Neustadt Offenbachs Welt
«Neustadt». Jahresende mit Offenbach bei Jubel und eitler Freude im Saalbau. In ihrem Silvesterkonzert hat die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz dem Begründer der Gattung Operette und Großmeister der musikalischen Satire gehuldigt, dessen Geburt in Köln sich am 20. Juni zum 200. Mal jähren wird. Am Pult stand der Pforzheimer Generalmusikdirektor Markus Huber. Die Solisten waren Preisträger des Meistersingerkurses und der vom Mandelring Quartett betreuten Frühlingsakademie.
Programmdramaturgische Idee des Konzerts war Offenbach und seine musikalische Umgebung. Zu der gehörten fraglos Johann Strauß (Sohn), Gounod und Rossini, der übrigens mit Vornamen Gioachino (oder Gioacchino) hieß und nicht Giacomo, wie Dirigent Huber bei seiner sonst sehr gewandten Moderation mehrfach konsequent wiederholt hatte. Giacomo war Puccinis Vorname. Franz Lehár dagegen zählte seinerseits mit Sicherheit zu den Schlüsselfiguren in der Geschichte der Operette, Offenbachs Gattung. Eine stilistische Verwandtschaft zwischen den beiden Komponisten lässt sich indes schwer konstruieren; und zu Tschaikowsky führt ein weiter Weg von Offenbach. Überhaupt: Offenbach pur tauchte lediglich einmal in der Vortragsfolge auf: mit der Ouvertüre zu „Pariser Leben“ („La vie Parisienne“) zu Beginn des zweiten Teils. Die Musik zum Ballett „Gaité Parisienne“ (Pariser Heiterkeit) des russischen Choreographen und Tänzers Léonide Massine, aus der einzelne Sätze im ersten Konzertteil mit den Gesangsbeiträgen alternierten, war dagegen vom Komponisten und Dirigenten Manuel Rosenthal aus Kompositionen Offenbachs zusammengestellt und orchestriert worden. Auch ist die bekannte, höchst wirkungsvolle Ouvertüre zu „Orpheus in der Unterwelt“, die sich in der landläufigen Bühnen- und Konzertpraxis durchsetzte, keine Originalkomposition Offenbachs. Carl Binder hatte sie für die Wiener Premiere der Uroperette aus dem musikalischen Material de Stücks arrangiert. Offenbachs Ouvertüre ist viel stiller und verhaltener, mutet fast träumerisch an. All dessen ungeachtet: Unter Hubers sehr überlegener, umsichtiger, den Apparat unermüdlich zu intensivem, angespanntem Musizieren anregender Stabführung spielte die Staatsphilharmonie an diesem Abend entfesselt, mit übermütigem Schwung, stets konzentriert und mit Nachdruck. Wo es dann darauf ankam, ließ sie Eleganz, Anmut und Grazie ebenfalls nicht vermissen. Anerkennung gebührt außerdem den exquisiten Beiträgen der Soloinstrumentalisten des Orchesters. Stellvertretend hervorgehoben seien die Konzertmeisterin und die Solocellistin („Orpheus“-Ouvertüre), der Oboist (Johann Strauß` „Zigeunerbaron“-Ouvertüre) und der Klarinettist. Von den Preisträgern beeindruckte Ruth Katharina Peeck, Siegerin des Meistersinger-Wettbewerbs mit überaus geläufigem Ziergesang in der Kavatine der Titelgestalt aus Rossinis „Semiramide“ und einfühlsamem Vortrag von Siebels Arie aus Gounods „Faust“. Mit angenehm gefärbten Tenor sang Fabian Kelly aus Speyer (dritter Preis) „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehárs „Land des Lächelns“, während Florian Küppers (zweiter Preis), Don Basilios „Verleumdungsarie“ einiges an Bass-Substanz schuldig blieb. Als Virtuosin von Format mit feinem Klangsinn profilierte sich schließlich die aus Serbien stammende Geigerin Aleksandra Malin mit Tschaikowskys höchst elegant, mit astreinem Ton und außerordentlich bravourös servierter „Valse scherzo“. Helle Begeisterung bei ausgelassener, festlicher Laune herrschte zum Schluss bei den Zugaben: Offenbachs Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ und Johann Strauß Vaters Radetzky-Marsch bei dem das Publikum fröhlich mitklatschte unter Hubers schmunzelnder Leitung, der die Angelegenheit sehr zu genießen schien.