Neustadt
Offene Läden nach Lockdown: Willkomm hofft auf Lockerungen
Die „Unberechenbarkeit der Politik“ bemängelte Markus Schmitt, Inhaber des gleichnamigen Herrenmodehauses am Marktplatz: Im guten Glauben habe er im September Ware für das Weihnachtsgeschäft eingekauft, die Umsätze mit der Saisonware habe aber der Internethandel gemacht, beklagte er. Dass auch die Lebensmittelhändler Teile des Einzelhandelssortiments übernommen haben, habe zu massiven Marktverzerrungen geführt – und dies trotz funktionierender Hygienekonzepte.
Mit Einkäufen mit Termin und Lieferservice habe er die vergangenen zwei Wochen recht gut hinter sich gebracht, am Montag sowohl am Marktplatz als auch im Trend Store in der Kellereistraße etliche Kunde bedient. „Ich blicke verhalten optimistisch in die Zukunft, die Situation ist auf jeden Fall besser als vor einem Jahr“, sagt Schmitt.
Teils verheerende Umsatzeinbußen
Verheerende Umsatzeinbußen beklagten zudem Vertreter der Reise- und Veranstaltungsbranche, der Soloselbstständigen und der Kulturschaffenden. Dass Kultur in den vergangenen Monaten durchaus hätte stattfinden können, zeigte Kultur-Stadtverbandsvorsitzender Pascal Bender anhand des Orgelsommers auf: „Da hat alles geklappt.“ Trotzdem sei in Kauf genommen worden, dass zahlreiche Kunstschaffende auf die Grundsicherung angewiesen seien.
Die Gastronomie zu schließen, sei ein Fehler im Sinne der Pandemiebekämpfung gewesen, sagte Gereon Haumann, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Rheinland-Pfalz. Mittlerweile machten die Betriebe seit vier Monaten keine Umsätze mehr, gleichzeitig wollten die Menschen raus. Das führe zu Ansammlungen in der Öffentlichkeit und Picknicks im Freien, ohne dass Kontaktverfolgungen möglich seien. Seine Forderung war deshalb die Öffnung der Außengastronomie zum 15. März und der Hotels zu Ostern anstelle ungeordneter Familientreffen. „Die Inzidenz in Rheinland-Pfalz gibt das her, die massiven Grundrechtseinschränkungen sind nicht mehr begründbar“, sagte Haumann im Hinblick auf eine entsprechende Einschätzung des rheinland-pfälzischen Justizministers Herbert Mertin.
Hohe Kostenrisiken in der Gastronomie
„Wir wollen öffnen, wir können öffnen, aber wir dürfen nicht“, sagt Helmut Glas, Inhaber des Jägerstübchens in Hambach. Generell sei die Gastronomie bereit, viele Einschränkungen mitzutragen, doch einen gerade erst wieder hochgefahrenen Betrieb wieder schließen zu müssen, sei ein betriebswirtschaftliches Himmelfahrtskommando: „Wenn wir draußen öffnen dürfen und das Wetter nicht mitspielt, drehen die Mitarbeiter Däumchen und die Lebensmittel verderben“, umreißt er das Kostenrisiko. „Wir müssen lernen, mit der Bedrohung durch das Virus umzugehen und damit zu leben“, wirbt er für weitere vorsichtige Öffnungsschritte.
Mit den jüngsten Beschlüssen sei auch er nicht ganz glücklich, weil ausschließlich auf die Inzidenzzahlen geblickt werde, sagte Oberbürgermeister Marc Weigel. Infektionen in zwei größeren Familien würden theoretisch schon reichen, um die Zahlen derart in die Höhe zu treiben, dass der Handel wieder schließen müsste. Er hoffe auf Ermessensspielräume für die Kommunen und schlug vor, dass in Neustadt als Pilotprojekt auch der Handel Schnelltests anbietet. In der Hoffnung, erneute Schließungen zu verhindern.