Neustadt Oden an die Vergänglichkeit
«Neustadt.» „O Tod, wie bitter bist du!“ – das war das Motto des Liederabends mit dem stimmgewaltigen Bassbariton Mathias Mann und der selbstsicher begleitenden Verena Börsch am Klavier in der Alten Winzinger Kirche am Samstag. Die beiden boten ein Programm voller Oden an die Vergänglichkeit von Hugo Wolf, Johannes Brahms und Gustav Mahler. Die älteste der Neustadter Kirchen war komplett gefüllt, trotz oder gerade wegen der niederdrückenden Thematik.
Eine Liederabend, der durchgehend den Tod – den eigenen, bevorstehenden, den Tod an sich, den Tod der eigenen Kinder – zum Thema hat, ist eigentlich eine depressive Sache. Oder doch nicht? Hat diese Thematik nicht einen ganz eigenartigen Reiz? Warum zieht uns die Vergänglichkeit so magisch an? Und warum ist sie immer wieder zentrales Thema des Schaffens großer Künstler? Oh süße Melancholie! Mathias Mann und Verena Börsch brachten dem Auditorium routiniert alle Vanitas-Symbole näher. Mann, ausgestattet mit einer bisweilen gewaltigen, an anderer Stelle durchaus intim innigen Stimme, gestaltete die Auswahl der Lieder sehr dynamisch, ausdrucksstark und immer mit Blick auf den Text. Seine Ausdrucksmittel reichten von schmerzhaften, fast sentimentalen Empfindungen in Mahlers Kindertotenliedern bis zum stattlichen Aufbäumen gegen den Tod in Brahms’ Spätwerk „Vier ernste Gesänge“. Verena Börsch differenzierte intelligent: Ihre Begleitung reichte von reiner harmonischer Untermalung des Gesangs bis zu solistischen und also auch gleichberechtigten Stimmen bei Mahler. So wurden die Anwesenden Zeugen eines beeindruckenden Programms mit raffinierten Untertönen. Das begann schon bei Hugo Wolfs Michelangelo-Liedern aus dem Jahre 1897. Diese Kompositionen sind wahre Kleinodien der hochromantischen Liedkunst und wesentlich gehaltvoller als vieles, was sonst von Wolf vorgetragen wird. Den Titel haben die Lieder, weil die Textübertragungen aus der Feder des Renaissance-Meisters stammen. Mann startete noch bedacht, Börsch begleitete bereits selbstbewusst, aber „lieddienlich“. Leider zeigten sich hier bereits die beiden Details, die den Genuss des Abends ein wenig trübten: Wenn Mann seine Stimme ins Forte schraubte, was stets durchaus sinnvoll innerhalb der Kompositionen gesetzt war, sorgte der immense Hall der Winzinger Kirche dafür, dass die Stimme akustisch verschwamm und die Textverständlichkeit litt. Der zweite Wermutstropfen war ebenfalls ein technischer: An Phrasenenden und an den Schlüssen der Lieder hielt Börsch den ersterbenden Klavierton mit dem Pedal fest, um ihn dann abrupt zu beenden. Soweit, so normal. Allerdings schnitt das Pedal den Ton nicht komplett ab. Es blieben stets noch einige (unschöne) Resonanzen im Raum stehen. Das störte den Hörgenuss und war sicher für die Pianistin, die sich nichts anmerken ließ, auch kein Spaß. Es folgten „Vier ernste Gesänge“, op. 121, ein Spätwerk von Johannes Brahms, komponiert im Jahre 1896. Die Auswahl der Werke hatte also nicht nur einen programmatischen Zusammenhang, sondern alle Lieder stammen auch aus derselben Zeit. Dieser Zyklus erinnert nicht nur thematisch an das wesentlich frühere Requiem. Brahms führt seine Hörer mit Texten aus dem Alten Testament auch musikalisch in düstere Abgründe. Doch was zunächst so depressiv daherkommt, es beginnt in niederdrückendem d-Moll, endet mit einem berühmten Text aus dem Neuen Testament in Es-Dur. Wir haben es also mit einer musikalischen Entwicklung zu tun, die aus der Verzweiflung quasi ins Licht und die Erlösung führt. Mann und Börsch ließen das Publikum diese Entwicklung deutlich mit- und nachvollziehen. Da reichte die Darstellung von beeindruckend innig und ergreifend bis schmerzhaft. Den letzten Programmpunkt bildeten Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“ aus den Jahren 1901 bis 1904 nach Gedichten aus der gleichnamigen und sehr umfangreichen Gedichtsammlung von Friedrich Rückert. Der hatte zwei seiner geliebten Kinder verloren und war dadurch so sehr in Betrübnis gefallen, dass er über 400 schmerzvolle Gedichte darüber verfasste. Mahler, selbst Vater zweier Töchter, vertonte fünf Texte so, dass dem Hörer der Schmerz und das Leid gleichsam entgegenkommen. Merkwürdig ist an diesen Kompositionen vor allem, dass zu der Zeit, da Mahler an den Werken arbeitet, seine beiden Töchter quicklebendig waren. Mahlers Frau Alma regte sich über diese Kompositionen (verständlicherweise) auf und konnte nicht verstehen, was Mahler zu dieser Thematik trieb. Einige Jahre später starb Mahlers ältere Tochter tatsächlich. So haben diese Lieder durch unser heutiges Wissen eine besondere Wirkung. Dem trugen die beiden Musiker Rechnung: Düster und bedrückt kamen die Lieder daher. Insbesondere das beinahe mit fröhlichem Unterton vorgetragene „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen“ wirkte schwer nach. Manns Stimme und Interpretation passten ganz ausgezeichnet zu Mahlers trauriger Tonsprache. Börsch begleitete hier gar nicht mehr, sondern emanzipierte sich völlig. Mahlers Klavierparts gaben ihr die Möglichkeit, im gleichwertigen Zusammenspiel neben der Stimme düstere Akzente zu setzen. Der Pianistin gelang ganz am Ende noch der Kunstgriff, ein Zitat aus dem vielleicht schönsten Lied Mahlers hervortreten zu lassen: Das Motiv aus „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ war deutlich zu vernehmen. Toll! Auch Mahlers Zyklus beginnt in d-Moll und endet, beinahe versöhnlich, in D-Dur. So konnte man als Zuhörer nach einem Abend der düsteren Thematik einen hoffnungsvollen Schlussakkord mit nach Hause nehmen.