Neidenfels RHEINPFALZ Plus Artikel Papierfabrik Julius Glatz GmbH verkauft

Die Papierfabrik Julius Glatz GmbH in Neidenfels.
Die Papierfabrik Julius Glatz GmbH in Neidenfels.

Die 1885 in Neidenfels gegründete Papierfabrik Julius Glatz GmbH ist Teil der Seaman-Paper-Gruppe mit Hauptsitz in den USA geworden. Der Standort soll nicht nur erhalten, sondern auch weiter entwickelt werden.

Nina Ritter-Reischl, bis Dienstag Geschäftsführerin der Neidenfelser Julius Glatz GmbH, spricht von einer Win-win-Situation. In die neu gegründete Partnerschaft mit der Seaman-Paper-Gruppe bringe Glatz das Know-how in Sachen Feinpapiere ein, die Seaman-Gruppe wiederum die Kompetenzen einer Forschungsabteilung und eines breit aufgestellten Vertriebs. „Wir sind eine relativ kleine Einheit und schon eine Weile auf der Suche nach einem Partner, der unsere Werte als Manufaktur schätzt“, erklärte Ritter-Reischl. Seaman sei schon länger Kunde von Glatz, und im Laufe des Jahres 2024 hätten sich Gespräche entwickelt, wie die beiden Unternehmen Synergien entwickeln könnten. Seaman passe zu Glatz, da es sich ebenfalls um ein Familienunternehmen handele. Der Wind sei rauer geworden in der Branche. Neue, innovative Produkte seien wichtig für Glatz.

„Elementar“ sei für sie in den Gesprächen mit Seaman Paper gewesen, dass der Standort Neidenfels erhalten bleibe, betonte Ritter-Reischl. Das sei der Fall: „Niemand muss Angst um seinen Arbeitsplatz haben.“ Die rund 240 Glatz-Mitarbeiter würden in das Seaman-Paper-Team integriert, und die Julius Glatz GmbH werde als rechtlich eigenständige GmbH fortgeführt. Die etablierte Marke werde so erhalten.

In USA, Asien und Europa vertreten

Die Seaman-Paper-Gruppe ist ein global agierender Hersteller von Spezialpapieren mit Produktionsstandorten in den USA, Asien und Europa. In seiner heutigen Form wurde das Unternehmen mit Hauptsitz in Gardner (Massachusetts, USA) nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Es gab jedoch Vorgänger-Unternehmen, auf die auch der Name Seaman zurückgeht. 2015 erwarb die Gruppe die deutsche Werola Krepp- und Buntpapierfabrik in Rastatt, 2016 den italienischen Produzenten Pagliani Carta, 2022 das Unternehmen Eagle Tissue of South Windsor, USA. Auch in China, Hongkong, Vietnam und Indien hat die Seaman-Gruppe Produktionsstätten.

In Rastatt werden mit gut 40 Mitarbeitern unter anderem Krepp-Papiere für den Bastel-, Medizin- und Industriebereich hergestellt, darüber hinaus hochwertige Seidenpapiere und robuste Packpapiere. Nach Firmenangaben ist Seaman Paper mit der Marke Werola europäischer Marktführer im Bereich Feinkrepp.

„Für uns ein großer Deal“

In Europa wird Glatz der größte Produktionsstandort der Gruppe sein. „Das ist für uns ein großer Deal“, verdeutlichte Bernd Firmbach im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Firmbach, Geschäftsführer der Seaman Paper Europe GmbH in Rastatt und zugleich Leiter der weltweiten Produktentwicklung, wird zusammen mit Thomas Fritz, dem bisherigen technischen Leiter in Neidenfels, die Geschäftsführung übernehmen. Ritter-Reischl wird noch ein halbes Jahr lang in beratender Funktion für das Unternehmen da sein. Betroffen von der Übernahme sind die Julius Glatz GmbH, die PaperTec GmbH und die Glatz TransTec GmbH.

