwickelten die Technik weiter, doch zur fabrikmäßigen Anwendung kam das Ganze so richtig erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. August Faller, der 1856 als Sohn eines Lehrers in Obermoschel geboren worden war und eine kaufmännische Ausbildung im Kolonialwarenhandel absolviert hatte, war also ein echter Pionier auf seinem Gebiet, als er 1875 in der Landauer Straße 34 das Anwesen einer ehemaligen Brauerei erwarb und hier seinen Obstkonserven-Betrieb einrichtete: Die ersten Produkte waren Dosenfrüchte aus der obstreichen Vorderpfalz, aber auch solche in dünner Zuckerlösung in Gläsern. Auch eingelegte Mandeln gehörten als regionale Spezialität von Anfang an zum Angebot. Die Leistung ist umso höher einzustufen, als Faller dabei in vielem technisches Neuland beschritt: Nicht nur, dass die Obstzüchter auf die für die Konservenindustrie geeigneten Sorten eingestellt und für jedes Obst zunächst eine massenkompatible Konservierungsmethode entwickelt werden musste, auch die Konservenindustrie als solche steckte noch in den Kinderschuhen. So mussten die Dosen zunächst noch in Eigenregie angefertigt werden, weil es keine brauchbare Blechemballagen-Fabrik in der Umgebung gab. Später wurden sie von dem Haßlocher Spengler Heinrich Brauch zugeliefert, dessen Betrieb später von Schmalbach-Lubeka übernommen wurde. Und natürlich musste auch das Publikum erst vom Nutzen der neuen Produkte überzeugt werden. Doch alle Anfangsschwierigkeiten wurden überwunden, und 1898 entstand auf dem zugekauften Nachbargrundstück in der Landauer Straße 36 ein neues Produktionsgebäude mit Lager, Kesselhaus und Umkleideräumen für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Bereits 1902 trat der älteste Sohn Eugen Faller in die Fabrik ein, der nach dem Tod des Firmengründers 1933 die alleinige Leitung übernahm. Der Enkel Friedrich setzte die Familientradition nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 fort und absolvierte eine Ausbildung zum Konserventechniker in Braunschweig. Er war es auch, auf den noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Initiative zurückging, künftig auch Gemüse zu verarbeiten, was weitaus schwieriger haltbar zu machen ist als Obst. Die notwendigen Maschinen mussten in Braunschweig gekauft und – die D-Mark war noch Zukunftsmusik – in flüssigen Naturalien, sprich: Pfälzer Wein, bezahlt werden, wie Friedrich Faller in einem Gedächtnisprotokoll aufgezeichnet hat, das dem Neustadter Stadtarchiv vorliegt. Darin führte er auch den Produktionsablauf im Verlauf des Jahres auf – von grünen Mandeln, Stachelbeeren und Spargel im Frühjahr bis hin zu Birnen, Pfirsichen, Zwetschgen, Pilzen und Sellerie im Herbst und Römischen Pflaumen im Winter. Die Rohstoffe kamen dabei keineswegs nur aus der Region, sondern wurden aus ganz Europa eingekauft: Paprika etwa in der Türkei, Preiselbeeren in Skandinavien. Extra für den norddeutschen Markt wurden Kasseler Strünkchen ins Programm aufgenommen, ein kohlrabiähnliches Gemüse. So entwickelte sich der inzwischen als Kommanditgesellschaft geführte Betrieb in der Wirtschaftswunderzeit zu einem bedeutenden Unternehmen der Lebensmittelindustrie mit mehrfach modernisierten und vergrößerten Betriebsanlagen und einem weitverzweigten Vertreternetz. Vor allem Frauen arbeiten hier in Fließbandarbeit – die RHEINPFALZ berichtet 1952 von „150 Paar Händen junger Mädchen und Frauen“, die an den Bändern im Einsatz waren. 300 000 Konservendosen und 15 000 Eimer Marmelade zu je zwölf Kilo werden damals als Jahresproduktion genannt. Kunden seien vor allem Eisdielen, Feinkostgeschäfte, Hotels, Konditoreien, Krankenhäuser und Werksküchen großer Betriebe gewesen, erinnerte sich Friedrich Faller später. Ende der 60er Jahre freilich änderten sich die ökonomischen Rahmenbedingungen: „Es kamen immer mehr billige Konkurrenzprodukte, vor allem aus Fernost, auf den deutschen Markt. Es wurde immer schwieriger, die Ware zu kostendeckenden Bedingungen herzustellen“, schrieb Friedrich Faller, der deshalb 1969 gemeinsam mit seinem Vater Eugen den Entschluss fasste, die Produktion stillzulegen. Die Liquidation erfolgte 1970, die Firma wurde am Jahresende 1973 aus dem Handelsregister gelöscht – ein Opfer der Globalisierung, auch wenn damals noch niemand dieses Wort kannte. Das Anwesen in der Landauer Straße 34/36 (neben dem Blumengeschäft Fischer) wurde an einen Bauunternehmer verkauft, die Fabrik-Gebäude abgerissen und ein Wohnhaus an deren Stelle errichtet. Aus dem Nachlass der Neustadter Traditionsfirma gelangten später etliche Dokumente und Exponate in den Besitz des Stadtarchivs – darunter sogar noch einige Konservengläser mit originalem Obst-Inhalt aus der Zeit um 1900.