Mit Glatz werde die Angebotspalette von Seaman Paper durch „hochwertige Papiere“ erweitert, die sich durch eine „sehr hohe Reinheit“ auszeichneten, sagte Firmbach. Auch die „tolle fachliche Qualität der Mitarbeiter“ und die Labore seien eine Bereicherung. „Wir sind tief beeindruckt von dem Talent und der technologischen Expertise der Mitarbeitenden von Glatz“, wird der Geschäftsführer von Seaman Paper, Kenneth Winterhalter, in einer Pressemitteilung zitiert. Er kündigt an, in das regionale Wachstum von Glatz zu investieren, die Produktionskapazitäten zu erweitern und die Glatz-Technologie einzusetzen, um neue Märkte zu erschließen. Die Übernahme sei ein Meilenstein in der Geschichte von Seaman Paper.

Energiepreise entscheidend

Die Julius Glatz GmbH gehört weltweit zu den führenden Herstellern von Feinpapieren. Nina Ritter-Reischl, Tochter des früheren Glatz-Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Ritter, ist seit 2006 bei Glatz und seit 2010 Mitglied der Geschäftsführung, zunächst zusammen mit Roman Reischl, der 2006 in Neidenfels Geschäftsführer wurde.

Die RHEINPFALZ berichtete zuletzt vor zwei Jahren über das Unternehmen. Zu dem Zeitpunkt litt die Papierfabrik unter den hohen Energiepreisen in Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Ritter-Reischl sagte damals, sie sei froh, dass das Neidenfelser Unternehmen „in dieser schwierigen Situation sehr, sehr gut aufgestellt“ sei. „Wir haben eine Eigenkapitalquote von 70 Prozent, keine Verbindlichkeiten und eine sehr gute Liquidität“, so die Unternehmerin damals.

Die Energiepreise seien weiterhin entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit, erklärte Ritter-Reischl am Dienstag. Es gebe Tage, an denen die Energie überproportional teuer sei.

Zur Geschichte der Julius Glatz GmbH

Die Vorgeschichte der Firma beginnt im Jahr 1882. Damals kaufte Adolph Glatz, Vorstand der Vereinigten Filzfabriken AG im schwäbischen Giengen, das damalige Neidenfelser Fabrikgebäude von den Erben des Lambrechter Tuchfabrikanten Johann Jakob Marx. Drei Jahre später gründete Glatz gemeinsam mit seinem Schwager, dem Filzfabrikanten Hans Haehnle, und seinem Neffen Julius Glatz eine Papierfabrik. Julius Glatz (1850-1899) hat der Firma bis heute ihren Namen gegeben. Zur ersten prägenden Persönlichkeit des Unternehmens wurde aber – auch wegen seines frühen Todes im Jahr 1899 – nicht er, sondern sein Onkel Adolph Glatz. Dieser zahlte Hans Haehnle und die Erben von Julius Glatz aus und führte das Unternehmen dann gemeinsam mit seinen Söhnen Erwin (1876-1961), Adolf (1880-1966) und Ernst (1885-1980). Letzter Geschäftsführer aus der Glatz-Familie war bis 1996 Gerhard Glatz, einziger Sohn von Robert Glatz, dem Sohn von Erwin Glatz.

Zwischen 1996 und 2006 gab es relativ häufig Geschäftsführerwechsel. Belastet wurde das Unternehmen damals durch die Probleme (und letztlich die Insolvenz) der Neustadter Papierfabrik Hoffmann & Engelmann, die zeitweise zur Glatzgruppe gehörte. 2006 wurde Roman Reischl Geschäftsführer. 2010 stieg Nina Ritter-Reischl in die Geschäftsleitung ein. (Quellen: Claus-Peter Westrich: Aus der Geschichte der Feinpapierfabriken Julius Glatz GmbH, Neidenfels, Eckhard Buddruss: Papierfabrik mitten im Pfälzerwald, RHEINPFALZ, 10. Februar 2016).

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